Teheran : Krawall vor deutscher Botschaft

Aus Protest gegen die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in Europa sind iranische Demonstranten erstmals auch vor die deutsche Botschaft in Teheran gezogen. Es ging auch um die Karikatur von Klaus Stuttmann in der Freitagsausgabe des Tagesspiegel.

Berlin/Teheran - Die etwa 60 Studenten von religiösen Zentren (Mullahstudenten), die der paramilitärischen Gruppe Basidsch (Freiwillige) nahe stehen, riefen "Tod Deutschland!" und bewarfen das Botschaftsgebäude mit Steinen und Brandsätzen, ohne größere Schäden anzurichten.

Die Demonstranten vor der deutschen Botschaft äußerten auch ihre Verärgerung über die Karikatur von Klaus Stuttmann in der Freitagsausgabe des Tagesspiegels, auf der iranische Fußballspieler mit umgeschnallten Bombengürteln zu sehen sind. Sie erwähnten dabei allerdings nicht den für Iraner schwer aussprechbaren Namen der Zeitung. "Jetzt wollen sie (im Westen) auch noch mit Karikaturen gegen die Nationalmannschaft uns von der WM ausschließen", sagten einige der Protestteilnehmer. "Wenn das so weitergeht, dann zeichnen die (im Westen) jeden Tag neue Karikaturen gegen uns." Über die Karikatur, die sich satirisch gegen den Einsatz der Bundeswehr bei der Fußball-WM wandte, hatte das iranische Sportblatt "90" am Sonntag berichtet.

Das Auswärtige Amt in Berlin verurteilte die Ausschreitungen in Teheran. Staatsminister Gernot Erler (SPD) sagte dem Tagesspiegel: "Die Bundesregierung bedauert, dass die Eskalation in Bezug auf die Karikaturen-Auseinandersetzung fortgesetzt wird, obwohl immer mehr gemäßigte Stimmen aus der muslimischen Welt vor der Fortsetzung dieses Konflikts warnen." Ein Sprecher des Außenamtes forderte die iranische Regierung nachdrücklich auf, ihre Verpflichtungen aus der Wiener Konvention, in dem der Schutz der Botschaften geregelt ist, einzuhalten. "Die Bundesregierung erwartet den vollständigen Schutz deutscher Einrichtungen und hat dies gegenüber der iranischen Seite auch verdeutlicht", hieß es.

Deutschlands namhafteste Karikaturisten stellten sich mit einem Solidaritätsschreiben an den Tagesspiegel hinter Stuttmann. Seine umstrittene Zeichnung habe "keine religiöse, sondern eine sehr weltliche, dazu rein innenpolitische Zielrichtung" gehabt, erklärten sie. Stuttmanns Ironie sei entweder nicht verstanden oder aber bewusst fehlinterpretiert worden, "um als Trittbrettfahrer des Karikaturenstreits die Stimmung weiter anheizen zu können". Der Grünen-Politiker Omid Nouripour veröffentlichte einen offenen Brief an Iraner und Iranischstämmige in Deutschland. Kritik an der Karikatur sei nachvollziehbar, erklärte das iranischstämmige Grünen-Vorstandsmitglied, nicht aber beleidigende Mails an Stuttmann oder gar Morddrohungen gegen ihn. "Wollen wir dort, wo es keine Zensur gibt, die Selbstzensur aus Todesangst?", heißt es in dem Schreiben, das auf iranischen Websites veröffentlicht werden soll. "Wir müssen die Kraft aufbringen, uns von denjenigen zu distanzieren, die mehr Angst vor ein paar Federstrichen haben als Respekt vor Menschenleben", schrieb Nouripour.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) protestierte gegen die Forderung der iranischen Botschaft nach einer Entschuldigung des Tagesspiegels für die Karikatur. Sein Vorsitzender Michael Konken sprach von einem dreisten Versuch, Einfluss auf die Berichterstattung einer deutschen Zeitung zu nehmen: "Wir lassen nicht zu, dass die iranische Regierung die Deutungshoheit über die Pressefreiheit in Deutschland erlangt." Der Brief an den Tagesspiegel zeige, dass die iranische Interpretation des Begriffs Pressefreiheit nicht auf dem Boden von Demokratie und Freiheit fuße. Das Botschaftsschreiben sei im Zusammenhang mit den Morddrohungen gegen den Karikaturisten unverantwortlich. (Tsp/dpa)

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