Politik : Teils, teils

Jeder vierte Arbeitnehmer hat keine volle Stelle. Nicht immer auf eigenen Wunsch. Die meisten Frauen würden gerne mehr arbeiten. Denn viele ihrer Jobs sind schlecht bezahlt.

von

Für die einen kommt es unfreiwillig. Sie arbeiten in Teilzeit, weil ein Vollzeitjob für sie nicht zu haben ist. Andere verzichten, zumindest zeitweilig, aus freien Stücken auf eine volle Stelle – weil sie mehr Zeit für die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder haben wollen, Angehörige pflegen oder einfach so die Balance zwischen Arbeit und Freizeit verändern wollen. Eindeutig ist: Teilzeit ist in Deutschland auf dem Vormarsch. Mehr als zehn Millionen Menschen von fast 40 Millionen Erwerbstätigen insgesamt arbeiten inzwischen in Teilzeit. Deutschlandweit lag die Teilzeitquote 2011 bei 26,5 Prozent, vor zehn Jahren bei knapp mehr als 20 Prozent und vor 20 Jahren bei rund 14 Prozent.

Und nur weil es so viele Teilzeitjobs gibt, ist inzwischen in Deutschland die Hälfte aller Beschäftigten weiblich, kurz nach der Wende stellten Frauen nur 44 Prozent aller Beschäftigten. Denn die Teilzeitquote, das belegt die Arbeitskräfteerhebung des Statistischen Bundesamts für 2011, ist unter Frauen mit fast 46 Prozent mehr als viermal so hoch wie unter Männern. Auch die Unterschiede zwischen Ost und West sind interessant: Im alten Bundesgebiet lag die Teilzeitquote 2011 von Frauen bei fast 50 Prozent, bei Männern nur bei knapp zehn Prozent. Umgekehrt arbeitete in den neuen Ländern und Berlin nur etwa jede Dritte der insgesamt beschäftigten Frauen in Teilzeit, dafür aber gut elf Prozent aller Männer.

Aus Sicht von Experten läuft manches in die richtige Richtung. Dass ebenso viele Frauen wie Männer überhaupt einen Job haben, wird beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit für gut befunden. Aber, so eine Analyse aus dem Jahr 2011, es wäre „vorschnell, angesichts gestiegener Erwerbstätigenzahlen eine uneingeschränkt positive Bilanz zu ziehen“. Denn: Viele Teilzeitjobs sind schlecht bezahlt. Fast die Hälfte aller teilzeitbeschäftigten Frauen und sogar zwei Drittel der Minijoberinnen würden, so die IAB-Erhebung, die vereinbarte Arbeitszeit gern deutlich ausweiten.

Vor allem im Osten der Republik aber klappt das immer schlechter. Die unfreiwillige Teilzeit ist dort stärker verbreitet – betriebliche Motive wie Personalbedarf, flexible Arbeitszeiten oder die Überbrückung von vorübergehenden Engpässen spielen dabei eine wesentliche Rolle.

Damit sprechen die Fachleute der Bundesagentur für Arbeit ein Problem an, das auch die Gewerkschaften sehen, wenn es um das Thema Teilzeit geht. Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied beim DGB, erläutert dem Tagesspiegel, gegen Teilzeitarbeit sei „nichts einzuwenden“ – aber nur, wenn sie freiwillig gewählt sei. Sie plädiert für eine „möglichst große Freiheit“ von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, vor allem auch für Paare. Sie stellt fest: „Männer wollen eher weniger arbeiten, Frauen eher mehr.“

Buntenbach fügt hinzu: „Doch die Freiheit besteht nur selten.“ Immer mehr Arbeitgeber würden die Teilzeit zur Flexibilisierung der Arbeitsläufe entdecken, vor allem im Dienstleistungsbereich. Krasse Probleme sieht die Gewerkschaftsfunktionärin bei den Minijobs: „Was ursprünglich als Sprungbrett in den Arbeitsmarkt gedacht war, erweist sich zunehmend als Falle besonders für Frauen und speziell für junge Mütter.“ Die Forderung Buntenbachs: Freiwillige Teilzeit erleichtern, unfreiwillige so gut es geht herunterfahren.

Das passt zu einem Gutachten, das das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn 2011 im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erstellt hat. Dem IZA ging es vor allem um qualifizierte Frauen mit Berufsausbildung oder akademischem Abschluss. Zum einen, weil in Vollzeit arbeitende Akademikerinnen ihre überlangen Arbeitszeiten gerne auf ein „Normalmaß“ reduzieren würden, wie das Institut ermittelt hat. Zum anderen, um Müttern nach einer Auszeit den Wiedereinstieg in das Berufsleben zu erleichtern. Die Empfehlung der Bonner Wissenschaftler fiel eindeutig aus: Es dürfe nicht nur um den Bedarf des Unternehmens gehen, auch die „familienfreundlich“ flexibel eingesetzten Arbeitnehmer brauchten Planungssicherheit – und die Akzeptanz für ihren flexiblen Einsatz bei Kollegen und Vorgesetzten.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben