Terror in Spanien : Offener Brief an die Attentäter von Barcelona

Die spanische Sozialarbeiterin Raquel Rull hat einen Offenen Brief zu den Attentaten von Barcelona und Cambrils geschrieben. Wir haben Auszüge ins Deutsche übersetzt.

Angehörige der Attentäter von Cambrils und Barcelona protestieren vor der Kirche von Ripoll gegen Terrorismus.
Angehörige der Attentäter von Cambrils und Barcelona protestieren vor der Kirche von Ripoll gegen Terrorismus.Foto: REUTERS/Albert Gea

Die Sozialarbeiterin Raquel Rull, 41, kannte die Attentäter von Barcelona, die wie sie in dem Pyrenäenort Ripoll lebten. Sie hat unter anderem den am Montag von der Polizei erschossenen Younes Aboyaaquob betreut, der das Auto auf die Ramblas von Barcelona fuhr. In einem offenen Brief schildert sie ihre Sicht auf die Täter. Wir dokumentieren den Text in Auszügen:

Diese Kinder waren Kinder wie alle anderen auch, Söhne von Ripoll. Mich schmerzt der Hass in den Netzwerken, auf der Straße, in dem Dorf, wo ich wohne, in den Zeitungen; wo man Ignoranz und Gleichgültigkeit zeigt, Groll und keinen Respekt gegenüber dem Nächsten; wo man unfähig ist, sich vorzustellen, wie sich ein anderer in seiner Haut fühlt. Es wiederholt sich Jahrhundert für Jahrhundert, Jahr für Jahr. Was machen wir bloß falsch? Es tut weh, dass sie es waren.

Aber erlaubt mir auch, euch die andere Seite zu zeigen; das, was nicht in den Zeitungen steht, für das keine Träne in der Öffentlichkeit vergossen wird; wo die Tränen im Stillen getrocknet werden müssen, weil es sich nicht gehört, für sie zu weinen. Lasst mich erklären, wie sie waren, zumindest wie ich sie kannte. Ich war fast mein ganzes Leben in der Sozialarbeit tätig, auf der Straße, in den Schützengräben, wie wir sagen.

Kaum in Ripoll angekommen, fing ich mit einer Jugendgruppe an, Kinder aller Altersstufen, die einen passten auf die anderen auf.

Der Kleinste war ungefähr acht Jahre alt und kam immer an der Hand seines Bruders. Ein wohlerzogener Bruder, schüchtern, liebenswürdig; einer, der gut lernte, ruhig war und der sich in der Schule nie in Schwierigkeiten brachte. Ein Junge, der mir immer aus Beuteln gerösteten Mais anbot oder irgendwelche Süßigkeiten, die er sich kaufte mit dem wenigen Geld, das er hatte. (...) Wir wuchsen zusammen auf und durchlebten Etappen. Ich erinnere mich noch an unsere langen Gespräche im Büro. ,Raquel, ich muss mit dir sprechen…’, dann zogen wir uns zurück und sprachen über die Zukunft. Pilot, Lehrer, Arzt oder Mitarbeiter bei einer NGO wolltet ihr werden. Wie konnte sich das alles in Luft auflösen? Was ist geschehen?

Dies darf nicht bloß eine weitere Geschichte gewesen sein; wir müssen lernen, wir müssen die Welt besser machen (…)

In mir drin bleibt vieles, viele Momentaufnahmen, die ich nie vergessen werde. Said, Moha, Moussa, Youssef, Omar, Younes und jetzt noch Houssin... es ist ein Albtraum, die Liste wird immer länger. Wie kann das sein, Younes? Keiner war so verantwortungsbewusst wie du. Es gibt keine Erklärung für das Unrecht, das ihr begangen habt. Krieg, Zorn und Hass führen nirgendwohin. Niemals, im Namen von niemandem und für nichts. Nicht für Götter, nicht für Fahnen oder eine Religion.

Aus dem Spanischen übersetzt von Jost Müller-Neuhof

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