Politik : Telefonieren nur im Notfall

Bundesamt gibt Tipps zum Verhalten nach Anschlag

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Berlin - Der Staatssekretär klang betont unaufgeregt. Es gebe jetzt „einen Flyer für das Verhalten bei besonderen Gefahrenlagen“, sagte Ole Schröder, der am Montag seinen Chef, Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), in Berlin beim Fachkongress zum Thema „Staatliche Risikokommunikation“ vertrat. Doch das en passant erwähnte Faltblatt ist ein Novum in der Geschichte der Terrorbekämpfung in Deutschland. Erstmals wird die Bevölkerung in Stichpunkten informiert, was man nach einem Anschlag tun sollte – und vor allem, was besser nicht.

Nach einem Terrorangriff „können weitere, noch nicht explodierte Sprengvorrichtungen vorhanden sein“, heißt es beispielsweise, „berühren Sie keine Gegenstände, die Ihnen verdächtig vorkommen“. Und: „Ziehen Sie Verschüttete nie einfach zwischen Trümmern hervor, sie könnten eingeklemmt sein.“ Ein weiterer Hinweis könnte sogar verhindern, dass die Folgen eines Anschlags Polizei und Feuerwehr lahmlegen. „Telefonieren Sie nur im äußersten Notfall, damit die Leitungen nicht zusammenbrechen“, steht in dem Faltblatt. Herausgeber ist das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), das im Jahr 2004 unter anderem als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 gegründet wurde und dem Innenministerium untersteht. Illustriert mit eindringlichen, aber nicht übermäßig dramatisierenden Bildern wird den Bürgern geraten, die Hinweise zu nutzen, „um sich vorzubereiten und um in einer Gefahrensituation handeln zu können“. Dieser Flyer gehört offenbar in jeden Haushalt. Im Internet steht er von diesem Dienstag an auf der Homepage des Amtes ( www.bbk.bund.de).

Auf den ersten Blick erstaunt jedoch, dass Ministerium und Bundesamt den Start der Informationskampagne eher leise intoniert haben. „Wir wollen Panik vorbeugen“, sagte BBK-Sprecherin Ursula Fuchs. Hätte das Amt den Flyer im vergangenen November herausgebracht, nach der Terrorwarnung des damaligen Innenministers Thomas de Maizière (CDU), wäre die Unruhe in der Bevölkerung noch gestiegen. Ganz im Sinne von Al Qaida. Also haben Ministerium und Amt so ein Faltblatt erst jetzt präsentiert, in Zeiten relativer Ruhe – und ohne Paukenschlag.

Der Fall verdeutlicht, wie schwierig „staatliche Risikokommunikation“ zu handhaben ist. Nicht nur bei Terroralarm, sondern auch bei mehr oder minder berechtigter Aufregung über Phänomene wie Schweinegrippe, Dioxin-Eier, Ehec-Seuche und die Atomkatastrophe von Fukushima. Schröder verwies auf die Probleme der Behörden, sachgerechten Hinweisen Gehör zu verschaffen. Gerade im Katastrophenfall sei die Bevölkerung „in kürzester Zeit einer Informationsflut ausgesetzt“, die noch durch Social Media wie Facebook und Twitter anschwelle. „Der größte Segen dieser Entwicklung, nämlich die Schnelligkeit, ist zugleich auch ihr größter Fluch“, warnte der Staatssekretär. Der Wahrheitsgehalt der gesendeten Informationen sei auf die Schnelle für den Nutzer schwer zu erkennen. Als Prävention gegen Panikmache schlug Schröder eine „zwischen Staat, Wissenschaft und Medien abgestimmte Risikokommunikationslinie“ vor. Um Ängste in der Bevölkerung abzubauen „und Hysterie oder Ohnmachtsgefühlen im Katastrophenfall vorzubeugen“.

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