Politik : Terror gegen USA: Gesucht: Osama bin Laden

Malte Lehming

Die Ziele waren sorgfältig gewählt worden. Getroffen wurden in New York und Washington die Symbole der finanziellen und militärischen Macht der Vereinigten Staaten von Amerika. Und selbst der Zeitpunkt dient dazu, über Symbolik zu spekulieren. Denn im September war vor 23 Jahren der erste Camp-David-Vertrag geschlossen worden, der den Frieden zwischen Israel und Ägypten besiegelte. Für diesen Frevel musste der damalige ägyptische Präsident Anwar el-Sadat kurze Zeit später mit seinem Leben büßen. Er wurde von militanten Moslems ermordet. Zustande gekommen war der Camp-David-Vertrag durch die Vermittlung der Vereinigten Staaten.

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Hintergrund: Terrorangriffe auf Ziele der USA Militante Moslems könnten auch hinter dem schlimmsten Terroranschlag in der amerikanischen Geschichte stecken. Sicher ist, dass er von langer Hand geplant und überaus sorgfältig ausgeführt wurde. Eine solche Tat wird bei den Insidern in den USA in erster Linie der geheim operierenden moslemisch-fundamentalistischen Organisation "Al Queida" zugetraut, die von Afghanistan aus durch den Guerillachef Osama bin Laden gesteuert wird.

Dessen Name wurde am Dienstag in US-Expertenkreisen auch am häufigsten genannt und schließlich auch von einem Regierungssprecher als Hauptverdächtiger bestätigt. Denn nur drei Monate ist es her, dass Amerikaner, die sich im Ausland befinden, vom US-Außenministerium aufgefordert wurden, besonders umsichtig zu sein. Für die Streitkräfte in den Golfstaaten Bahrein, Kuwait und Katar galt höchste Alarmbereitschaft. Die Polizeikräfte von New York wurden verstärkt, die Sicherheitsstufe rund um ein Gerichtsgebäude im Süden Manhattans erhöht. In dessen Nähe befindet sich unter anderem das World Trade Center.

In diesem Gerichtsgebäude nämlich waren vier arabische Terroristen in einem Aufsehen erregenden Prozess in allen 302 Anklagepunkten für schuldig befunden worden, entweder direkt oder indirekt für die Bombenanschläge auf die US-Botschaften in Nairobi (Kenia) und Dar es Salaam (Tansania) verantwortlich gewesen zu sein.

Dabei wurden vor gut drei Jahren 224 Menschen getötet, darunter zwölf Amerikaner, 4000 Menschen wurden verletzt. Alle vier Terroristen sollen "Al Queida" angehört haben und von Osama bin Laden gesteuert worden sein. Alle vier wurden für ihr Vebrechen zu mehrfacher lebenslanger Haft verurteilt. Seitdem steht bin Laden ganz oben auf der internationalen US-Fahndungsliste. Seine Aktivitäten werden genau beobachtet. Jedes Jahr gibt die US-Regierung mehrere hundert Millionen Dollar für seine Überwachung aus. Rund um die Uhr wird ein Netzwerk an Informanten beschäftigt, die sich modernster Satellitentechniken bedienen. "Wir kennen den Kerl inzwischen besser, als ihn seine vier Frauen kennen", sagt ein Terrorismus-Fachmann aus dem Verteidigungsministerium. Öfter schon wurden bereits Kommandos vom Pentagon und der CIA aufgestellt, um bin Laden gefangen zu nehmen. Doch bislang wurden alle Operationen wieder abgesagt. Das Risiko eines Fehlschlags erschien zu groß.

Schließlich schützt sich der 42-jährige Multimillionär aus Saudi-Arabien ungefähr ebensogut wie der amerikanische Präsident. Die Benutzung von abhörgefährdeten Satellitentelefonen hat er eingestellt, regelmäßig wechselt er seine Pläne und Fahrtrouten. Ein amerikanischer Luftangriff aus dem Jahre 1998 traf zwar sein Camp, doch bin Laden selbst zwar zwei Stunden zuvor abgereist.

Der Prozess in New York warf zum ersten Mal etwas Licht auf die Tätigkeiten von "Al Queida". So soll bin Laden unter anderem seit Jahren intensiv versuchen, an nukleare und chemische Waffen heranzukommen. Ein übergelaufener Kronzeuge berichtete über einen Auftrag seines damaligen Chefs, ihm für 1,5 Millionen Dollar waffenfähiges Uran zu kaufen.

In einem Text mit der Überschrift "The Nuclear Bomb" schrieb bin Laden im Mai 1998, es sei die Pflicht jedes Moslems, so viele Waffen wie möglich zu besitzen, "um die Feinde Gottes zu terrorisieren". Und in einer 52-seitigen Kriegserklärung an die Amerikaner heißt es unmissverständlich: "Tötet sie, bekämpft sie, zerstört sie."

Seine Organisation hat bin Laden vor 13 Jahren gegründet. "Al Queida" ist ähnlich wie die Mafia streng hierarchisch aufgebaut. Wer eintritt, muss einen Treueschwur ablegen. Mittlerweile gehören "Al Queida" etwa 5000 Mitglieder an, die in einigen Dutzend afghanischen Camps ausgebildet werden. Die Regierung in Israel warnt bereits seit längerer Zeit vor deren Aktivitäten.

Osama bin Laden versuche, unter den Palästinensern in den besetzten Gebieten eine terroristische Infrastruktur aufzubauen, heißt es. Falls er es jedoch tatsächlich war, der auch die Terroranschläge vom Dienstag in den USA zu verantworten hat, hätten vor allem die amerikanischen Geheimdienste ein Debakel zu verzeichnen.

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