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Terror in Manchester : Polizei geht von Netzwerk rund um Attentäter aus - mehrere Festnahmen

Der 22-jährige Attentäter Salman Abedi soll den Behörden bekannt gewesen sein. Die Polizei geht von einem Netzwerk aus. Fünf Männer und eine Frau wurden festgenommen.

Viele Menschen legen auf dem St. Ann's Platz in Manchester Blumen für die Opfer des Terroranschlags nieder.
Viele Menschen legen auf dem St. Ann's Platz in Manchester Blumen für die Opfer des Terroranschlags nieder.Foto: Ben Stansall/AFP

Nach der Terrorattacke von Manchester sind am Mittwoch vier Männer und eine Frau festgenommen worden. Bei einem handelt es sich um den Bruder des Attentäters, teilte ein Sprecher der Sicherheitsbehörden mit. Der Mann sei in Libyen festgenommen worden und habe eingeräumt, zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu gehören, informierten die Spezialkräfte am Mittwochabend auf ihrer Facebookseite.

Er habe ausgesagt, während der Vorbereitungen in Großbritannien gewesen zu sein. Er sei Mitte April ausgereist, danach aber mit seinem Bruder in ständigem Kontakt gewesen.

Ein Verwandter, der namentlich nicht genannt werden wollte, teilte der Nachrichtenagentur AFP am Mittwoch mit, Hachem Abedi sei bereits am Dienstag in der Wohnung der Familie in der libyschen Hauptstadt Tripolis festgenommen worden. Er sei wie sein Bruder in Großbritannien geboren.

Auch der Vater des Attentäters ist nach Angaben libyscher Spezialkräfte in Libyen festgenommen worden. Der Mann sei vor seinem Haus in der libyschen Hauptstadt Tripolis festgenommen worden. Sprecher Ahmed Salem wollte am Mittwoch zunächst keine weiteren Auskünfte geben, bevor die Ermittlungen nicht abgeschlossen seien.

Am Mittwochabend teilte Polizei über Twitter mit, Ermittler hätten in Blackley im Norden von Manchester eine Frau festgenommen.

Drei Festnahmen waren am Mittwoch in einem südlichen Viertel Manchesters erfolgt, wo bereits am Dienstag ein junger Mann verhaftet worden war. Ein weiterer Mann wurde am Mittwoch in Wigan, einer Stadt westlich von Manchester festgenommen. Weitere Details nannte die Polizeisprecherin auf Anfrage nicht.

Die britische Polizei sucht nach möglichen Komplizen des Selbstmordattentäters, die weitere Anschläge verüben könnten. Großbritannien rief die höchste Terrorwarnstufe "kritisch" aus, derzufolge mit einem unmittelbar bevorstehenden Anschlag gerechnet werden muss, wie Premierministerin Theresa May am Dienstagabend in London sagte.

Netzwerk von Tätern

Am Mittwoch teilte die Polizei mit, man gehe inzwischen eindeutig von einer Unterstützergruppe rund um den Attentäter von Manchester aus. Diese sollen ihm auch geholfen haben, die Bombe zu bauen. Das sagte Ian Hopkins, der Polizeichef von Manchester. "Ich glaube, es ist ganz klar, dass es sich um ein Netzwerk handelt, dem wir nachgehen.“

Zudem gab der Polizeichef bekannt, dass auch eine Polizistin unter den Opfern ist. Die Frau sei privat bei dem Konzert gewesen.

Der Selbstmordattentäter wurde schon am Dienstag identifiziert: Es ist laut Polizei der 22-jährige Salman Abedi, der Medienberichten zufolge 1994 in Manchester geboren wurde an der Salford Universität in der nordenglischen Stadt Wirtschaft studiert, das Studium aber abgebrochen hatte. Seine Familie soll aus Libyen stammen und vor Ex-Machthaber Muammar al-Gaddafi geflohen sein. Sie soll sehr religiös gewesen sein und sich in einer Moschee der Stadt engagiert haben. Einige Angehörige sollen kürzlich nach Libyen zurückgekehrt sein.

Dem französischen Innenministerium zufolge soll Abedi in der Vergangenheit "wahrscheinlich" nach Syrien gereist sein. Er habe sich "nach einer Reise nach Libyen und dann wahrscheinlich nach Syrien plötzlich radikalisiert", sagte Frankreichs Innenminister Gerard Collomb am Mittwoch dem Nachrichtensender BFMTV unter Berufung auf britische Geheimdienstangaben. Danach habe Abedi entschieden, den Anschlag zu begehen.

Ausführung "anspruchsvoller" als bei anderen Anschlägen

Abedi hat laut Innenministerin Amber Rudd offenbar nicht allein gehandelt. Er sei zudem den Sicherheitsbehörden bekannt gewesen, sagt Rudd am Mittwoch in einem BBC-Interview. Die Ausführung des Anschlags sei "anspruchsvoller gewesen als einige der Anschläge, die wir davor erlebt haben", ergänzte die Ministerin. Verwundert zeigt sich Rudd darüber, dass Details der Ermittlungen zunächst im Ausland bekanntwurden. "Ich habe unseren Freunden gegenüber sehr klar gemacht, dass so etwas nicht mehr passieren darf", sagte Rudd.

Der Name des Attentäters war am Dienstag zuerst in US-Medien aufgetaucht. Diese stützten ihre Angaben auf eine vertrauliche Unterrichtung, die britische Stellen ihren US-Kollegen in London gegeben hätten. "Die britische Polizei hat sehr deutlich gemacht, dass sie selbst den Informationsfluss kontrollieren will, um die Ermittlungen zu schützen", sagte die Ministerin dazu. Auf die Frage, ob US-Vertreter durch die offenkundige Weitergabe der Informationen die britischen Ermittlungen kompromittiert hätten, entgegnete Rudd: "So weit würde ich nicht gehen." Nach ihrem Gespräch mit den US-Stellen könne sie nun aber sagen, "dass ihnen die Situation absolut klar ist und dass so etwas nicht mehr passieren sollte".

22 Menschen wurden getötet und 59 verletzt

Abedi hatte sich nach dem Konzert von US-Teenie-Idol Ariana Grande im Eingangsbereich der 21.000 Plätze großen Manchester Arena in die Luft gesprengt. 22 Menschen wurden getötet und 59 verletzt, darunter viele Kinder und Jugendliche. Das jüngste bislang bestätigte Todesopfer ist ein achtjähriges Mädchen, das gemeinsam mit seiner Mutter und Schwester das Konzert besuchte. Unter den Verletzten sind nach Angaben von Ärzten 12 Menschen, die unter 16 Jahre alt sind. Manche Eltern suchten auch am Dienstag noch nach ihren vermissten Kindern.

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Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte die Tat für sich. Wie und wo genau sich Abedi radikalisiert haben könnte, blieb zunächst offen. Nach Angaben der Zeitung "Guardian" soll er regelmäßig mit seinem Bruder Ismael die Moschee besucht haben. Der Vater sei in der libyschen Gemeinde von Manchester äußerst bekannt gewesen, er halte sich derzeit aber in Tripolis auf.

Soldaten sollen künftig strategische Orte sichern

Besucher des Konzerts berichteten teils von laxen Sicherheitskontrollen. Die Betreiber der Arena verwiesen darauf, dass sich der Anschlag "außerhalb des Veranstaltungsortes an einem öffentlichen Ort" ereignet habe. Der Selbstmordattentäter sprengte sich im Eingangsbereich der Halle in die Luft, die einen Zugang zu einem Bahnhof hat.

Premierministerin May kündigte nun an, dass künftig auch Soldaten zur Sicherung von strategischen Orten und womöglich auch Veranstaltungen zum Einsatz kämen. Dadurch habe die Polizei mehr Kapazitäten für Patrouillen. Eine ähnliche Regelung ist auch in Frankreich seit den islamistischen Angriffen in Paris in Kraft. In Großbritannien wurde diese Maßnahme im Anti-Terror-Kampf bisher noch nicht ergriffen. (AFP, dpa, Reuters)

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