Terroranschläge : Touristen in Scharm el Scheich unter Schock

Die Explosion war so gewaltig, dass noch weit vom Anschlagsort entfernt Glasscheiben und Spiegel zersplitterten. (23.07.2005, 16:10 Uhr)

Scharm el Scheich - «Wir sind von einem gewaltigen Knall aufgewacht, ich dachte es sei ein Flugzeug abgestürzt», erzählt Alain Erath, ein französischer Tourist, der neben dem betroffenen Hotel «Ghazala» untergekommen war. Seine Freundin setzt sich die Sonnenbrille auf die verweinten Augen. «Wir sind rausgelaufen und haben jede Menge Rauch gesehen. Es waren viele Menschen auf der Straße, die geweint und geschrien haben», sagt er und legt tröstend den Arm um die junge Frau, die sichtbar unter Schock steht.

Zwei junge Männer aus Stuttgart sitzen am Nachmittag mit einer Cola an der Hotelbar. «Wir waren auch mal im Hard Rock Café, wo eine der Bomben hochgegangen ist. Das hätte auch uns treffen können», sagt Oliver Wartenberg, der sich vergeblich bemüht, cool zu wirken. Seinen Urlaub will er erstmal nicht abbrechen. «Noch mal schlagen sie bestimmt nicht zu», meint er.

Unterdessen sammeln Helfer auf einem Rasenstück Leichenteile zusammen und deckten sie mit Zementsäcken ab, weil es nicht genügend Spezialsäcke gab. An den Anschlagsorten bemühen sich die ägyptischen Behörden, so schnell wie möglich den Schutt zu beseitigen. Das Foyer des Ghazala-Hotels ist komplett zerstört, die Decke des eingeschossigen Gebäudes ist eingestürzt.

Auf dem Marktplatz sind am Morgen noch die Reste eines grünen Autos zu sehen, die weit voneinander versprengt liegen. Möglicherweise hat darin jemand den ersten der insgesamt drei Sprengsätze gezündet. Er ging mitten in der Nacht um 1.15 Uhr hoch, als noch viele Cafés und Restaurants gut besucht waren.

Am Samstag sind in dem Touristenort viele Menschen mit Gepäck zu sehen, die die vorzeitige Heimreise antreten. Andere halten sich in den Hotellobbys auf und warten auf neue Informationen ihrer Reiseleiter. «Ich fühle mich nicht mehr sicher hier», sagt Mohammed Al Rashadi aus Saudi-Arabien. «Ich bin aus meiner Heimat Terror gewohnt, aber so nah hat es mich noch nie erwischt, wir versuchen alles, um einen früheren Rückflug zu bekommen.»

Für Ägypten ist der Anschlag eine Katastrophe. Ausgerechnet Scharm el Scheich, denken viele Menschen hier. Dort, wo der ägyptische Präsident eine Villa hat, wo der britische Premier Urlaub Tony Blair machte und so viele wichtige internationale Konferenzen stattfanden. Die Opferzahlen erreichten schnell das Niveau des verheerenden Anschlags in Luxor 1996, der bislang als der schlimmste in der ägyptischen Geschichte galt.

Die ägyptischen Hotelangestellten bemühen sich, ihren Gästen weiterhin mit einem Lächeln zu begegnen, doch vielen steht die Anspannung und Sorge ins Gesicht geschrieben. «Das ist ein schlimmer Schlag für den Tourismus hier, bestimmt werden viele von uns ihre Arbeitsplätze verlieren», sagt ein Angestellter des Mövenpick Hotels, das einem der Anschlagsorte gegenüber liegt. Es werde sicher sehr lange dauern, bis in Scharm el Scheich wieder an allen Ecken fröhliche Urlaubsstimmung herrsche. (Von Ulrike Koltermann, dpa)

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