Terror in Paris : Zum Hass erzogen

Die Attentäter von Paris hatten einen schwierigen Start ins Leben. Dann wurden sie von salafistischen Predigern radikalisiert. Es endete in einer Katastrophe.

Die Terroristen nach dem Anschlag auf das Satire-Magazin "Charlie Hebdo".
Die Terroristen nach dem Anschlag auf das Satire-Magazin "Charlie Hebdo".Foto: Reuters

Die beiden Brüder, die bei ihrem Angriff auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ das Leben von zwölf Menschen kaltblütig beendeten, hatten einen schwierigen Start in ihr eigenes Leben. Als Kinder algerischer Einwanderer werden die Brüder Said und Chérif im zehnten Arrondissement von Paris geboren. Ihre Eltern, beide Arbeitsmigranten, sterben früh, so dass ihre vier Kinder, drei Jungs und eine Tochter, ins Heim kommen. Chérif und Said sollen schon im frühen Alter als impulsiv und aggressiv aufgefallen sein.

Französische Journalisten sind in diesen Tagen damit beschäftigt, jeden Lebensabschnitt, jedes Lebensereignis der Familie Kouachi zu recherchieren. Die Brüder Said und Chérif absolvieren die Berufsschule in der Hauptstadt. Said wird zum Hotelkaufmann, Chérif zum Sportlehrer ausgebildet, fand die Zeitung „La Montagne“ heraus. Doch mit einer normalen Berufslaufbahn wird es nichts. Sie wohnen im jungen Alter bei einem französischen Konvertiten im 19. Arrondissement von Paris. Anstatt Kinder für den Sport zu begeistern, liefert Chérif Pizzen aus. Er sei mit diesem Leben nicht zufrieden gewesen, schreiben mehrere französische Medien und berufen sich auf Nachbarn, Weggefährten, flüchtige Bekanntschaften.

Also wandten sich die beiden Brüder der Kleinkriminalität zu. Mit einer Gang zogen sie durch die Quartiers, stahlen in Supermärkten, auch jüdischen Supermärkten – aus „politischen Gründen“. Sie verkauften Zigaretten und Drogen und machten die Nachbarschaft unsicher. Im Jahr 2003, berichtet „Le Monde“, begab sich Chérif immer öfter in die Moschee. In die falsche anscheinend, denn die Addawa Moschee in der Rue de Tanger gilt als Nest für radikale Salafisten. Dort kam Chérif Kouachi erst auf die Idee mit dem Dschihad, die ihn in der Peripherie der Hauptstadt nicht losließ. In der Moschee traf er den radikalen Prediger Farid Benyettou, er wird den selbst ernannten Emir mit seinem Bruder öfter konsultieren.

Weltweite Trauer nach Pariser Anschlag
Aus Stiften und Kerzen geformt: "Ich bin Charlie".Weitere Bilder anzeigen
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10.01.2015 14:00Aus Stiften und Kerzen geformt: "Ich bin Charlie".

Der französische Geheimdienst und die CIA ermittelten

Es gibt von dieser Zeit sogar Bewegtbilder des zwei Jahre jüngeren Chérif Kouachi. In einer Fernsehreportage erzählte er Reportern, wie sehr ihn der Rap inspiriere. „Weil er mir aus dem Herzen spricht“, sagte er. Kurz darauf tritt er in eine radikale Islamistengruppe in Buttes-Chaumont ein. Anführer war Benyettou. Im Jahr 2005, als die Banlieues in Paris brannten, wollte er in den Irak fahren, die französischen Behörden hinderten ihn an der Ausreise.

Im Gefängnis trifft Chérif Kouachi den noch radikaleren Djamel Beghal, der sich den sakral klingenden Namen Abu Hamza gab. Im Jahr 2008 wird Chérif wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 18 Monaten Haft verurteilt. Als er rauskommt, scheint es so, als hätte er sich gebessert. Er heiratet, will sich ein neues Leben aufbauen. Der Schein trügt. Die Radikalisierung geht weiter, Chérif kümmert sich neben seinem „normalen Leben“ nun um die Indoktrinierung von Said. Im Jahr 2011 fahren die Kouachis in den Jemen, sie wollen sich dort für „etwas Großes“ vorbereiten lassen. Die jemenitischen Behörden, der französische Geheimdienst und die CIA ermitteln. Doch es passiert nichts.

Es endet in der Katastrophe. Die 34 und 32 Jahre alten Brüder Kouachi setzen sich am vergangenen Mittwoch in ihren Wagen, massakrieren zwölf Menschen vor und in den Redaktionsräumen des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, das ihrer Ansicht nach „den Islam beschmutze“. Auf der Flucht verlieren sie einen Turnschuh, eine Mütze, einen Personalausweis. Die professionell ausgebildeten Killer machen viele Fehler. Sie verschanzen sich mehrere Stunden in einer Druckerei unweit des Flughafens Charles de Gaulle. Die Polizei ist im Großeinsatz. Die Brüder sterben, als sie aus der von ihnen besetzten Druckerei in Dammartin-en-Göele mit Kalaschnikows stürmen.

Eine „konstante Beziehung“, ja gar eine Freundschaft pflegten die beiden Brüder Kouachi zum dritten Attentäter, der Paris diese Woche in Atem hielt: Amédy Coulibaly. Sie lernten sich im Gefängnis kennen. Coulibalys Radikalisierung liest sich wie die der Brüder Kouachi. Ihr gemeinsamer Mentor war Djamel Beghal.

Coulibaly wurde von Nicolas Sarkozy empfangen

Auch Coulibaly war schon immer der Radikalisierung sehr nahe. Er und seine neun Schwestern kamen aus einem schwierigen Hause. Zunächst schlug er eine gewöhnliche Laufbahn ein, arbeitete in einer Fabrik von Coca-Cola und wurde sogar vom damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy im Élysée als Vorzeigebeispiel im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit eingeladen. Er spielte gerne Poker im Internet, lernte die Liebe seines Lebens kennen. Nichts Auffälliges. Doch tief in ihm, so soll er mal gesagt haben, spürte er „seine wahre Berufung“. Er gerät in die Hände von salafistischen Predigern, seine Beziehung zu den Kouachis festigt seinen Radikalismus. Französische Zeitungen zeigen Bilder von ihnen, wie sie in den Wäldern rund um Paris schießen lernen.

"Charlie Hebdo": die Fahndung, die Ereignisse
Der Moment des Zugriffs der Sicherheitskräfte beim Supermarkt in VincennesWeitere Bilder anzeigen
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09.01.2015 15:23Der Moment des Zugriffs der Sicherheitskräfte beim Supermarkt in Vincennes

Ein Radiosender ruft am Freitag im jüdischen Supermarkt an der Porte de Vincennes an, in dem Amédy Coulibaly mehrere Menschen als Geisel genommen hat. Er hatte tags zuvor eine Polizistin im Süden von Paris getötet und ist danach geflüchtet. Coulibaly hebt ab und stellt den Hörer anscheinend neben das Telefon. Alle sollen wissen, warum er das macht: Er spricht über Al Qaida, den Kampf gegen den Westen und seinen Willen, seine Religion zu rächen. Dann stürmt die Polizei den Supermarkt. Drei unschuldige Menschen hatte er da schon erschossen, Coulibaly stirbt bei der Stürmung.

Eine vierte Verdächtige ist noch auf der Flucht. Die Franzosen kennen sie nur von einem Fahndungsfoto, auf dem Hayat Boumeddiene wie unter Drogen mit halb geschlossenen Augen in die Kamera blickt. Sie ist die Partnerin von Amédy Coulibaly, soll sich am Freitag, zum Zeitpunkt des Attentats auf den jüdischen Supermarkt „Hyper Cacher“ aber schon in der Türkei aufgehalten haben. Inwieweit sie in die Planung der Attentate involviert war, ist bisher unklar.

Das radikalisierte Paar Coulibaly-Boumeddiene hat sich im Gefängnis kennengelernt. Es ist die Story zweier Verlierer einer Gesellschaft, die zwar über solche Fälle streitet, aber wenig dagegen tut. Und so konnte sich Boummeddiene ungestört dem gewalttätigen Islamismus hingeben, unter Beobachtung der Sicherheitsbehörden. Boumeddienne soll im Gefängnis mal nach Al Qaida gefragt worden sein: „Gut und berechtigt ist die Organisation“, sei ihre Antwort gewesen. Die Pariser halten in diesen Tagen Ausschau nach der „Terrorbraut“. Erklärungen über die Rolle und den Aufenthaltsort von Hayat Boumeddienne könnte die von der Polizei festgenommene Frau von Chérif Kouachi liefern. Sie habe, so Medienberichte, mit Boumeddienne im Jahr 2014 mehr als 500 Mal ausgiebig telefoniert.

Boumeddienne: "Die Amerikaner töten unsere Kinder im Irak"

Im Jahr 2010 wurde Hayat Boumeddienne von der Polizei stundenlang verhört, berichtet die Zeitschrift „Le Nouvel Observateur“. Laut Protokoll habe sie den Sicherheitsbeamten damals von der Radikalisierung ihres Lebensgefährten Coulibaly berichtet. Und diese dann gerechtfertigt. Boumeddienne steht zu ihren radikalen Ansichten. „Die Amerikaner töten unsere Kinder im Irak“, wird sie laut Protokoll zitiert. Sie hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie unzufrieden ist mit der Weltordnung. Nie hat sie verneint, deswegen zu den Waffen greifen zu wollen. Boumeddienne ist gefährlich, das kann man jetzt schon sagen.

Beim Verhör durch die Polizei gab Hayat Boumeddienne an, in ein arabischsprachiges Land reisen zu wollen, um ihr Arabisch aufzubessern. Laut Medienberichten war es nicht so ausgeprägt, dass man von jemandem sprechen kann, der den Koran selbst liest und deutet.

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