Terrorismus : Kamikaze im Namen Gottes

Als Kampftruppe gegen die sowjetischen Besatzer Afghanistans gegründet, hat sich Al Qaida zu einem global agierenden Terrornetzwerk entwickelt.

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Sanft wirkte er, doch seine Methoden waren brutal. Der Chef und geistige Vater der Terrororganisation Al Qaida, Osama bin Laden, auf einem Fernsehbild von 2007. Foto:AFP
Sanft wirkte er, doch seine Methoden waren brutal. Der Chef und geistige Vater der Terrororganisation Al Qaida, Osama bin Laden,...Foto: AFP

Sie haben den Begriff „Terrorismus“ in eine neue Dimension überführt. Archaisch im Ziel, einen Gottesstaat zu errichten, modern in den Methoden, die keine noch so verrückt erscheinende Tat ausschließen. Die Dschihadisten, die sich zu Al Qaida oder einer der verbündeten Gruppierungen bekennen, folgen einer grausigen Logik. „Ihr liebt das Leben, und wir lieben den Tod“, verkündete Abu Dudschan el Afghani, „Militärsprecher der Al Qaida für Europa“, im März 2004 in einem Bekennervideo zu den Anschlägen in Madrid. Zu dieser Mentalität des Zivilisationsbruchs passt, dass die islamistische Terror-Internationale auch bei starker staatlicher und gesellschaftlicher Gegenwehr eher neue Strategien entwirft, als aufzugeben. Die Zahl der Dschihadisten, die dem bewaffneten Kampf abschwören, ist gering. Der islamistische Terrorismus kombiniert entgrenzte Gewalt mit taktischer Flexibilität. Wie das funktioniert, lässt sich anhand der Entwicklungsphasen von Al Qaida erkennen – vor und nach 9/11.

PHASE 1: DER TERROR EXPERIMENTIERT

9/11 wäre beinahe schon achteinhalb Jahre vorher geschehen. Und noch schrecklicher. Eine Gruppe um den Kuwaiter Ramsi Ahmed Youssef stellt am 26. Februar 1993 einen Transporter voller Sprengstoff im unterirdischen Parkhaus des nördlichen Turmes des New Yorker World Trade Centers ab. Die Explosion richtet große Zerstörungen an, sechs Menschen sterben und mehr als 1000 werden verletzt. Doch Youssefs Plan misslingt, den Nordturm in den Südturm stürzen zu lassen, damit das World Trade Center in Manhattan hineinkracht. Sicherheitsexperten schätzen, ein Aufprall der Türme mitten in New York hätte Zehntausenden das Leben gekostet.

Youssef, der 1995 in Pakistan in einem Al-Qaida-Versteck festgenommen und später in den USA zu 240 Jahren Haft verurteilt wurde, ist der Neffe von Khalid Scheich Mohammed, einem der Chefplaner der Anschläge vom 11. September 2001. Mohammed hat vermutlich schon beim Angriff von 1993 mitgewirkt. Neffe und Onkel planten zudem für 1995 die monströse „Operation Bojinka“. Erst sollte ein Selbstmordattentäter den damaligen Papst Johannes Paul II. bei einem Besuch auf den Philippinen töten. Danach wären elf amerikanische Passagiermaschinen auf dem Flug von Asien in die USA entführt und gesprengt worden. Ein weiteres Flugzeug hätte in das Hauptquartier der CIA in Langley im US-Bundesstaat Virginia fliegen sollen. Die zufällige Festnahme eines Komplizen verhinderte die Tat. Doch Mohammed benutzt gemeinsam mit Osama bin Laden den Plan Bojinka als Blaupause für 9/11.

9-11 - Rekonstruktion eines Vormittags
Der Moment. Am 11. September 2001 um 9:06 Uhr erfährt George W. Bush in einem Klassenraum in Florida von den Anschlägen. Andrew Card, der Stabschef des Weißen Hauses, platzt in den Unterricht und flüstert dem Präsidenten die Hiobsbotschaft ins Ohr.Weitere Bilder anzeigen
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04.09.2011 14:18Der Moment. Am 11. September 2001 um 9:06 Uhr erfährt George W. Bush in einem Klassenraum in Florida von den Anschlägen. Andrew...

Die 90er Jahre waren für Al Qaida eine Phase des Experimentierens, des Aufbaus und des Zusammenwachsens. Zuvor hatte Osama bin Laden in den 80er Jahren den Kampf der Mudschahedin gegen die Sowjetbesatzer in Afghanistan unterstützt und dazu Al Qaida gegründet. Die Terrorära begann, als bin Laden sich 1990 mit dem saudischen Königshaus zerstritt. Der Al-Qaida-Chef lehnte die Stationierung von US-Soldaten in Saudi-Arabien, dem Land der für Muslime heiligen Orte Mekka und Medina, vehement ab. Die Amerikaner waren gekommen, um Kuwait zu befreien, das die irakische Armee besetzt hatte. Bin Laden ließ sich dann 1992 im Sudan nieder, von wo aus er Anschläge in Auftrag gab. Als er 1996 ausgewiesen wurde, zog er wieder nach Afghanistan. Die Taliban, Brüder im Geiste, hatten große Teile des Landes erobert. Sie machten Afghanistan zur Heimstätte für Terrororganisationen. Für Al Qaida und andere.

Die nächste Phase: Expansion. Weiter auf Seite zwei.

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