Politik : Terror aus Nordafrika

Im Maghreb hat sich ein Ableger von Al Qaida formiert/ BND: Europa ist in Gefahr

Frank Jansen

Berlin - Es braut sich etwas zusammen in Nordafrika, mit unangenehmen Folgen auch für die Europäer. Seit 2007 habe der Terror am südlichen Rand des Mittelmeers „eine neue Dimension erreicht“, sagt Ernst Uhrlau, Chef des Bundesnachrichtendienstes, zu Beginn des BND-Symposiums in Berlin mit dem Motto „Globaler Dschihad – Europa im Focus“. Vor mehreren Hundert Sicherheitsexperten aus dem In- und Ausland skizzieren Uhrlau und weitere Fachleute eine Gefahr, die bislang in Europa nur am Rande wahrgenommen wird: Al Qaida verfügt seit knapp zwei Jahren in Nordafrika über den Ableger „Al Qaida im islamischen Maghreb“, von Experten kurz „AQM“ genannt. Die aus der algerischen Terrortruppe GSPC hervorgegangene Allianz militanter nordafrikanischer Islamisten ist für Attacken in Algerien, Tunesien, Mauretanien und anderen Ländern der Region verantwortlich – die Zahl der Anschlagsopfer steigt rapide.

Die AQM sei, warnt Uhrlau, „dasjenige Al-Qaida-Franchise-Unternehmen, das derzeit die größte Dynamik entfaltet“. Seit dem Anschluss an Al Qaida hätten sich die Aktionsformen und das Zielspektrum verändert. Es würden nun Selbstmordattentate verübt und „ausländische Interessen“ angegriffen. Gefährdet sind unter anderem Touristen: Uhrlau erwähnt den Fall des im Februar in Tunesien entführten österreichischen Ehepaares, das nach Mali verschleppt wurde, ins Rückzugsgebiet der AQM.

Die Gefahr reicht aber auch nach Europa hinein. Über die zahlreichen maghrebinischen Migranten in Frankreich, Spanien und weiteren Ländern könnte die AQM eine „besondere Bedeutung für unsere terroristische Bedrohungslage haben“, sagt Uhrlau. Damit berührt er einen heiklen Punkt. Bei dem Symposium wird diskutiert, wie sich angesichts der Terrorgefahr das Verhältnis zwischen dem Westen und den Muslimen verändert. Mit Bezug auf die Communities in Europa und die islamischen Länder überhaupt.

Volker Perthes warnt, die westliche Politik gegenüber der islamischen Welt auf den „Kontext von Terrorismus und Sicherheitspolitik“ zu verengen. „Hearts and minds gewinnen wir so nicht“, sagt der Direktor des Instituts für Internationale Politik und Sicherheit, sowie Vorstandschef der Stiftung Wissenschaft und Politik, in seinem Vortrag. Notwendig sei die Unterstützung friedlicher Akteure, die sich in den oft von Ungerechtigkeit geprägten islamischen Staaten für eine Veränderung einsetzen – auch wenn es sich bei den Oppositionellen um konservativ-religiöse Kräfte handele. Ziel müsse sein, das „Zornpotenzial“ abzubauen, das sich gerade bei jungen Muslimen aufstaut – angesichts der heimischen Diktaturen, des nicht enden wollenden Palästina-Konflikts, der Kriege im Irak und in Afghanistan und weiterer Verwerfungen.

Perthes konfrontiert das Auditorium sogar mit einem Vorschlag, der an ein historisches Modell anknüpft. Um den „graduellen Staatszerfall“ in Pakistan zu stoppen, sollte der Westen über einen „Marshall-Plan“ nachdenken – speziell für die Paschtunengebiete an der pakistanisch-afghanischen Grenze, in denen sich das Terrorpotenzial ballt und Osama bin Laden der Verfolgung durch den Westen trotzt. Eine große Hilfsaktion ausgerechnet für die unregierbaren Stammesgebiete, nach dem Muster der US-Aufbauinitiative für Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg – Schweigen im Saal. Aber auch keine offene Widerrede.

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