Politik : Teilnahmslos hocken sie in ihren Zelten

PETER COHRS,BENJAMIN WAGENER

Bis zu den Unterschenkeln versinken die Kinder im Matsch.Durch das kalte und nasse Wetter haben viele Husten und Schnupfen.Eine bedrückende Enge herrscht zwischen den Zelten.Das ist Alltag für die Kinder und Erwachsene in albanischen Flüchtlingslagern.Viele Mädchen und Jungen sprechen nicht oder weigern sich zu essen.Frauen sitzen apathisch in den Zelten: Sie stehen unter Schock und versuchen mühsam, die schrecklichen Erlebnisse im Kosovo und auf der Flucht zu verarbeiten.Die ärztliche Diagnose: Traumatisierung.Eine Therapie stellt die Hilfsorganisationen in der Region vor nahezu unüberwindbare Probleme.

Allein die Frage nach dem Grund der Flucht, löst bei den Frauen Tränen aus.Unter den Fluchterlebnissen werden sie lebenslang leiden.Psychosomatische Krankheiten, ständige Panik, Angst und Ruhelosigkeit können die Folge sein, erklärt Monika Hauser, Gründerin der Frauenhilfsorganisation "Medica mondiale".Die Ärztin arbeitet in den albanischen Flüchtlingslagern rund um Tirana."Den Frauen fällt es sehr schwer, in dieser Situation über ihr Schicksal zu berichten.Es ist ein langer Weg, ihr Vertrauen zu gewinnen.Das geht nur, wenn wir immer wieder in die Zelte gehen, immer wieder mit denselben Teams Gespräche anbieten", sagt Monika Hauser.Für Frauen stelle sich die Situation besonders schwierig dar.Dabei gehe es nicht nur darum, daß Gewalt gegen Frauen zum Kriegsalltag gehöre."Es ist einfach offensichtlich, daß systematische Vergewaltigungen im Krieg an der Tagesordnung sind." Zudem belaste die Situation, in der sich die Frauen in den Lagern befinden, schwer: Die meisten Männer, wenn sie nicht von serbischen Truppen verschleppt oder umgebracht wurden, blieben entweder im Kosovo oder gingen, nachdem sie ihre Familie über die Grenze gebracht hätten, wieder zurück ins Kriegsgebiet, um zu kämpfen."Die Frauen haben keinerlei Informationen.Diese Ungewißheit ist hart.Einige Frauen müssen sich zusätzlich noch um das Überleben ihrer oft sehr großen Familien kümmern".Über 80 Prozent der Vertriebenen in den Flüchtlingslagern sind Frauen und Kinder.

Die Versorgung kriegstraumatisierter Frauen bildet den Schwerpunkt der Arbeit von "Medica mondiale".Schon im Bosnien-Krieg kümmerte sich die Hilfsorganisation um Flüchtlingsfrauen und ihre Kinder.1993 - mitten im Krieg - richtete Monika Hauser im zentralbosnischen Zenica ein Haus ein, in dem Frauen bis heute medizinische und psychologische Hilfe erhalten.Für ihren Einsatz wurde sie 1993 von der Redaktion "ARD aktuell" zur "Frau des Jahres" gewählt.

Das Haus in Zenica soll als feste Einrichtung die Möglichkeit bieten, sich langfristig um Betroffene zu kümmern.Nur in einer vertrauten, sicheren Atmosphäre können Traumata wirklich behandelt werden.Unter Lagerbedingungen ist dies unmöglich, weiß Monika Hauser.Mehr als eine "Krisenintervention" könnten die Helfer nicht leisten."Würden wir von einer Therapie sprechen, würden wir suggerieren, die Frauen könnten durch unsere Arbeit eine Heilung erfahren.Eine Therapie kann es aber nur in einer Friedenssituation geben." Daher fordert Monika Hauser auch, mehr Flüchtlinge in andere Länder auszufliegen, um sie dort zu behandeln.

Generell hätten sich die großen Hilfsorganisationen lange Zeit viel zu wenig Gedanken um die psychosoziale Versorgung der Flüchtlinge gemacht, erst langsam setze das Umdenken ein."Man hat immer nur in Tonnen von Nahrungsmitteln gerechnet, das war die ganze Nothilfe", kritisiert die engagierte Ärztin, "natürlich sind Lebensmittel nötig, aber direkt danach muß eine psychische Betreuung einsetzen.Sonst haben die Menschen zwar zu essen, aber nichts für die Seele."

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