Terror der Islamisten in Nigeria : Boko Haram entführt hunderte Frauen und Kinder

Wenige Tage vor der Präsidentenwahl in Nigeria hat Boko Haram erneut zugeschlagen. Die sunnitische Terrormiliz hat womöglich als Racheakt für jüngste Erfolge des Militärs wieder hunderte Frauen und Kinder entführt.

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Grüße von den Terroristen. Das Symbol von Boko Haram an der Wand eines Hauses im Ort Damasak.
Grüße von den Terroristen. Das Symbol von Boko Haram an der Wand eines Hauses im Ort Damasak.Foto: Reuters

Schlimmer hätte es für den nigerianischen Staatschef Goodluck Jonathan nicht kommen können: Nachdem der Präsident des westafrikanischen Ölstaates erst vor einigen Tagen reichlich großspurig einen schnellen Sieg gegen die Terrorsekte Boko Haram in Aussicht gestellt hatte, schlugen die radikalen Islamisten bereits zu Wochenbeginn in gewohnt brutaler Manier zurück: Wie Augenzeugen berichteten, sollen die Gotteskrieger am Dienstag ausgerechnet in dem Ort Damasak, aus dem sie erst kurz zuvor vertrieben worden waren, 500 junge Frauen und Kinder entführt haben. 50 von ihnen wurden angeblich sofort ermordet. Offenbar war die Stadt im Bundesstaat Borno nach ihrer Rückeroberung von den Befreiern nicht ausreichend gesichert worden – ein Indiz für die anhaltend prekäre Sicherheitslage im Norden Nigerias aber auch die Grenzen der internationalen Unterstützung im Kampf gegen die Terrormiliz.  

Erst 2014 hatten die Terroristen rund 300 Schülerinnen verschleppt

Erst vor knapp einem Jahr hatte Boko Haram aus einem anderen Ort in dem gleichen Bundesstaat fast 300 Schülerinnen verschleppt, von denen die meisten bis heute verschwunden sind. Die spektakuläre Entführung hatte damals die internationale Aufmerksamkeit  mehr als zuvor auf das extrem grausame Vorgehen der Islamisten gelenkt, denen seit 2009 fast 15.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Gleichzeitig verdeutlichte die Entführung damals aber auch die fast völlige Untätig- und Hilflosigkeit der Regierung, die dem Gemetzel der Islamisten lange Zeit fast tatenlos zusah.

Umso überraschender mutet es an, dass sich die militärische Lage seit Verlegung der Wahlen von Mitte Februar auf Ende März  grundsätzlich zugunsten der Regierung verkehrt hat. Dank der massiven Unterstützung durch kampferprobte Truppen aus dem benachbarten Tschad aber auch die Hilfe südafrikanischer Söldner ist der nun auch besser ausgerüsteten nigerianischen Armee gelungen, die Islamisten in den vergangenen acht Wochen aus fast allen zuvor von ihnen besetzten Ortschaften zu drängen.

Am Wochenende soll gewählt werden

Dennoch  liegt Boko Haram noch immer  wie ein dunkler Schatten über den Wahlen am Wochenende, bei denen fast 70 Millionen registrierte Wähler aufgerufen sind,  einen neuen Präsidenten und ein neues Parlament zu bestimmen. "Die Armee hat große Bodengewinne erzielt, doch bleibt die Gefahr vereinzelter Übergriffe durch die Islamisten akut", konstatiert  Phillip van Niekerk von der Beraterfirma Calabar Africa. Vieles deutet darauf hin, dass freie  und friedliche Wahlen vor allem im Nordosten des Landes, wo Boko Haram besonders heftig wütet, fast unmöglich sind.   

Auch bleibt abzuwarten, ob die jüngsten Erfolge gegen die Islamisten das Blatt im vergangenen Monat noch für Präsident Jonathan wenden können.  Schließlich ist die erfolgreiche Militäroffensive auch ein Zeichen dafür, dass seine Regierung viel zu lange ihre Möglichkeiten nicht ausschöpfte, sondern weite Teile der Bevölkerung dem Terror der Islamisten schutzlos preisgab.

Muhammadu Buhari fordert Präsident Goodluck Jonathan heraus

Noch nie seit der Unabhängigkeit des Landes  im Jahre 1960 war ein Wahlergebnis jedenfalls derart schwer vorherzusagen wie diesmal. Jüngsten Prognosen zufolge liegt der 57-jährige Jonathan, ein Christ aus dem ölreichen Nigerdelta im Süden, mit 42 Prozent quasi Kopf an Kopf mit seinem muslimischen, aus dem Norden stammenden Herausforderer Muhammadu Buhari, der schon vor vier Jahren gegen ihn antrat. Die enge Marge ist für Nigeria schon deshalb eine kleine Sensation, weil die regierende, von Petrodollars geschmierte People´s Democratic Party (PDP)  seit dem Ende der langen Militärdiktatur im Jahre 1999 alle Wahlen deutlich gewonnen hat  -  zuletzt vor vier Jahren als Jonathan seinen Rivalen Buhari mit fast doppelt so viele Stimmen schlug.

Beobachter befürchten nach dem Urnengang neue Gewalt

Buhari profitiert diesmal davon, dass sich gleich vier Oppositionsparteien hinter ihm geschart haben und der 72-jährige Ex-General als weit weniger korrupt als Amtsinhaber Jonathan  gilt. Sollte Buhari gewinnen, wäre dies der erste wirklich demokratische Machtwechsel in Nigeria seit dem Ende der Kolonialzeit vor mehr als 50 Jahren.  Viele Beobachter glauben, dass ein knappes Wahlergebnis schon deshalb zu Gewaltausbrüchen führen dürfte, weil bei Wahlen in Afrika zu viel auf dem Spiel steht, allen voran der Zugang zu den lukrativen Fleischtrögen des Staates.

Der sinkende Ölpreis macht dem Land zu schaffen

Unabhängig davon wer gewinnt, wartet auf den Wahlsieger eine schweres Erbe: Die Halbierung des Ölpreises im vergangenen Vierteljahr  hat das noch immer fast komplett vom schwarzen Gold abhängige Land hart getroffen, Einer Studie der britischen Bank HSBC zufolge, sind die Öleinnahmen in diesem Jahr mit rund 26 Milliarden US-Dollar die niedrigsten seit sechs Jahren  - und nur noch halb so hoch wie 2011. Gegenüber dem Vorjahr verdient Nigeria immerhin rund ein Drittel weniger. Kein Wunder, dass die Währung um mehr als ein Viertel gefallen und die Börse komplett eingebrochen ist  Viele Infrastrukturprojekte liegen inzwischen auf Eis.

175 Millionen Menschen leben in Nigeria

Dennoch verspricht Präsident Jonathan unermüdlich eine rosige Zukunft. Seine vielen Kritiker und womöglich auch die Mehrheit der Wähler glauben jedoch nicht, dass ein Zauderer wie er den notwendigen Neustart in dem religiös wie ethnisch tief gespaltenen Land mit seinen 175 Millionen Menschen schaffen kann. Niemand könne vorhersehen, wann Nigeria als Staat womöglich zerbrechen werde, orakelt der Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka. Doch dass dieser Tag näher rücke,  steht für den 80-jährigen Schriftsteller inzwischen außer Zweifel.

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