Terror in Belgien : "Ich wollte nicht in die Massen hineingeraten"

Eine Belgiern in Berlin, ein Berliner in Belgien: Zwei Menschen schildern ihre Erlebnisse und Eindrücke nach dem Terror in Brüssel.

Christian Vooren,Julia Naue
Menschen in Brüssel gedenken der Opfer der Anschläge.
Menschen in Brüssel gedenken der Opfer der Anschläge.Foto: REUTERS

Als Katia Verrelst auf ihrem Handy die Nachricht liest, im Brüsseler Flughafen habe es eine Explosion gegeben, dachte sie sich zunächst gar nichts dabei. Erst wenig später, als klar wird, das war kein Unfall, sondern ein Anschlag, ändert sich das. Ab diesem Moment habe sie den ganzen Tag vor dem Computer gesessen und die Nachrichten verfolgt. "Einerseits war ich natürlich schockiert, andererseits haben wir alle das schon befürchtet. Wann und wo, das waren ja nur noch die zwei Fragen", sagt sie.

Verrelst ist eine von 1800 Belgiern, die in Berlin leben. Hier sitzt sie im Vorstand des Freundeskreises "Belgier in Berlin", mit rund 70 Mitgliedern. Angehörige in Brüssel habe sie zum Glück keine, aber viele Bekannte hätten sich trotzdem zahlreich per Telefon und Mail gemeldet. Die meisten wollten ihre Solidarität ausdrücken oder gute Wünsche überbringen. Den gesamten Dienstagabend habe sie vor dem Fernseher verbracht, erst belgische und dann deutsche Nachrichtensender geschaut. Die Unterschiede hätten sie überrascht: "In Deutschland wird viel und sehr offen über den Islam gesprochen, in Belgien ist die Berichterstattung zurückhaltender. Dort heißt es eher, wir müssen stark sein und solidarisch. Da geht es noch gar nicht so sehr um Kritik an anderen."

"Durch Brüssel spazieren würde ich am Wochenende nicht"

Wenn es nach ihr ginge, sagt sie, könnten die Medien in ihrer Heimat nun aber "mal ein bisschen weniger auf Eiern laufen" und Probleme klarer benennen. "Brüssel ist eigentlich keine Stadt, das ist eine Ansammlung von 19 kleinen Dörfern. Und die Kommunikation zwischen denen ist schlecht, jeder Bezirk hat seine eigene Polizei. Da weiß eine Hand nicht, was die andere tut." Die Politik habe einfach viel zu lange die falschen Prioritäten gesetzt. Seit 20 Jahren gebe es manche Bezirke, in die sie sich nicht reintrauen würde. Sie muss es wissen, sie hat lange Zeit in Brüssel gearbeitet. Von den Anschlägen einschüchtern lassen wolle sich Verrelst nicht. Das könne ohnehin jederzeit und in jeder anderen Stadt auch passieren. Über Ostern wird sie ihre Familie in der Heimat besuchen. "Ich habe keine Angst, bin aber ganz froh, dass wir das Auto nehmen und nicht fliegen", sagt sie. Ihre Verwandten leben im Norden Belgiens, ziemlich ländlich. Durch die Hauptstadt muss sie daher nicht fahren. Ihr sei das sehr recht, trotz aller Bekundungen, sich nicht einschüchtern zu lassen. "Durch Brüssel spazieren würde ich am Wochenende nicht."

Was sagt ein Berliner in Brüssel?

Totenstille. Daran erinnert sich Lloyd Lawson besonders – daran, dass es plötzlich ganz ruhig wurde. "Bitte bleiben Sie, wo Sie sind", sagte eine Stimme durch die Lautsprecher am Brüsseler Flughafen. Und dann – keine Panik, kein Geschrei – einfach Stille. Für den 49-jährigen Berliner sollte es an diesem Dienstagmorgen ins portugiesische Faro gehen – Urlaub im Robinson-Club. Der Flug ging über Brüssel, gegen 8 Uhr landete die Maschine am Flughafen Zaventem. "Eine Explosion, die hab ich nicht gehört", erzählt Lawson am Telefon. Auf dem Weg zum Gate – beim Umsteigen – da kam die erste Durchsage. Wenig später die zweite – dieses Mal hieß es: Alle sollen in ein anderes Terminal. Sicherheitsleute liefen durcheinander. Die Masse setzte sich in Bewegung, nicht in Panik. Angst? "Na ja, ich war besorgt", erzählt der Physiotherapeut. Er dachte sofort an eine Bombe – oder Schießerei. Was man eben so denkt – dieser Tage. Gewusst hat er zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Hektisch wurde es, als es plötzlich nicht mehr weiterging. Neue Ansage: Zurück, in die andere Richtung. Die ersten Kinder weinten. Lawson versuchte, Ruhe zu bewahren. "Ich wollte nicht in die Massen hineingeraten – hielt mich am Rand, schaute nach möglichen Ausgängen." Nach etwa zehn Minuten erreichte die Gruppe das Rollfeld, dann ging es weiter zu einer Abfertigungshalle für Frachtflugzeuge. Über sein Handy informierte sich Lawson darüber, was passiert war. Explosionen. Anschlag. "Von offizieller Seite hat uns niemand etwas gesagt."

Plötzlich Panik - ein Koffer blieb draußen übrig

Jetzt hieß es, warten: Drei Stunden in der Halle – dann kamen Busse. Plötzlich Panik, ein Koffer blieb nach dem Einsteigen draußen übrig – herrenlos. Dann Entwarnung. Mit Bussen ging es in einen Hangar von der Fluglinie British Airways: ausharren für sieben Stunden, Decken und Wasser wurden verteilt. Das nächste Ziel war eine Turnhalle, hier gab es endlich Essen. Erste Freundschaften wurden geschlossen, man lieh sich Ladekabel, passte auf das Gepäck auf, wenn einer zur Toilette geht. Irgendwann heute sollte es weitergehen. Lawson wusste, der Flughafen ist geschlossen. Ein Freund aus Bochum würde ihn nun abholen – und dann geht es, hoffentlich, zurück nach Berlin. Im Robinson-Club hatte er schon angerufen – gesagt, dass er nicht kommt.

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