Politik : Terror aus der Provinz

Die Selbstmordattentäter in Istanbul kamen aus dem eigenen Land – und waren international vernetzt

Susanne Güsten[Istanbul]

Zu den Bombenanschlägen von Istanbul hat sich zwar Al Qaida bekannt, doch als Täter hat die türkische Polizei vier junge Türken ermittelt. Zwei junge Männer aus der Provinzstadt Bingöl steuerten demnach die Lieferwagen, die vor zwei Synagogen in Istanbul explodierten; ein dritter Mann aus Bingöl und ein Istanbuler halfen ihnen bei der Vorbereitung. Waren die Anschläge nun eine Tat des internationalen Terrors oder eher ein Fall von innertürkischer Gewalt? Die Frage ist falsch gestellt, meint der Islamismus-Experte Rusen Cakir: Im Zeitalter von Al Qaida gehe beides nahtlos ineinander über.

Die Täter von Istanbul waren selbst in ihrem Provinznest eng mit der internationalen Terrorszene vernetzt. Als Selbstmordattentäter steuerte der 29-jährige Mesut Cabuk aus Bingöl einen der beiden Bombenwagen. Das bestätigten am Dienstag die DNA-Analysen von Spuren, die am Tatort gefunden wurden. Cabuk war schon 1995 einmal wegen islamistischer Aktivitäten festgenommen worden. 1999 ging er nach Pakistan, wo er von Spezialisten aus dem Umfeld der Al Qaida im Bau von Bomben ausgebildet worden sein soll.

Mit ihm in Pakistan war sein Schulfreund Azad Ekinci, der die Anschläge in Istanbul mit vorbereitet haben soll und jetzt in Dubai vermutet wird. Ekinci kämpfte zuvor in Tschetschenien, reiste sechs Mal nach Iran und war auch in Saudi-Arabien. Auch Feridun Ugurlu aus Istanbul, der sich ebenfalls nach Dubai abgesetzt haben soll, war monatelang in Pakistan. Nur der 22-jährige Gökhan Elaltuntas aus Bingöl, der das zweite Tatfahrzeug gesteuert haben soll, hatte keine Auslandserfahrung. Doch er hatte andere wichtige Kenntnisse: Der junge Mann kannte er sich sehr gut mit der Nutzung des Internets aus.

Ähnlich wie das Internet funktioniere auch Al Qaida, meint Rusen Cakir: ein globales Netz aus unzähligen lokalen Stellen, die untereinander verlinkt sind, zugleich aber ohne zentrale Schaltstelle unabhängig voneinander funktionieren können. Beim Istanbuler Anschlag zwischen einem lokalen und einem globalen Terrorakt unterscheiden zu wollen, sei deshalb zwecklos, meint Cakir. Dem Netzwerk gehörten Militante vieler Nationalitäten an, die in New York ebenso zuschlagen könnten wie im Irak oder eben in der Türkei.

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