Politik : Tatverdächtige aus Hamburg: el-amir@tu-harburg.de

René Martens

Wenn leicht bornierte Hamburger Lokalpatrioten einen Witz machen wollen, dann sagen sie, Süddeutschland fange schon hinter den Elbbrücken an. Auf der anderen Seite des Flusses, in der vermeintlichen Diaspora, liegt der verschlafene Stadtteil Harburg mit seinen 98 000 Einwohnern. Die Distanz beruht auf Gegenseitigkeit. "Wir fahren nach Hamburg, sagen viele Harburger, wenn sie sich in die Innenstadt begeben, die 15 S-Bahn-Minuten entfernt ist.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Ausgerechnet hier, im Wahlkreis von Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe, soll das Böse gewohnt haben: Der 33-jährige Mohammed Atta, der mutmaßlich das Flugzeug in den ersten Turm des New Yorker World Trade Centers gelenkt hat, sowie der zehn Jahre jüngere Marwan Al-Shehhi, der verdächtigt wird, auf den zweiten Tower zugesteuert zu haben. Ihre zwischenzeitliche Unterkunft liegt in einer leicht bergigen Gegend, in der die Kneipen "Bürgerstube" heißen und viele Häuser allenfalls durch kleine Inschriften auffallen: "1944 zerstört, 1955 wieder aufgebaut".

"Ordentlich benommen" haben sich Atta und Al-Shehhi in dieser kleinen grauen Welt, sagt Olaf Scholz, der Hamburger Innensenator. Nicht einmal gegen eine ordentliche deutsche Fußmatte hatten die islamischen Fundamentalisten etwas einzuwenden. "Moin, Moin", steht auf dem Abtreter, der vor ihrer ehemaligen Wohnung im ersten Stock in der Marienstraße 54 liegt. Die mutmaßlichen Massenmörder galten in Harburg als die harmlosen Exoten von nebenan. "Der mit der Kappe" sei ihr aufgefallen, sagt eine Nachbarin. "Es war eher ein hoher Hut", sagt eine andere. "Ich fand das aber nicht besonders, das war so, als wenn hier einer im Kostüm vorbei geht." Einer Frau ist aufgefallen, dass sie "keine Gardinen" hatten. 200 Meter bergabwärts, in einem Haus an der Ecke zur Wilhelmstraße, war Atta offiziell gemeldet.

Zu dem Ort, wo sie sich praktisch täglich aufhielten, brauchten Atta und Al-Shehhi knapp drei Minuten zu Fuß: zur Technischen Universität Harburg. 5000 Studenten sind hier eingeschrieben, der Ausländeranteil ist relativ hoch (20 Prozent), und die Anlage ist im Vergleich zu manchen anderen Hochschulen architektonisch halbwegs attraktiv, weil sie in eine Parklandschaft eingebunden ist. Das Schlagwort, mit dem die Ingenieurs-Kaderschmiede für sich wirbt, lautet "ThinkING."

Mohamed Atta hat hier acht Jahre lang nachgedacht, bis er 1999 als diplomierter Ingenieur abschloss; danach war er vermutlich noch als studentische Hilfskraft tätig. In welchem Studiengang Atta, der unter dem Namen Mohammed El-Amir eingeschrieben war und eine e-mail-Adresse hatte, sein Diplom machte, darf TU-Präsident Christian Nedeß nicht sagen, weil ihn das BKA entsprechend angewiesen hat. Al-Shehhi war ein Jahr lang im Bereich Schiffsbau immatrikuliert, und auch ein dritter Verdächtiger hat hier studiert. Das Image der Hochschule ist angekratzt, seitdem am Donnerstag die ersten Einzelheiten über die Vergangenheit der mutmaßlichen Attentäter an die Öffentlichkeit gelangt sind. Am Vormittag meldet sich im Sekretariat des Präsidiums ein Mann, der sich Schulz nennt. Er beschimpft die Mitarbeiter, die vermeintlich Terroristen ausbilden und rät ihnen, "sich lieber einen Bunker zu suchen". Kurz vor Mitternacht sagt Johannes B. Kerner in seiner Talkshow gegenüber Präsident Christian Nedeß, "seit heute" wisse man ja, wo drei der Attentäter ihre "Grundkenntnisse" erworben hätten. Eine Universität als Hort des Terrors - das ist eine Welt, wie sie vielen Menschen gefällt.

"Fliegen lernt man bei uns nicht", sagt Rüdiger Bendlin, der Marketingchef der TU, fast schon amüsiert. Zwar könne man Flugzeug-Systemtechnik studieren, aber das habe Atta definitiv nicht getan. Von Belang scheint da schon eher zu sein, dass Atta an der TU die "Islamische AG" gegründet hat. Obwohl er im letzten Jahr exmatrikuliert wurde, wird er im aktuellen Vorlesungsverzeichnis noch mit seiner E-Mail-Adresse als Ansprechpartner geführt.

In einem Gebäude am nördlichen Rand des Geländes, das Uni-intern seit jeher Baracke genannt wird, haben die Gläubigen ihren Gebetsraum, nebenan tagen die Amateurfunker und die Redakteure der ASTA-Zeitung. Die Islamisten seien nach außen nicht in Erscheinung getreten, sagt ASTA-Sprecher René Günther: "Keine Graffitis, keine Flugblätter". Außer Beten nichts gewesen, so scheint es. Andererseits weiß niemand genau, wie viel Menschen Attas Arbeitsgemeinschaft angehörten, denn "es gibt keine Mitgliederliste", sagt Ingrid Holst, die Pressereferentin der Hochschule. Die Schätzungen der Uni-Mitarbeiter schwanken zwischen 30 und 60, und Holst fügt hinzu, man wisse auch nicht, ob Bürger von außerhalb dabei gewesen seien. Das dürfte kaum die Befürchtung mindern, dass, sowohl in Harburg als auch in anderen Teilen Hamburgs, die Verwunderung über ungewöhnlich bekleidete Männer umschwenken könne in Hass auf alles Muslimische.

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