Terrorbekämpfung in Pakistan : Im Tal der Tränen

Sie haben gejubelt, als die Taliban kamen. Denn die armen Bauern im Swat-Tal glaubten ihren Versprechungen. Aber nichts wurde wahr. Heute ist die Gegend ein Beispiel dafür, wie Pakistan Terroristen bekämpft – und sie doch nicht los wird.

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Mörderisches Arsenal. Waffen, die das pakistanische Militär im Swat-Tal den Taliban abgenommen hat.
Mörderisches Arsenal. Waffen, die das pakistanische Militär im Swat-Tal den Taliban abgenommen hat.Foto: dpa

Es gab eine Zeit, da ist Ziauddin Yousufzai nicht einmal mehr zum Schlafen nach Hause gegangen, weil er Angst hatte, die Taliban könnten ihn dort vor den Augen seiner drei Kinder ermorden. Der Schuldirektor weiß, was es bedeutet, den Extremisten die Stirn zu bieten. Sie haben vor vier Jahren seine Heimat, das Swat-Tal in Pakistan, zu großen Teilen unter ihre Kontrolle gebracht.

Am Anfang haben viele Menschen darüber gejubelt. Weil sie dachten, unter den Islamisten würden die Gerichte Verfahren nicht mehr auf Jahre verschleppen, und die armen Bauern in dem fruchtbaren Tal mit seinen Orangenhainen und Weizenfeldern würden einen Teil vom Reichtum der Großgrund- und Obstplantagenbesitzer abbekommen. Doch die pakistanischen Taliban um Maulana Fazlullah machten Swat nicht zu einem gerechteren Ort, sondern zur Hölle auf Erden. Deshalb, sagt Yousufzai, konnte die Armee die Extremisten hier besiegen: „Wir, die Menschen, wollten, dass sie kommt. Wir haben sie gerufen.“

Es ist Mitte April, etwa zwei Wochen vor diesem 1. Mai 2011, an dem Osama bin Laden, der Führer von Al Qaida, in einer kleinen Stadt im Norden Pakistans, gar nicht weit entfernt vom Swat-Tal, getötet worden ist. Die pakistanische Regierung hat eingeladen zu einer Reise, die zeigen soll, wie das Land gegen den islamistischen Terror kämpft. Erfolgreich tut sie das und unter dem größtmöglichen Einsatz, das soll die Botschaft sein. Swat soll ihr dafür als Paradebeispiel dienen.

Tatsächlich zeigt die Geschichte dieses Tals, wie wenig die meisten Menschen in Pakistan von der Herrschaft der selbsternannten Gotteskrieger halten, dass sie dagegen aufbegehren und Regierung und Armee erfolgreich helfen können. Doch Swat zeigt auch, wo die alten Probleme bestehen bleiben, wo es dem pakistanischen Staat nicht gelingt, sich selbst zu besiegen. Und das macht das Verhältnis dieses Staates zu den Extremisten in Pakistan, in Afghanistan und der Al Qaida so ambivalent.

Vor genau zwei Jahren floh Yousufzai mit seiner Familie sowie über eine Million anderer Swatis Hals über Kopf aus der Heimat, um den Platz frei zu machen für den groß angelegten Kampfeinsatz des pakistanischen Militärs gegen die Extremisten. Aus seinen dunkelbraunen Augen blitzt heute der Schalk, als er sagt: „Wir haben Swat verlassen, wie das Volk Israel einst Ägypten verlassen hat.“ Der 43-Jährige ist gläubiger Moslem, aber er ist kein Fanatiker. „Mein Glaube ist Menschlichkeit“, sagt er. Derjenige der Taliban ist es nicht.

Yousufzai sitzt spät am Abend noch im Speisesaal eines Hotels von Saidu Sharif, der Hauptstadt des Distrikts Swat. Die anderen Gäste sind längst auf ihre Zimmer gegangen, der bärtige Kellner schleicht ein weiteres Mal vorbei, aber wagt noch nicht, den Tisch abzuräumen. Yousufzai ist nicht nur Schuldirektor, er spricht auch für die Dschirga, den Ältestenrat, von Swat. Ihm ist es wichtig zu erklären, was aus seiner Sicht so furchtbar schief läuft in seinem Tal, dafür verzichtet er gerne auf ein paar Stunden Schlaf.

Am Anfang muss Maulanah Fazlullah viele Bewohner von Swat beeindruckt haben. Über einen kleinen Radiosender predigte er ab 2006 seine Botschaft direkt in die Häuser der Menschen, was ihm den Spitznamen „Radio Mullah“ eingebracht hat. Zum Freitagsgebet erschien er auch zu Pferd und mit wehendem Haar, viele brachten ihm Geld und Schmuck, weil sie soziale Reformen erhofften. Doch der Mullah brachte dagegen mehr Armut und Schrecken. Die Taliban verhängten willkürliche Ausgangssperren, so dass die Bauern ihre Äpfel und Pfirsiche auf den Feldern verfaulen lassen mussten. Wer sich nicht daran hielt, wurde umgebracht. Einmal habe er in einer Woche 37 Leichen auf dem Weg zu seiner Schule gezählt, sagt Yousufzai. Den Mädchen wurde der Schulbesuch verboten, die Polioimpfung wurde untersagt. Die Gerechtigkeit aber, die sich die Menschen durch das islamische Recht, die Scharia, erhofft hatten, kam nicht. „Wir haben die Regierung regelrecht bedrängt, uns zu helfen“, sagt Yousufzai.

Heute, sagt das Militär, haben die meisten Extremisten das Tal verlassen. Maulanah Fazlullah selbst soll getötet worden sein, sicher ist es nicht. Das Leben in Swat ist aber noch alles andere als normal. Denn viele alte Problem haben sich nicht geändert, und neue sind dazugekommen.

Vor einem Jahr hat die gewaltige Flut, die Pakistan überschwemmt hat, auch das Swat-Tal verwüstet. Nun schlängelt sich der Indus wieder in seinem früheren Bett, doch eine breite Schneise aus Kies und Geröll, in der nichts mehr wächst und ab und an die Fundamente eines Hauses zu erkennen sind, zieht sich wie ein graues, wüstes Band durch die grünen Wiesen und Obstgärten. Straßen sind in den Wassermassen verschwunden, Bauern haben ihr Land und ihre Existenzgrundlage verloren, Häuser und Schulen wurden zerstört. Auch hier hat das Militär eingegriffen. Doch langsam fragen sich viele Menschen jetzt: Wann geht die Armee eigentlich wieder?

Tariq Qadir, der den Armeeeinsatz in Swat führt, will sich nicht festlegen. In einem Jahr vielleicht? Vielleicht auch nicht. Im improvisierten Hauptquartier der 19. Division, einem früheren Hostel mit Blick auf verschneite Bergrücken, führen die Soldaten eine Powerpointpräsentation ihrer Erfolge vor. Straßen, Brücken, Häuser, die wiederaufgebaut worden sind, Gesundheitszentren, Schulen, um die sich die Armee kümmert, der Flughafen, der bald wieder im Einsatz sein soll. „Wir überprüfen dabei alle Aktivitäten der zivilen Verwaltung“, sagt einer ganz ernsthaft. „Wir geben Unterstützung und Ratschläge dort, wo sie gebraucht werden.“ Dass so die zivilen Strukturen kaum wieder auf die Beine kommen können, glaubt er nicht.

In Swat selbst, aber auch in Islamabad dagegen glauben das inzwischen immer mehr. Es ist gut, dass das Militär da war, so der Tenor unter Journalisten und anderen Beobachtern. Aber jetzt muss die Armee erlauben, dass hier ein normaler Staat Fuß fasst. Und zwar nicht nur, indem die Checkpoints an den Straßen immer weniger von Soldaten, sondern von der Polizei kontrollierten werden. Sondern auch, indem die zivile Verwaltung wieder eigenständig arbeiten kann.

Doch die Armee scheint fest entschlossen, das Tal nicht sich selbst zu überlassen. Am Mishal-Deradikalisierungszentrum in Gulibagh wird an einigen Stellen noch gebaut, die Anlage aus gelbem Sandstein schmiegt sich in eine Bergflanke, ein großer, mehrstufiger Innenhof ist umgeben von hohen Mauern, gekrönt von Stacheldraht. „Zeig uns den rechten Weg, den Weg derjenigen, denen Du Deine Gnade gewährst“, steht auf einem Plakat über dem Eingang. Soldaten mit Gewehren gehen Wache, aus einem offenen Raum dröhnt eine Ansprache.

Etwa 45 Männer sitzen in vier Reihen mit durchgedrücktem Rücken auf ihren Stühlen, ihre Bärte sind gestutzt, alle tragen dunkelblaue Westen. Sie lauschen der Ansprache eines Geistlichen, der gerade allerdings weniger von Religion spricht, sondern darüber, dass sie ihrem Staat dienen sollen, denn so würden sie sich und ihrer Gemeinschaft am besten helfen.

In Swat sind nicht nur Häuser und Straßen zerstört worden. Die Taliban hatten Anhänger und Unterstützer, und diese sind nicht verschwunden. Die echten Kämpfer und überzeugten Extremisten schon: „Die sind alle tot oder geflohen“, sagt Major Waqas Akbar wenig zimperlich. Doch der Mullah, der für die Taliban gepredigt hat, ein Richter, der in ihrem Sinne Recht gesprochen hat, oder derjenige, der für sie arbeitete, sei es als Fahrer oder Koch, der kann nicht einfach so in die Gesellschaft zurückkehren.

Deshalb hat das Militär in Swat diese Zentren eingerichtet, zwei für Erwachsene und eines für Kinder. Die Kinder, die oft von ihren bitterarmen Familien an die Taliban verkauft worden sind, sollten zu Selbstmordattentätern abgerichtet werden. Sie bleiben ein Jahr in der Obhut der Armee, die Erwachsenen dagegen drei Monate, sagt der Major. Sie werden von Militärpsychologen und zivilen Ärzten betreut, hören Vorlesungen über den Islam und sollen ganz praktisch auf ein neues Leben vorbereitet werden. In Gulibagh sitzt gerade eine Gruppe von Männern in einer Art Klassenraum und wird am Computer geschult.

Major Akbas, der aussieht wie Sharuk Khans junger Bruder, ist stolz auf seine Arbeit. „Wir behandeln die Männer mit Würde und Respekt“, sagt er. „Sie bekommen gutes Essen, und sie haben nicht mal Gitter vor den Fenstern.“ Dann übersetzt er ein Gedicht, das Faiz Khan geschrieben hat. Der 40-jährige Jurist saß ein Jahr in Haft und ist jetzt in das Deradikalisierungsprogramm aufgenommen worden. Seine Hände zittern, als er seine eignen Sätze vorträgt; es geht um Frieden, den jeder braucht und den jeder bekommen soll. Es klingt wie die Predigt des Geistlichen aus dem anderen Klassenzimmer. Der Soldat amüsiert sich prächtig.

Was genau Faiz bei den Taliban gemacht hat, wollen beide nicht sagen. Doch auch nach den drei Monaten wird für Faiz im Projekt Mishal die Zeit der Beobachtung nicht vorbei sein. Einmal soll ihm geholfen werden, eine Arbeit zu finden. Und er wird sich regelmäßig bei der Polizei und den Dorfältesten melden müssen. Die berichten dann weiter an das Militär. Das Zentrum soll noch mindestens ein Jahr weiterlaufen, sagt Akbar. Er selbst aber, glaubt er, wird noch sehr viel länger in Swat bleiben.

Yousufzai hält das Deradikalisierungsprogramm für eine gute Sache. Doch er sagt auch, „so viele Menschen sind noch in Haft. Es wäre gut, wenn sie auch vor Gericht kämen.“ Denn die Justiz kuscht immer noch vor den Islamisten. Und dann spricht er von der Roten Moschee in Islamabad. Dort hatten deren geistliche Führer, die Brüder Ghazi, vor vier Jahren das Regime Musharraf herausgefordert. Das Ende war ein Blutbad mit über hundert Toten in der Hauptstadt. Während Abdul Rashid Ghazi in dem Feuergefecht starb, lehrt sein Bruder Abdul Aziz Ghazi heute wieder in der Moschee. „Kein Richter hat ihn verurteilt“, sagt Yousufzai.

Pakistans Establishment hat immer wieder Geschäfte mit den Islamisten gemacht. Militärherrscher wie Politiker haben sie genutzt, um sich politische Mehrheiten zu sichern, und sie haben sie gezielt im Kampf gegen Indien in Kaschmir eingesetzt. In diesen Zeiten entstanden enge Verbindungen zwischen Teilen des Sicherheitsapparates und extremistischen Kämpfern. Sogar pakistanische Militärs sagen hinter vorgehaltener Hand, dass es diese Kontakte weiterhin gibt. Dabei sehen viele offenbar nicht: Eine klare Trennung zwischen Extremisten, die sich gegen den pakistanischen Staat wenden, denjenigen, die in Afghanistan kämpfen, und den international agierenden Terroristen von Al Qaida funktioniert nicht. Vielleicht ist es manchem sogar egal? Mitglieder des militärischen Geheimdienstes ISI wollen sich jedenfalls keine Sorgen darüber machen. Allerdings bringen auch sie ihren Stolz auf die Aktion in Swat zum Ausdruck, wenn auch nur anonym.

Aus ihrer Sicht sind die Terroristen erfolgreich in die Flucht geschlagen worden, Punkt. An diesem 1. Mai haben in Swat Hunderte wegen ihrer schlechten wirtschaftlichen Lage protestiert.

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