Terror in Großbritannien : "Mit guten Worten ist es nicht getan"

Britische Muslime beraten am Jahrestag der Anschläge von London über Strategien gegen den Terror.

Markus Hesselmann[London]

„Muslimen-Führer verurteilen terroristische Attacken“ – so oder ähnlich titelten britische Zeitungen nach den vereitelten Bombenanschlägen von London und dem Brandanschlag auf den Glasgower Flughafen vor einer Woche. Ohne zu zögern und mit deutlichen Worten haben islamische Verbände wie der britische Rat der Muslime sich gegen den islamistischen Terror positioniert – und die britischen Medien haben die Botschaft auf ihren Titelseiten und zur besten Sendezeit verbreitet. Doch es soll nicht bei Worten bleiben: An diesem Samstag treffen sich britische Muslimenverbände zu einer Konferenz in London, auf der sie über gemeinsame Strategien im Kampf gegen den Terrorismus beraten wollen. Es ist der Tag, an dem die Stadt der Opfer der Selbstmordattentate vom 7. Juli 2005 gedenkt – auf Wunsch der Überlebenden und Hinterbliebenen in aller Stille und ohne große öffentliche Zeremonie.

Vier Selbstmordattentäter hatten vor zwei Jahren in der U-Bahn und einem Bus Sprengsätze gezündet und 52 Menschen getötet. Usama Hasan hat damals die Reaktion des Rats der Muslime mitformuliert. „Diese furchtbaren Taten machen uns alle zu Opfern. Aus Humanität stehen wir Schulter an Schulter, um jene zu verurteilen und zu überwinden, die Angst, Hass und Tod verbreiten“, hieß es damals. „Mit guten Worten ist es aber nicht getan“, sagt Hasan heute. Der 35-Jährige lehrt Informatik an der Universität Middlesex und predigt als Imam in einer Moschee im Londoner East End. Die Gemeinden müssten sich selbst stärker mit dem Problem des Extremismus konfrontieren, fordert er. Es habe einen „Mangel an Führungsstärke“ bei den moderaten Muslimen gegeben. Junge muslimische Führungskräfte wie Hasan wollen das ändern.

Ihre Aufgabe ist gewaltig, denn es gibt nicht allzu viele Usama Hasans. Einer Studie der Universität Chester zufolge sind nur acht Prozent der Imame, die in britischen Moscheen predigen, in Großbritannien geboren. Nur bei sechs Prozent ist die Muttersprache Englisch. Nur gut die Hälfte der Prediger lebt seit fünf Jahren oder länger im Vereinigten Königreich. Damit ist noch nichts über mögliche radikale Tendenzen britischer Imame ausgesagt. Aber einiges über ihr Vermögen, die spezifischen Probleme junger, in Großbritannien geborener Muslime zu verstehen und auf sie einzugehen.

Viele Moscheen hätten diesen jungen Menschen nichts anzubieten, sagt auch Usama Hasan. Die jungen Briten aus Einwandererfamilien seien hin und her gerissen zwischen einer zerbrechlichen Loyalität zu ihrer Heimat Großbritannien und den Heilsversprechungen islamistischer Ideologien. Befeuert von einem Gemisch aus Minderwertigkeitsgefühlen, Isolation, Gruppenzwang und jugendlicher Aggressivität, folgen sie eher den radikal politischen Predigern als den traditionell spirituellen. Wer draußen vor der Moschee extremistische Flugblätter mit simplen Parolen verteilt, hat bessere Chancen als derjenige, der in der Moschee Mäßigung predigt.

Usama Hasan versucht, religiös und politisch zu argumentieren. Während andere die aggressiven Tendenzen des Islam einfach leugnen, spricht der junge Imam offen darüber. „Im Islam gibt es wie im Christentum kriegerische Züge. Damit müssen wir umzugehen lernen“, sagt Hasan. „Ich lehne den Angriff auf den Irak ab und sage das auch – wie im Übrigen inzwischen ja die meisten Briten. Gleichzeitig mache ich aber auch jedem klar, dass Anschläge in Großbritannien nicht die Antwort sein können.“

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben