Politik : "Tempelberg und Klagemauer": Munition für den Krieg der Worte

Ralf Balke

"In den meisten Staaten des Nahen Ostens ist die Archäologie noch heute eine nationale Aufgabe, und die Grabfunde haben politische Folgen." Mit diesen Worten beginnt Amy Dockser Marcus, von 1991 bis 1998 Korrespondentin des Wall Street Journals in Tel Aviv, ihr neues Buch über die Rolle der Ausgrabungen an biblischen Stätten im Nahost-Konflikt. Auf den ersten Blick mag man sich wundern, warum ausgerechnet eine Wirtschaftsjournalistin auf die Idee kommt, sich mit alten Steinen aus alttestamentarischer Zeit zu beschäftigen.

Die Tatsache aber, dass praktisch alle nationalen Symbole Israels und seiner arabischen Nachbarländer auf archäologischen Funden basieren, mag schon ein erster Hinweis sein. Selbst das israelische Geld von heute ist jüdischen Silbermünzen aus antiker Zeit nachempfunden. Und wer immer auch über das Tagesgeschehen aus der Region berichtet, stolpert automatisch über Moses, König David und König Salomon sowie deren Hinterlassenschaften. Sie gehören zum Arsenal der historischen Erinnerungen.

Kaum war das Gaza-Jericho-Abkommen 1993 unter Dach und Fach, war die Gründung eines palästinensischen Ministeriums für Archäologie eine der ersten Maßnahmen der Autonomie-Behörde Jassir Arafats. Als gäbe es bei den Verhandlungen um die Teilung des Landes nicht schon genug Zündstoff, kam nun noch der Streit darüber hinzu, wer wo nach Altertümern graben darf.

"Wir waren zuerst hier"

Es geht beiden Parteien dabei oft weniger darum, neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, sondern einfach nur zu beweisen "Wir waren zuerst hier!" Nach dem Willen Israels sollen die Palästinenser nur die Kontrolle über die islamischen und arabischen Ausgrabungsstätten im Westjordanland erhalten. Diese aber wollen überall in ihrem kleinen Reich buddeln dürfen und fordern darüber hinaus die Rückgabe von Funden, die auf ihrem Gebiet gemacht wurden, darunter die Qumran-Schriftrollen vom Toten Meer. Hinzu kommt, dass seit Monaten von arabischer Seite kräftig unter den islamischen heiligen Stätten im Tempelberg in Jerusalem gegraben wird. Angeblich geht es nur darum, mehr Platz für die Betenden zu schaffen. Die Israelis sehen dahinter die Absicht, jüdische Spuren aus den Zeiten des König Salomons zu beseitigen, um den palästinensischen Anspruch auf das gesamte Areal untermauern zu können.

Friedensverhandlungen können an alten Steinen scheitern. Selbst die alttestamentarische Geschichte vom Auszug aus Ägypten ist noch heute ein Politikum und kann politische Beziehungen belasten: "Wenn es dagegen um den Exodus geht, zeigen die ägyptischen Behörden weniger Begeisterung. Im Cairo-Museum, wo die offizielle Version von Ägyptens Vergangenheit gepflegt wird, ist der Exodus ein Tabuthema."

Auch seien die Israeliten nicht für den Bau der Pyramiden verantwortlich. Ägypter allein hätten sie errichtet. Die Mitwirkung anderer Ethnien, insbesondere der Vorfahren der ungeliebten Israelis, passt nicht ins ägyptische Selbstbild und kratzt am Nationalstolz. Auf der Gegenseite sieht es nicht viel anders aus. Ägypten gilt als Symbol für alles, was religiös anstößig war, inklusive Sklaverei. Der Pharao wurde zum Inbegriff eines Tyrannen.

Umgekehrt beschreiben ägyptische Historiker zuweilen Moses wenig schmeichelhaft als einen aufrührerischen Priester, der eine Kolonie Aussätziger anführte. Die Archäologie in der Region liefert nicht nur Erkenntnisse über das Leben aus der damaligen Zeit. Wie Amy Dockser Marcus ausführlich anhand ihrer Geschichte von Ausgrabungen und ihrer Interpretationen belegt, liefert sie auch die Munition im Krieg der Worte.

Für den Leser eine spannende Geschichte. Denn die Autorin stellt einen Zusammenhang zwischen dem Alten Testament und der Politik von heute her. "Die Vergangenheit zu teilen ist eine ebenso schwierige Aufgabe wie die Teilung des Landes."

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