Terror in Manchester : Anschlag auf ein weiches Ziel

Die Terrormiliz IS reklamiert den Anschlag in Manchester für sich. In Berlin werden am Wochenende Hunderttausende feiern. Wie sicher sind Kirchentag und Pokalfinale?

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Nach dem Anschlag auf ein Popkonzert, der viele Kinder und Jugendliche getroffen hatte, herrschte in Manchester Verzweiflung.
Nach dem Anschlag auf ein Popkonzert, der viele Kinder und Jugendliche getroffen hatte, herrschte in Manchester Verzweiflung.Foto: Darren Staples, Reuters

Wieder hat der Terror Großbritannien getroffen. Der Anschlag in Manchester ist offenbar Teil einer Serie islamistischer Angriffe, die sich gegen das Land richtet und gegen den Westen überhaupt. Sicherheitskreise halten es für wahrscheinlich, dass der Anschlag in der nordenglischen Großstadt in einer Reihe mit den Attacken gesehen werden muss, die im Juli 2005 mit dem Terrorangriff in London begannen.

Was ist über den Anschlag bekannt?

Am Montagabend gegen 22.30 Uhr Ortszeit sprengte sich am Eingang der Manchester Arena ein Selbstmordattentäter in die Luft. Nach Erkenntnissen der britischen Polizei agierte der Mann zumindest am Tatort vermutlich allein. Der Attentäter soll eine Sprengstoffweste getragen haben, womöglich war sie auch mit Nägeln präpariert.

Die Zahl von 22 Toten ist für den Anschlag eines mutmaßlichen Einzeltäters enorm hoch. Möglicherweise starben Opfer nicht nur bei der Explosion, sondern auch bei der anschließenden Panik im Konzert der US-Sängerin Ariana Grande. Das gilt ebenfalls für die 59 Verletzten. Viele Opfer sind noch jung.

Die britischen Behörden hielten sich mit Informationen über den Täter zurück. Wie der Tagesspiegel aus Sicherheitskreisen erfuhr, handelt es sich um den britischen Staatsangehörigen Salman Al B. Er soll libanesische Wurzeln haben und IS-Anhänger gewesen sein. Die Terrormiliz bekannte sich über ihre Medienagentur Amaq zum Anschlag. In einem Film sei der mutmaßliche Attentäter vermummt zu sehen und spreche schlechtes Arabisch, sagten Experten.

Aus Sicht deutscher Behörden ist zudem der „Modus operandi“ der Tat ein Indiz für einen islamistischen Angriff. Ein Selbstmordanschlag bei einem „weichen Ziel“ sei zwar theoretisch auch Rechtsextremisten zuzutrauen, doch dafür gebe es in Manchester keine Anhaltspunkte. Auch eine Attacke von abgespaltenen Gruppen der IRA wird ausgeschlossen. Die IRA selbst hatte 1996 in Manchester eine gewaltige Bombe gezündet, mehr als 200 Menschen waren verletzt worden. Ein weiteres Indiz für einen islamistischen Anschlag sei hingegen die aktuelle Propaganda der Terrormiliz IS, betonen Sicherheitsexperten.

In der aktuellen Ausgabe ihres Internetmagazins „Rumiyah“ werden Konzerthallen als „Ideal Target Locations“ (ideale Zielorte) genannt. Zusammen mit Schwimmbädern, Restaurants, Universitäten, Einkaufszentren und generell gut besuchten Arealen.

Der Anschlag auf die Manchester Arena ist zudem nicht der einzige Terrorakt, der eine Konzerthalle traf. Bei dem Angriff im November 2015 in Paris mit 130 Toten war das Bataclan-Theater ein zentrales Ziel. Die IS-Terroristen stürmten das von 1500 Rockfans besuchte Konzert der US-Band „Eagles of Death Metal“ und töteten 90 Menschen.

Wieso trifft es Großbritannien so oft?

Das Land ist für islamistische Terroristen, sei es der IS oder Al Qaida, schon lange ein spezielles Feindbild. Großbritannien ist der engste Verbündete der USA und hat sich, anders als Deutschland, 2003 an der Invasion im Irak beteiligt. Zwei Jahre zuvor waren zudem britische Truppen an der Seite der Amerikaner und weiterer westlicher Nationen in Afghanistan eingedrungen, um die Herrschaft der Taliban zu beenden und Al Qaida zu zerschlagen – als Vergeltung für den Terrorangriff auf die USA am 11. September 2001.

Der erste islamistische Anschlag in Großbritannien geschah im Juli 2005. Vier Selbstmordattentäter zündeten in London Rucksackbomben in drei U-Bahnzügen und einem Bus. Außer den Tätern starben 52 Menschen, mehr als 700 wurden verletzt. Al Qaida bekannte sich zu dem Anschlag. „Die gesegnete Eroberung von London ist einer der Eroberungskriege, die Al Qaida die Ehre hatte, gegen den arroganten Kreuzfahrer Großbritannien zu führen“, verkündete der damalige Vizechef der Terrororganisation, Aiman al Sawahiri. Bis heute ist allerdings offen, ob Al Qaida den Anschlag inszeniert oder nur inspiriert hatte.

Noch im Juli 2005 versuchte ein islamistischer Terrortrupp einen weiteren Angriff in London. Diesmal explodierten die Rucksackbomben aber nicht. Die Täter wurden gefasst und zu hohen Haftstrafen verurteilt. Im Juni 2007 vereitelte die Londoner Polizei einen Doppelanschlag mit Autobomben. Am Tag danach attackierten Islamisten mit einem Geländewagen den Hauptterminal des Flughafens von Glasgow. Im Mai 2008 verletzte sich ein Islamist beim Versuch, in einem Einkaufszentrum in Exeter einen Selbstmordanschlag zu verüben. Im Mai 2013 ermordeten zwei Islamisten in London auf offener Straße mit einem Fleischerbeil und Messern den Soldaten Lee Rigby. Im Dezember 2015 stach ein Islamist in London zwei Menschen nieder. Die Tat sollte die Rache sein für den Einsatz britischer Kampfflugzeuge gegen den IS.

Und erst vor zwei Monaten, am 22. März, raste der Islamist Khalid Masood in London mit einem SUV gezielt in Passanten auf der Westminster Brücke, krachte dann in die Absperrung des Westminister Palastes und erstach einen Polizisten. Bei dem Anschlag starben fünf Menschen, 49 weitere wurden verletzt. Ein Polizist erschoss Masood. Zu der Tat bekannte sich der IS.

Wie gefährdet sind weiche Ziele wie Konzerte?

Nicht erst seit dem Anschlag in Manchester und dem Angriff auf das Bataclan-Theater in Paris gelten Konzerte als besonders gefährdet. Schon im Oktober 2002 hatten in Moskau islamistische Terroristen aus Tschetschenien das Dubrowka-Theater überfallen. Die Besucher eines Musicals wurden tagelang als Geiseln festgehalten. Bei der Befreiung durch Spezialeinheiten starben die Terroristen und etwa 130 Geiseln. Konzerte in Gebäuden können allerdings mit intensiven Kontrollen am Eingang halbwegs geschützt werden. Sicherheitsexperten halten Open-Air-Konzerte für stärker gefährdet, weil Terroristen von außerhalb Drohnen mit Sprengstoff in eine Arena fliegen lassen könnten – und mit einer Explosion auch eine Massenpanik auslösen würden.

Was bedeutet das alles für den Kirchentag und das Pokalfinale in Berlin?

Die Polizei hat schon angesichts des Anschlags vom Dezember auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche ein hohes Terrorrisiko einkalkuliert. Für den an diesem Mittwoch beginnenden Evangelischen Kirchentag mit erwarteten 100000 Besuchern plus Auftritt von Ex-US-Präsident Barack Obama sowie für das Pokalfinale mit Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt am Sonnabend stünden insgesamt 6000 Beamte bereit, heißt es. Zu den Kräften „in Uniform und Zivil“ zählen auch Präzisionsschützen. Eingesetzt würden zudem Sprengstoffspürhunde. Gullydeckel werden untersucht und verschweißt, um zu verhindern, dass dort Sprengsätze deponiert werden. Zusätzliche Betonpoller sowie Polizeifahrzeuge, die als mobile Sperren dienen, sollen einer Todesfahrt wie der von Anis Amri mit einem Lkw in eine Menschenmenge vorbeugen.

An Breitscheidplatz und Alexanderplatz sowie im Areal am Brandenburger Tor setzt die Polizei zudem auf intensive Videoüberwachung. Die Kameras am Breitscheidplatz seien schon montiert, sagte ein Sprecher der Polizei. Außerdem sei ein möglicher Angriff mit Drohnen „massiv Bestandteil unserer Einsatzvorbereitung“. Die Polizei ruft dazu auf, bei den Veranstaltungen auf große Taschen oder Rucksäcke zu verzichten.

Werden die Sicherheitskonzepte jetzt noch einmal verändert?

Die Polizei schaut sich genau an, was in Manchester passiert ist. Die Sicherheitskonzepte seien aber bereits auf alle Szenarien ausgerichtet, heißt es.

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