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Terror in Manchester : IS reklamiert Anschlag für sich

Ein Selbstmordattentäter hat sich nach einem Konzert der US-Popsängerin Ariana Grande in die Luft gesprengt. Mindestens 22 Menschen sterben, darunter auch Kinder.

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Bewaffnete Polizisten vor dem Westminsterpalast in London.
Bewaffnete Polizisten vor dem Westminsterpalast in London.Foto: Daniel Leal-Olivas/AFP

Bei einer Explosion am Ende eines Popkonzerts der US-Sängerin Ariana Grande sind im britischen Manchester am Montagabend mindestens 22 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 50 weitere wurden verletzt. Auch Kinder befinden sich nach Angaben unter den Toten. In der betroffenen Manchester Arena, einer Multifunktionshalle, hatte die US-Schauspielerin und Sängerin ein Konzert gegeben. Zeugen berichteten von einem Knall nach dem letzten Song gegen 22.30 Uhr Ortszeit (23.30 MESZ). Rund um die Arena zogen bewaffnete und maskierte Polizisten auf. Der unmittelbar neben der Halle liegende Bahnhof Manchester Victoria wurde gesperrt. Die Polizei stufte den Vorfall früh als Terroranschlag ein. Ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt haben. Die Ermittler gehen bisher von einem Einzeltäter aus, ermitteln aber weiter, ob er Unterstützer hatte.

May: kein Zweifel an einem Terrorangriff

Am Dienstagnachmittag hat dann der IS den Anschlag für sich reklamiert. Ein "Soldat" des Islamischen Staates habe eine Bombe in einer „Ansammlung von Kreuzfahrern“ platzieren können. Der Angriff sei eine Rache und eine Antwort auf die Angriffe gegen Muslime. Er diene dazu, „die Ungläubigen“ zu terrorisieren. Zuvor hatte Großbritanniens Premierministerin Theresa May erklärt, es gebe keine Zweifel daran, dass der Anschlag ein Terrorangriff war.

Sicherheitskreisen zufolge ist der mutmaßliche Attentäter in einem Bekennervideo vermummt und spricht nur schlecht arabisch. Laut der Nachrichtenagentur AFP bekennt sich der IS über Amaq, ein Propaganda-Sprachrohr der Extremisten, zu dem Anschlag. Bei früheren Anschlägen bekannte sich der IS ebenfalls über Amaq zu den Taten. 

Auch deutsche Sicherheitskreise hatten einen islamistischen Hintergrund vermutet. Dafür spreche der „Tatmodus“, sagte ein hochrangiger Experte dem Tagesspiegel. Ein weiteres Indiz für eine mutmaßliche islamistische Tat sei die aktuelle Propaganda der Terrormiliz „Islamischer Staat“, hieß es.

Keine neue Sicherheitslage für den Kirchentag

In der Ausgabe des Internetmagazin „Rumiyah“ vom Mai rufe der IS zu Anschlägen auf Konzerthallen von „Ungläubigen“ auf. Als Angriffsziele würden zudem Straßenfeste, Paraden und Fußgängerzonen genannt. „Das stachelt natürlich Leute an, die etwas machen wollen“, betonte der Experte.

Für den Kirchentag in Berlin ergebe sich jedoch keine neue Sicherheitsbewertung, sagten Sicherheitskreise. Die Behörden gingen schon von der größtmöglichen Terrorgefahr aus, „größer geht nicht“. Konkrete Hinweise auf einen Anschlag auf Veranstaltungen des Kirchentags gebe es jedoch nicht.

In „Rumiyah“ werde Deutschland allerdings als Ziel von Attacken genannt. Der IS fordere zudem seine Anhänger auf, weitere Anschläge mit Lkw zu begehen, hieß es. Am 19. Dezember hatte in Berlin der IS-Sympathisant Anis Amri bei einem Anschlag mit einem gekaperten Truck zwölf Menschen getötet.

Musiker weltweit reagieren mit Entsetzen

Weltweit reagieren Musiker, Politiker und andere Menschen mit Trauer und Entsetzen auf die Terrorattacke. „In Gedanken bei den Toten, dem Leid der Verletzten + denen, die ihre Liebsten noch suchen“, schrieb der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert auf Twitter. (Mehr Reaktionen auf den Anschlag finden Sie hier.)

Manchester nach Bombenanschlag unter Schock
Polizei-Mitarbeiter der Forensik in der Manchester-Arena. Bei einer Explosion auf einem Popkonzert der Sängerin Ariana Grande im britischen Manchester sind am Montagabend mindestens 22 Menschen ums Leben gekommen und 50 weitere verletzt worden.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: AFP
23.05.2017 09:05Polizei-Mitarbeiter der Forensik in der Manchester-Arena. Bei einer Explosion auf einem Popkonzert der Sängerin Ariana Grande im...

Nach Angaben der Polizei ereignete sich die Explosion im Foyer, wie der Sender BBC berichtete. Der Veranstalter sprach von einer Explosion in einem öffentlichen Raum außerhalb der eigentlichen Konzerthalle. Die Ursache war zunächst unklar.

Die Polizei forderte die Menschen auf, sich aus der Gegend um die Manchester Arena fernzuhalten. Krankenwagen rasten zur Halle. Hubschrauber kreisten über dem Areal. Notfalldienste und Feuerwehr baten die Bevölkerung, sie wegen des Einsatzes nur bei lebensbedrohlichen Angelegenheiten zu kontaktieren.

Panik in der Manchester Arena

In der Konzerthalle, die bis zu 21.000 Besuchern Platz bietet, spielten sich nach der Explosion dramatische Szenen ab. „Der Knall hallte durch das Foyer der Arena und die Leute fingen an zu laufen“, berichtete ein 17-Jähriger, der mit seiner zwei Jahre älteren Schwester das Popkonzert besucht hatte. „Ich sah, wie die Leute schreiend in eine Richtung rannten und sich plötzlich viele umdrehten und wieder in die andere Richtung liefen“, sagte der Jugendliche dem Nachrichtensender Sky News.

Andere Augenzeugen berichteten von Menschen, die blutüberströmt auf dem Boden lagen. Auf Bildern waren Konzertbesucher mit Beinverletzungen zu sehen. Menschen flohen in Panik und mit Tränen in den Augen aus der Halle, wie Augenzeugen in britischen Medien berichteten. Das Konzert der angesagten Sängerin hatten besonders viele Kinder und Jugendliche besucht. Anwohner boten den Betroffenen Unterschlupf an.

„Zuerst dachten wir, dass einer der riesigen Gasballons auf dem Konzert geplatzt sei. Aber als wir draußen waren, sahen wir, dass es etwas Ernsteres gewesen sein muss“, zitierte der britische Nachrichtensender Sky News eine Besucherin.

Eine Konzertbesucherin berichtete der BBC, sie sei von Polizisten aufgefordert worden wegzurennen, nachdem sie die Halle verlassen habe. Per Alarmaufruf sei das Publikum aufgefordert worden, Ruhe zu bewahren, aber so schnell wie möglich hinauszukommen.

Welle der Hilfsbereitschaft

Nach der Explosion gab es in Manchester eine Welle der Hilfsbereitschaft. Zahlreiche Privatpersonen halfen den verstörten Konzertbesuchern. Anwohner boten Schlafplätze an und Taxifahrer kostenlose Mitfahrgelegenheiten, wie der Nachrichtensender Sky News berichtete. Ein Hotel in der Nähe soll Dutzende Kinder aufgenommen haben.

Grande wurde bekannt durch eine Serie beim Kindersender Nickelodeon. Auch mit ihrer Musik erreicht sie vor allem ein junges Publikum. 2016 wurde sie bei den American Music Awards zur Künstlerin des Jahres gekürt. Die Sängerin blieb bei dem Vorfall unverletzt. „Ariana ist okay“, sagte ihr Sprecher der „Los Angeles Times“. Der Popstar zeigte sich nach der verheerenden Explosion „am Boden zerstört“ gezeigt. „Aus tiefstem Herzen: Es tut mir so leid. Mir fehlen die Worte“, schrieb die 23-Jährige am Dienstagmorgen auf Twitter.

Premierministerin May setzt Krisensitzung an

Die britische Premierministerin Theresa May drückte den Angehörigen der Explosionsopfer von Manchester ihr Mitgefühl aus. „Wir sind daran, alle Einzelheiten dessen, was von der Polizei als entsetzlicher Terroranschlag behandelt wird, herauszuarbeiten“, erklärte May am Dienstagmorgen. Labour-Chef Jeremy Corbyn zeigte sich bestürzt. Auf Twitter schrieb er: „Furchtbarer Vorfall in Manchester. Meine Gedanken sind bei den Betroffenen und unseren großartigen Rettungsdiensten.“

In Großbritannien sind für den 8. Juni Neuwahlen des Parlaments angesetzt. Die Parteien einigten sich jedoch nach der Explosion in Manchester darauf, den Wahlkampf bis auf weiteres zu unterbrechen. Oppositionsführer Corbyn sagte, er habe dies Premierministerin May abgesprochen. Der Chef der Liberaldemokraten, Tim Farron, sagte einen Wahlkampfauftritt in Gibraltar ab, die Schottische Nationalpartei SNP verschob die für Dienstag geplante Vorstellung ihres Wahlprogramms.

In Großbritannien gilt seit August 2014 die zweithöchste Terrorwarnstufe 4. Das Land erlebte in den vergangenen Jahren zahlreiche Anschläge. Der schwerste ereignete sich im Juli 2005, als 56 Menschen bei vier Selbstmordattentaten in der Londoner U-Bahn und einem Bus getötet wurden. Im März fuhr ein Mann mit einem Geländewagen auf der Westminister Bridge in London in Fußgänger hinein und tötete mehrere Menschen. (Tsp, dpa, AFP)

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