Politik : Terror und die Folgen: Die Grenzen der Präzision

Malte Lehming

Sie wurden getreten und geschlagen. Zähne wurden ihnen ausgeschlagen und Rippen gebrochen. Zwei der Gefangenen fielen vor Schmerz in Ohnmacht. All das geschah, laut Aussage der Misshandelten, vor etwa 14 Tagen auf dem US-Stützpunkt in Kandahar. Dort seien die 27 Männer in Holzkäfigen untergebracht worden. Ein bedauerlicher Irrtum, räumt das Oberkommando der US-Streitkräfte inzwischen ein. Die Inhaftierten seien keine Al-Qaida- oder Taliban-Kämpfer gewesen. Im Gegenteil: Viele von ihnen arbeiten für die neue Regierung von Hamid Karsai. Sogar der Polizeichef der Region, Abdul Rauf, war verhaftet worden.

Zum Thema Dokumentation: Kampf gegen Terror
Fotos: Osama Bin Laden, Krieg in Afghanistan
Dabei haben die 27 Männer Glück gehabt. Sie haben überlebt. Der "tragische Fehler", von dem das Pentagon spricht, begann am 24. Januar zwischen Mitternacht und Morgengrauen. Zuerst schossen amerikanische Soldaten mit Raketen auf die Schule und das Rathaus von Hazar Qadam, einer kleinen Stadt etwa 200 Kilometer nördlich von Kandahar. Dann griffen sie mit Bodentruppen an. Abdul Rauf wurde von dem Feuer der Maschinengewehre geweckt. Als er die Angreifer sah, sagte er zu den anderen Polizisten: "Habt keine Angst, das sind unsere Freunde." Einige Minuten später lag er auf dem Boden und hatte einen Stiefel im Kreuz. "Wir sind Freunde, Freunde, Freunde", rief er. Dann hörte er, wie eine seiner Rippen brach, und verlor das Bewusstsein.

Bei dem Angriff auf Hazar Qadam kamen 21 Menschen ums Leben. Keiner von ihnen hatte Verbindungen zu Terroristen. Die Familien der Toten werden von CIA-Agenten finanziell entschädigt. Sämtliche Gefangenen wurden am vergangenen Mittwoch freigelassen. Sie bekamen eine Entschuldigung mit auf den Weg. Das US-Verteidigungsministerium hat eine Untersuchung angeordnet. Bevor das Ergebnis vorliegt, wollen sich die Verantwortlichen nicht zu der Ursache der "tödlichen Panne" äußern. Eine Theorie besagt, dass die Amerikaner absichtlich in die Irre geleitet worden waren.

Kein Mensch weiß, wie viele Ziviltote der Krieg in Afghanistan gekostet hat. In den ersten Monaten der "Operation dauerhafte Freiheit" konnten unabhängige ausländische Beobachter vor Ort nicht recherchieren. Das hatte die Taliban-Regierung verboten. Viele von den Taliban selbst verbreitete Horrorgeschichten erwiesen sich außerdem als falsch.

Trotz der Unsicherheiten sind Zahlen im Umlauf. Der Wirtschaftsprofessor Marc W. Herold etwa, der an der Universität von New Hampshire unterrichtet, hat vom 7. Oktober bis 6. Dezember auf der Grundlage von verschiedenen Berichten eine Mindestzahl von 3767 Ziviltoten errechnet. Dem widerspricht Carl Conetta, der ein Projekt über Verteidigungsinitiativen leitet. Er hat ebenfalls das vorhandene Material ausgewertet und kommt auf "1000 bis 1300". Die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" will ihre Mitarbeiter im kommenden Monat nach Afghanistan schicken, um etwa hundert ungeklärte Vorfälle zu überprüfen, bei denen Zivilisten ums Leben kamen.

Was geschah in Tora Bora?

Was zum Beispiel geschah am 11. Oktober in Karam? Die Taliban behaupten, dort seien bei Luftangriffen rund 200 Zivilisten getötet worden. Überlebende haben diese Zahl später auf "50 bis 100" korrigiert. Reporter, die viele Tage später vor Ort waren, fanden viele zerstörte Wohnhäuser. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagt, es habe wahrscheinlich Nachfolgeexplosionen gegeben, was beweise, dass in Karam große Mengen Munition gelagert worden seien. Was geschah am 1. Dezember in der Nähe des Tunnelkomplexes von Tora Bora? Anti-Taliban-Kräfte in dieser Region behaupten, dass US-Bomber mindestens 115 Ziviltote verursacht haben.

Was geschah am 20. Dezember in der Provinz Paktia, etwas südlich von Kabul? Dort hatten amerikanische Kampfjets einen Konvoi angegriffen und 50 bis 60 Menschen getötet. Überlebende sagten später aus, dass es sich dabei um Stammesführer gehandelt hat, die zur Inauguration des neuen Präsidenten nach Kabul fahren wollten.

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Etwa 60 Prozent der insgesamt 18 000 über Afghanistan abgeworfenen Bomben und abgeschossenen Raketen waren präzisionsgesteuert. Laut Rumsfeld lag die Treffgenauigkeit bei 85 bis 90 Prozent. Aber insbesondere durch den Einsatz von Streubomben dürfte die Zahl der Ziviltoten in die Tausende gehen.

Die Liste der Pannen ist lang - angefangen vom Hauptquartier des Roten Kreuzes in Kabul, das im Oktober gleich zwei Mal innerhalb von zehn Tagen bombardiert worden war, bis hin zu dem jüngsten "Versehen" in Hazar Qadam. Entsprechend groß ist nun der Erklärungsdruck, unter dem das Pentagon steht. Da hilft es wenig, dass sich der Zorn der Afghanen auf die USA offenbar in Grenzen hält. Zumindest im Norden des Landes wird die Schuld an dem Krieg den Taliban zugeschrieben. Und die neue Regierung in Kabul, die es sich mit den USA nicht verscherzen möchte, hält sich mit Kritik ebenfalls zurück. "Wenn wir die Sache realistisch betrachten und unbeeinflusst von ausländischer Propaganda", sagte in der vergangenen Woche der neue afghanische Innenminister Junis Kanuni, "dann ist die Zahl der Ziviltoten minimal."

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