"Tatort" als Theater : Ein Fall für Peymann

Das Fernsehen stammt von der Bühne ab. Das hat jetzt der "Tatort" mit Ulrich Tukur bewiesen. Nun sollte es dem Theater die Schauspieler zurückgeben.

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Großes Theater: Ulrich Tukur als LKA-Ermittler Kommissar Felix Murot als LKA-Ermittler in der "Tatort"-Folge "Im Schmerz geboren".
Großes Theater: Ulrich Tukur als LKA-Ermittler Kommissar Felix Murot als LKA-Ermittler in der "Tatort"-Folge "Im Schmerz geboren".Foto: HR/dpa

Kein Wunder, dass nichts los ist im Theater. All die wunderbaren Schauspieler tummeln sich im „Tatort“. Margarita Broich, Dagmar Manzel, Fabian Hinrichs, Axel Prahl, Wolfram Koch, Martin Wuttke tragen oder trugen den Dienstausweis der TV-Kommissare. Ohne Theaterstars wäre der „Tatort“ gar nicht vorstellbar.

Die irre Ulrich-Tukur-Show vom vergangenen Sonntag brachte den endgültigen Beweis: Das Fernsehen stammt nicht vom Film, sondern direkt von der Bühne ab. Und wenn das Fernsehen, wie in der „Wer bin ich?“-„Tatort“-Folge, sich mal etwas traut, dann greift es tief in die Traditionskiste des surrealen Theaters, das plötzlich ganz real wird.

Publikums- und Kritikerbeschimpfung, Spielabbruch: Wie in den Zwanzigern

Was Tukur & Co. da veranstaltet haben, war wie einst bei Pirandello. Der italienische Dramatiker und Nobelpreisträger schrieb in den Zwanzigerjahren Stücke, in denen er, um es milde auszudrücken, mit den Erwartungen der Zuschauer seine Scherze trieb. Er nahm das Theater auseinander, spaltete seine Figuren, ließ sie orientierungslos dahintreiben.

In der Farce „Heute Abend wird aus dem Stegreif gespielt“ schaffte er nominell den Autor ab - das Stück soll, so die Regieanweisung, anonym angekündigt werden. Er ätzte über die „typischen Premierenbesucher“ und beschimpfte die „Herren Theaterkritiker, die morgen unschwer erklären können, was für ein Quark das Ganze war“. Die Aufführung in Berlin im Jahr 1930 geriet zum Skandal, Zuschauer mischten sich ein, es kam zum Spielabbruch.

Und Peymann? Wird weise.

Skandale auf dem Theater – die sind aus. Das weiß auch Claus Peymann. Der Direktor des Berliner Ensembles gibt in einem Interview der „Zeit“ jetzt nicht mehr den guten alten Rabauken, sondern spricht wie ein beinahe weiser Mann.

Das macht ihn, mit 78 Jahren, dann doch noch sympathisch. Wenn er zum Beispiel sagt: „Meine Zeit in Berlin, das war von Anfang an ein Epilog meiner Theaterarbeit – nicht frei von Wehleidigkeit und Fehlern.“

Aber auch hier nichts wirklich Neues. Man hat 2015 manches gelernt im Theater, viel diskutiert und wenig gesehen, was in Erinnerung bleibt. In dieser Richtung hat sich auch Ulrich Tukur dieser Tage geäußert. Er sei aus dem Theater ausgestiegen, „als die Regisseure anfingen, sich über die dramatische Literatur zu erheben und in Ermangelung neuer Stücke fragmentierten und zerstörten, was mir wertvoll war“.

Ein Wunsch fürs neue Jahr: alle wieder auf die Bühne!

Wenn man sich etwas wünschen darf fürs neue Jahr: Koch, Tukur, Wuttke und natürlich auch Samuel Finzi gemeinsam auf der Bühne, so aufgedreht komisch wie bei der nächtlichen „Tatort“-Autobahnfahrt. Peymann, Sie übernehmen den Fall!

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