Politik : Taschenspieler

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Alle kleinen Jungs haben immer ihre Hosentaschen voll mit irgendwas. Echte steinzeitliche Pfeilspitzen (oder jedenfalls Steine, die so aussehen, als ob der Neandertaler damit auf den Säbelzahntiger Jagd gemacht haben könnte), ein fast ganz kaputtes Feuerzeug, in dem aber noch ein bisschen flüssiges Gas schwappt, ein Schlüssel ohne Schloss, ein Fahrradventil, drei Kaugummis, ein stumpfes Taschenmesser. Lauter Krimskrams, unnütz – aber enorm beruhigend. Wenn eine Riesenwelle die Stadt überschwemmen, eine Lavaspalte unverhofft auf dem Supermarktparkplatz sich auftun oder drei Raumschiffe mit Außerirdischen auf ihm landen sollten, steht der kleine Junge nicht mit leeren Händen da. Er hat etwas bei sich, um die Menschheit zu retten. Zum Beispiel, weil sich erweist, dass Marsmenschen von Kaugummi platzen.

Große Jungs tagträumen nicht mehr ständig davon, die Menschheit retten zu müssen. Aber leere Taschen ertragen sie immer noch schlecht. Es macht sie nervös. Dann brauchen sie etwas, mit den Händen zu spielen. Früher trugen große Jungs zu diesem Zweck Schweizer Vielzweck-Taschenmesser mit sich herum. Die werden jetzt aber bei der Flughafenkontrolle immer konfisziert. Ein Handy ist nicht schlecht, füllt die Tasche angenehm aus, neuerdings mit Kamera und Radio. Otto Schily aber, der ein ganz großer Junge ist, hat das ultimative Taschenspielzeug. Es ist ein Ding, das sieht aus wie ein Kugelschreiber mit durchsichtigem Druckknopf. Da drin steckt aber eine rote Leuchte und eine Elektronik. Das Ding blinkt los, wenn ein Handy im Raum an ist. Aber ganz bestimmt auch, wenn ein Marsraumschiff sich der Erde nähert!

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