Update

Terror in Paris : "Warum schon wieder wir?"

Stadt der Angst: Nach den Anschlägen ist Paris wie erstarrt, in Trauer, Verzweiflung. Zahlen von Toten und Verletzten bleiben das einzig Fassbare. Und die sind schrecklich. Eine Reportage.

von , , , , , und Wenke Husmann, Christian Spiller
Trauern und Solidarität mit den Opfern und ihren Angehörigen zeigen - das haben die Pariser am Samstag getan.
Trauern und Solidarität mit den Opfern und ihren Angehörigen zeigen - das haben die Pariser am Samstag getan.Foto: dpa

Nichts wird sein wie vorher. Aber es muss weitergehen. Paris lebt – auch wenn es am Freitagabend ein Stück gestorben ist. Die Stadt befindet sich, wie es der französische Präsident François Hollande ausdrückt, „im Kriegszustand“. Schon wieder ist der Tod über eine Metropole gekommen, die auch ein Synonym ist für das freie Leben. Zum zweiten Mal in einem Jahr, nach den Angriffen auf die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ im Januar: Angst und Schrecken und viele unschuldige Menschen, die von Terroristen ermordet wurden.

Eigentlich sind die Anschläge in Paris Anschläge auf unser aller Leben.

Michel Henry steht im neunten Stock einer ehemaligen Hochgarage im elften Arrondissement, Rue Béranger. Es sind die Redaktionsräume der französischen Zeitung „Libération“, Michel Henry ist stellvertretender Ressortleiter der Außenpolitik. In einem Monat ziehen sie in ein anderes Gebäude, das soll heute Nacht gefeiert und betrauert werden. Lange Tische sind aufgestellt, ein Discjockey legt auf, Menschen schenken sich Wein ein. Die Redaktion hat Gäste eingeladen, Freunde, Journalisten von „Le Monde“, freie Autoren. Ihnen allen bietet sich durch die weiten Fenster ein spektakulärer Blick über das nächtliche Paris. Es ist Freitag, der 13. November, 21.30 Uhr. Wochenendstimmung. Dann erhalten die ersten Gäste Kurznachrichten, „alles ok bei dir?“, und bald werden es mehr. Bis irgendwann jeder im Raum telefoniert. So bahnt sich der Horror seinen Weg.

Terror in Paris - Solidarität in der ganzen Welt
Gedenkminute vor der französischen Botschaft in Rom. Überall in der Welt gedachten heute Menschen der Opfer der Terroranschläge von Paris.Weitere Bilder anzeigen
1 von 49Foto: Andreas Solaro/AFP
16.11.2015 16:10Gedenkminute vor der französischen Botschaft in Rom. Überall in der Welt gedachten heute Menschen der Opfer der Terroranschläge...

Als klar wird, dass die Party vorbei ist, stürmen einige Journalisten aus der Redaktion, fünf Minuten schnellen Schritts ist die Rue de la Fontaine au Roi entfernt, wo Schüsse gefallen sein sollen. Gastjournalisten bekommen Arbeitsplätze gestellt. „Wir wussten noch nicht viel“, sagt Michel Henry Samstagnachmittag am Telefon, „es war nicht klar, ob das nun eine Bandenschießerei ist oder Terrorismus.“ Die Nachrichten werden immer konfuser, immer entsetzlicher. Schießerei auch auf der Rue de Garonne und auf dem Boulevard Voltaire, beides ebenfalls keine fünf Minuten entfernt. Dann die Explosionen, die Geiselnahmen. Stade de France. Bataclan. Und bei Libération werden die „nötigen Maßnahmen“ ergriffen, wie es heißt. Die sind sie gewohnt.

Ständig SMS, ständig die Frage: Geht's dir gut?

Im siebten Stock des Gebäudes waren bis vor Kurzem die Überlebenden der Redaktion von „Charlie Hebdo“ zu Gast. Immer wieder gab es auch Morddrohungen gegen Journalisten von Libération. Vor der Tür stehen schwerbewaffnete Gendarmen, zwei weitere an Straßenecken rechts und links, der Eingang ist verbarrikadiert, es gibt eine Schleuse zur Identifizierung aller Personen, die das Gebäude betreten wollen. Die Angst vor Terror ist an wenigen Orten so präsent wie hier.

Mittlerweile ist das Alltag für den Journalisten Michel Henry.

Um 22 Uhr verschließen die Gendarmen die Türen, verhängen eine Ausgangssperre. Alle Ressortleiter werden beauftragt sicherzustellen, dass ihre Redakteure wohlauf sind. „Es war bizarr. Viele meiner Kollegen leben hier im Viertel“, sagt Henry, „wir mussten gleichzeitig Augenzeugen für die Zeitung finden und nachfragen, ob es Freunden und Bekannten gut geht.“ Telefone klingeln – „Gott sei Dank geht es dir gut“ – Menschen laufen aufgeregt durch die Räume. Alle sind persönlich betroffen.

14 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben