Terroranschlag : Zahl der Toten gestiegen

Nach den Terroranschlägen von London wird mit einem Anstieg der Zahl der Todesopfer gerechnet. Nach offiziellen Angaben vom Freitagmorgen wurden bei den Anschlägen auf drei U-Bahnen und einen Bus 37 Menschen getötet und rund 700 verletzt. In nicht bestätigten Berichten war jedoch bereits von über 50 Toten die Rede.

London (08.07.2005, 09:11 Uhr) - Der australischen Regierungschef John Howard sagte nach Angaben des australischen Rundfunksenders ABC, er rechne mit 52 Todesopfern. Sieben Australier würden im Krankenhaus behandelt. Er kündigte die Entsendung eines Expertenteams in die britische Hauptstadt an, das bei den Ermittlungen helfen solle.

Es war die bisher folgenschwerste Anschlagsserie in der Hauptstadt des Vereinigten Königreichs. In der britischen Metropole, die am Vortag noch über den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2012 gejubelt hatte, brach Chaos aus.

Der britische Premier Tony Blair sieht islamistische Extremisten hinter den Bluttaten. «Wir wissen, dass die Leute, die hinter diesen Anschlägen stecken, behaupten, im Namen des Islam zu handeln», sagte er am Abend im Fernsehen. Zuvor war ein Bekennerschreiben des Terrornetzes Al Qaida in einem Internetforum aufgetaucht. Darin hieß es, die Anschläge sollten die britische «Kreuzfahrer-Regierung» wegen ihres Truppeneinsatzes in Afghanistan und im Irak treffen.

Die Welt reagierte mit Entsetzen. Der Weltsicherheitsrat forderte die internationale Gemeinschaft nach einer außerplanmäßigen Sitzung in einer einstimmig verabschiedeten Resolution dazu auf, sich an der Suche nach den Tätern, Drahtziehern und Sponsoren zu beteiligen. Der Nato-Rat will an diesem Freitag in Brüssel über die Lage beraten.

Die sieben führenden Industrienationen und Russland (G8) reagierten auf die schweren Terror-Anschläge mit demonstrativer Einigkeit. Die Staats- und Regierungschefs legten bei ihrem Gipfel im schottischen Gleneagles nahezu allen Streit über Klimawandel und Afrika-Hilfe bei. Als Zeichen ihrer Entschlossenheit, sich dem internationalen Terror zu stellen, beschlossen sie einmütig, das Treffen - wie geplant - bis zu diesem Freitag fortzusetzen.

US-Präsident George W. Bush betonte den Willen der Gipfelteilnehmer, sich nicht von Terroristen im Ringen um «eine bessere und humanere Welt abbringen zu lassen». Bundeskanzler Gerhard Schröder nannte die Anschläge «heimtückisch». Papst Benedikt XVI. sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus.

Liverpool Street, 8 Uhr 51

Die erste Bombe explodierte um 08.51 Uhr Ortszeit (09.51 MESZ) in einem Zug in einem Tunnel nahe der Liverpool Street Station. Vier Minuten später ging ein Sprengsatz in einem Zug nahe der King's Cross Station hoch. Um 09.15 Uhr ereignete sich eine Explosion in einem Zug an der Edgware Road. Um 09.47 Uhr zerfetzte eine Bombe am Tavistock Square einen Doppeldeckerbus.

Die Londoner U-Bahn, mit der jeden Tag drei Millionen Menschen reisen, wurde stillgelegt. Später kam der gesamte Zug- und Busverkehr zum Erliegen. Bahnhöfe wurden evakuiert, Notärzte versorgten Verletzte. Vor dem Buckingham-Palast, auf dem am Abend halbmast geflaggt wurde, zogen Soldaten mit Maschinengewehren auf. Bis zum Nachmittag wurden alle Insassen der Züge aus den Tunneln befreit. Der Verkehr in der Millionenmetropole war am Abend immer noch weitgehend lahm gelegt. Auch am Freitag soll es zu großen Behinderungen kommen.

Ein Polizeisprecher sagte, man sei seit langem auf ein solches Großereignis im Detail vorbereitet. Die britische Regierung hat aber nach Angaben von Innenminister Charles Clarke vor den Anschlägen keine Warnungen bekommen. Der britische Außenminister Jack Straw und mehrere Terrorexperten sagten, die Anschläge trügen die Handschrift von Al Qaida. Sie erinnerten an die Bombenanschläge auf vier Nahverkehrszüge in Madrid, bei denen am 11. März vor einem Jahr 191 Menschen getötet und über 1500 verletzt worden waren.

Furcht vor weiteren Anschlägen

Nach Angaben des Rundfunksenders BBC starben 35 Menschen in den U-Bahnen und zwei in dem Bus, ein weiterer erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Es wird befürchtet, dass die Zahl der Todesopfer noch steigt. Königin Elizabeth II. kündigte an, sie wolle an diesem Freitag Verletzte am Krankenbett besuchen. Derweil stieg die Furcht vor weiteren Anschlägen. Im schottischen Edinburgh sprengten Bombenkommandos in der Haupteinkaufsstraße zwei verdächtig aussehende Pakete.

Den europäischen Börsen versetzten die Anschläge einen Schock und lösten Panikreaktionen aus. Die Kurse fielen vorübergehend, erholten sich aber schnell wieder. Vor allem Reise- und Versicherungsaktien standen zunächst unter Druck. Die Ölpreise sanken, weil die Anschläge die Reiselust bremsen und den Konsum dämpfen könnten. Mehrere Reiseveranstalter boten nach den Anschlägen für London-Reisen kostenlose Stornierungen oder Umbuchungen an.

Viele Länder verschärften umgehend ihre Sicherheitsmaßnahmen. In öffentlichen Verkehrsmittel von New York, Washington und Moskau waren zusätzliche Sicherheitskräfte im Einsatz, weitere Überwachungskameras wurden aktiviert. In Spanien wurden mit Unterstützung der Armee Flug- und Seehäfen, Bahnhöfe sowie strategisch wichtige Einrichtungen wie Kraftwerke, Erdölraffinerien oder Staudämme stärker kontrolliert. Viele europäische Großstädte versetzten die Sicherheitskräfte in Alarmbereitschaft. Die deutschen Behörden erhöhten besonders den Schutz für britische und amerikanische Einrichtungen. (tso)

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