Terror und Fußball : Die Macht, die wir haben

Die Anschläge zielten auf das, was freie Gesellschaften ausmacht. Umso wichtiger ist, dass die Menschen die Angst besiegen. Auch bei dem Länderspiel gegen die Niederlande.

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Tausende Menschen versammelten sich auch am Montag vor der französischen Botschaft in Berlin. Foto: REUTERS
Tausende Menschen versammelten sich auch am Montag vor der französischen Botschaft in Berlin.Foto: REUTERS

Ein Fußballspiel wird zur Demonstration. Die Bundeskanzlerin und drei Bundesminister werden heute im Stadion von Hannover auf der Tribüne sitzen, wenn die Nationalmannschaft ohne sportlichen Ehrgeiz auf die Niederlande trifft. Es soll an diesem Abend für die Politiker wie auch für tausende andere Stadionbesucher um Solidarität mit Frankreich gehen, um Verarbeitung von Trauer und um ein Zeichen der Stärke. Wir kommen erst recht. Der öffentliche Raum gehört uns.

Spielend die Angst vertreiben. Schön, wenn das so leicht wäre. Die Anschläge von Paris haben den freien Gesellschaften wieder ihre Verletzlichkeit bewusst gemacht. Das tägliche, alltägliche Leben mit seinen unzähligen Möglichkeiten blutet aus einer offenen Wunde. Auch der Fußball gehört zu dieser Alltagskultur, und gerade er ist aus dämonischer Sicht so lohnend als Angriffsziel. Weil sich der Terror hier inszenieren kann und am Freitagabend auch wollte mit all den furchtbaren Folgen, mit grauenhaften Bildern, die einer Weltöffentlichkeit live nach Hause gesendet werden können. Auch mit diesen Bildern versuchen die Terroristen Macht zu gewinnen über uns und unseren Alltag.

Unsere Freiheit soll mit Angst verknotet werden. Gegen diese Angst lässt sich schwer ein Serum finden. Man kann probieren, sie zu überspielen, vielleicht ja mit Fußball. Dazu haben sich auch die Franzosen entschlossen, sie tragen heute ihre Begegnung gegen England in London aus. Selten war es so wichtig, das ein Freundschaftsspiel zu nennen.

Ein Sieg der Normalität ist das Ziel

Ein Sieg der Normalität ist heute das Ziel, für Spieler wie für Zuschauer. Das zeigt: Was wir unter Normalität verstehen, ist ein immer neu erstrebenswerter, ein zu verteidigender Zustand. Es wird daher Menschen geben, die sich eine Eintrittskarte für das Spiel heute in Hannover kaufen, obwohl sie sich nicht für Fußball interessieren. Es wird aber auch Menschen geben, die ihre Karte nicht einlösen, aus Angst, es könnte etwas passieren. Vermutlich wird es in diesem Jahr in Deutschland kein Fußballspiel geben, das besser geschützt ist. Doch was hilft dieses rationale Argument, wenn manchen der Bauch empfiehlt, lieber zu Hause zu bleiben?

Es gehört zur Stärke dieser Gesellschaft, auch Schwächen anzuerkennen und Menschen mit ihren Schwächen zu schützen. Die Anschläge zielten auf das, was freie Gesellschaften ausmacht. Das ist auch und vor allem die Vielfalt. Unsere Gesellschaft wird gerade in und durch ihre Unterschiedlichkeit stark. Sie lässt Raum für das Persönliche.

Gleichzeitig gibt es bei vielen Menschen das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Sie wollen ihre Trauer, ihre Fassungslosigkeit teilen, auch dafür werden heute die Stadiontore von Hannover geöffnet. Viele suchen jetzt nach einer starken Zeichensprache, sie hoffen Ausdrucksformen zu finden, auf die sie alleine nicht gekommen wären. Dem Terror können im Stadion heute mächtige Bilder entgegengesetzt werden. Solche Symbole sind nicht jedermanns Sache, sie dürfen nicht überzogen sein. Aber sie können, wohldosiert, Stärke vermitteln und etwas Verbindendes schaffen. Etwas, auf das man sich immer wieder berufen kann.

Es ist keine Feigheit, heute nicht ins Stadion zu gehen. Und es ist gleichzeitig mit Mut verbunden, heute ins Stadion zu kommen. Dass dies kein Widerspruch ist, gehört zum Glück unserer Gesellschaft.

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