Politik : Terror vor dem Fest

Islamisten bezichtigen sich der Anschläge in Delhi – sie wollen keinen Frieden

Christine Möllhoff[Neu Delhi]

In Delhi herrscht an diesem Samstag Festtagstrubel. Häuser und Geschäfte sind mit Lichterketten und Lametta geschmückt, Straßenhändler bieten Süßigkeiten an, aus Lautsprechern klingt Musik, Millionen Menschen sind unterwegs, um Geschenke für Freunde und Familie zu kaufen. An diesem Dienstag feiern Indiens Hindus das Lichterfest Diwali, eine Art Weihnachten, und am Freitag die Muslime das Ende des Fastenmonats Ramadan. Doch dann wird die 14-Millionen-Metropole brutal aus der fröhlichen Feststimmung gerissen, binnen 18 Minuten erschüttern drei Bombenanschläge die Stadt. 61 Menschen sterben, nahezu 200 werden verletzt, viele ringen am Sonntag um ihr Leben. Unter den Opfern sollen auch Ausländer sein. Die Stadt steht unter Schock. Schnell wird deutlich: Die Täter hatten nur das Ziel, möglichst viele Menschen zu töten oder zu verstümmeln. Der Hauptverdacht richtete sich umgehend gegen muslimische Extremistengruppen.

Es dämmerte schon, als um 17 Uhr 38 auf dem belebten Markt in Paharganj nahe des Bahnhofs die erste Bombe explodiert. Das Altstadtviertel mit seinen billigen Hotels und Gasthäusern ist bei ausländischen Rucksacktouristen beliebt. Nach ersten Ermittlungen war die Bombe, versteckt in einer Tasche, in einer Fahrradrikscha deponiert. Mindestens elf Menschen sterben, darunter auch der Rikschafahrer. „Glasscherben flogen durch die Luft, Menschen schrien vor Schmerzen oder aus Angst“, erzählt der Schotte Stephen MacDonald.

Noch schlimmer trifft es 18 Minuten später den Markt Sarojini Nagar im Süden Delhis. Als die Bombe, die in einer Tasche vor einem Geschäft deponiert wurde, explodiert, drängen sich Menschenmassen durch die Gassen. Nicht nur Inder, auch Ausländer kaufen in Sarojini Nagar gerne ein. Binnen einer Minute verwandelt sich der Markt zum Schauplatz einer Tragödie: Leichen liegen auf der Straße. „Um uns herum standen Menschen in Flammen, ihre Kleider waren ihnen vom Körper gerissen – Männer und Frauen liefen halbnackt herum mit Verbrennungen am ganzen Körper. Wir konnten sie nur in Bettlaken hüllen und zu den Krankenwagen bringen", erzählt ein Geschäftsmann. „Es war ein grauenvoller Anblick. Ich sah den Körper eines Kindes, sein Kopf fehlte“, sagt der Rikscha-Fahrer Pal.

Nur knapp wird in einem Bus ein drittes Blutbad verhindert. Als Schaffner und Fahrer eine herrenlose Tasche unter einem Sitz entdecken, treiben sie die Passagiere aus dem Bus. Als der Fahrer jedoch die Bombe aus einem Fenster wirft, zündet sie. Zwölf Menschen werden verletzt.

Für Indiens Regierung steht außer Frage, dass die Anschläge auf das Konto von Terroristen gehen. Im ganzen Land wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft, eine Großfahndung eingeleitet und mindestens 20 Verdächtige festgenommen. Am Sonntag übernahm eine bisher unbekannte Gruppe namens „Islamische Revolution“ die Verantwortung für die Tat. Die Gruppe drohte, sie werde „Anschläge dieser Art“ so lange fortsetzen, bis Indien seine Soldaten aus Kaschmir abziehe. Indische Terrorexperten glauben, dass die Gruppe zur Terrororganisation Lashkar-e-Toiba (Streitmacht der Reinen) gehört. Sie will die Unabhängigkeit Kaschmirs erkämpfen, soll ihre Basis in Pakistan haben und wird auch für andere Anschläge verantwortlich gemacht. Ein Mitglied steht derzeit in Delhi vor Gericht.

Die Terrorakte zielen offenbar darauf, den Friedensprozess zwischen Indien und Pakistan zu torpedieren. Sie nähren Vorwürfe Indiens, dass Extremisten weiter von Pakistan aus Anschläge ausführen. Pakistans Präsident Pervez Musharraf beeilte sich, die Tat als „kriminellen Terrorakt“ zu verdammen. Noch in der Nacht einigten sich Indien und Pakistan auf die teilweise Öffnung der Grenze in Kaschmir. Damit soll die Hilfe für die Opfer des Erdbebens vom 8. Oktober erleichtert werden. Auch die Menschen in Delhi wollen sich dem Terror nicht beugen: Bereits am Sonntag wurden die Märkte in Paharganj und Sarojini wieder geöffnet.

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