Terrorismus : Prozess gegen "Flüssigbomber" beginnt

Es sollten Taten "unvorstellbaren Ausmaßes" werden: Eineinhalb Jahre nach der Vereitelung von Terroranschlägen mit Flüssigbomben in Passagierflugzeugen stehen in London acht Angeklagte vor Gericht. Der konkrete Vorwurf: Planung von Massenmord "im Namen des Islam".

Thomas Burmeister[dpa]

LondonDer Strafgerichtshof Woolwich Crown Court im Südwesten von London gleicht einer Festung. Der Verhandlungssaal gilt als bombensicher. Die acht Angeklagten, die sich wegen der mutmaßlich beabsichtigten schlimmsten Terroranschläge seit dem 11. September 2001 "im Namen des Islam" verantworten müssen, werden durch einen Tunnel direkt aus dem Gefängnis Belmarsh vorgeführt.

Das weltweite Interesse an dem Prozess ergibt sich nicht allein aus der Horrorvorstellung, dass sieben Passagierflugzeuge mit jeweils weit mehr als 200 Passagieren an Bord am selben Tag über dem Atlantik gesprengt werden sollten. Es rührt auch daher, dass nahezu jeder Mensch, der heute eine Flugreise antritt, es diesen Angeklagten zu "verdanken" haben soll, dass er weder Mineralwasser noch Zahnpasta im Handgepäck mitnehmen darf.

Flüssigsprengstoff sollte Flugzeuge in Fetzen reißen

Die Welt hielt den Atem an, als am 10. August 2006 gemeldet wurde, was Polizei und Geheimdienste in Großbritannien nach eigenen Angaben um Haaresbreite verhindert hatten: Einen "Massenmord unvorstellbaren Ausmaßes", wie Scotland-Yard-Vizechef Paul Stephens vor laufenden Kameras verkündete. Mit Hilfe von Komplizen, denen später der Prozess gemacht werden soll, sowie in Abstimmung mit Hintermännern in Pakistan sollen die Angeklagten den Plan gehabt haben, in London-Heathrow Flüssigsprengstoff im Handgepäck an Bord amerikanischer und kanadischer Passagiermaschinen zu schmuggeln.

Hoch über dem Atlantik oder auch erst beim Landeanflug sollten die Bomben die Großraumjets in Fetzen reißen. Auf welche Flüge die mutmaßlichen Terroristen es abgesehen hatten, erfuhren die Ermittler nach Angaben von Staatsanwalt Peter Wright durch Daten, die sie auf einem Memory Stick der Verdächtigen fanden. Die Maschinen, die fliegende Bomben werden sollten, wären alle laut Flugplan am selben Tag vom Airport London-Heathrow gestartet. Die erste um 14:15 Uhr nach San Francisco, die letzte um 16:50 Uhr nach Chicago.

Die Flugzeuge dazwischen waren wie an fast jedem Wochentag im Sommer 2006 nach New York und Washington sowie zu den kanadischen Metropolen Toronto und Montreal unterwegs. Auch Maschinen nach Boston und Miami seien auf dem Radar der Terroristen gewesen. Die mutmaßlichen Attentäter, sagte Wright, seien Geheimdiensten auch dadurch aufgefallen, dass sie zwar Flugpläne schmiedeten, "aber offensichtlich nicht geplant hatten, jemals wieder nach Großbritannien zurückzufliegen".

Warum wollten wieder einheimische Muslime zu Massenmördern werden?

In Großbritannien fragt man sich nicht nur, wie die Flüssigbombenanschläge ganz konkret ausgeführt werden sollten. Viele Menschen erwarten auch eine Einschätzung, warum erneut junge, im Königreich heimische Muslime als Selbstmordattentäter zu Massenmördern werden wollten. Erst knapp ein Jahr vor den mutmaßlich geplanten Flugzeuganschlägen hatten im Juli 2005 vier britische Muslime mit in Rucksäcken versteckten Bomben in drei Londoner U-Bahnen und einem Bus mehr als 50 Menschen mit sich in den Tod gerissen.

Die "Flüssigbomber" sollen ähnlich wie zuvor die "Rucksackbomber" enge Beziehungen zu islamischen Extremisten in Pakistan unterhalten haben, die in Verbindung mit der Terrororganisation Al Qaida stehen. Zur Festnahme der Männer, die unter geheimer Beobachtung standen, am 10. August 2006 in mehreren englischen Orten habe man sich nach Hinweisen des pakistanischen Geheimdienstes entschlossen, hieß es in Londoner Ermittlerkreisen. "Wir mussten plötzlich fürchten, dass sie gewarnt wurden und deshalb schneller als geplant zuschlagen würden."

Sinn und Unsinn von Sicherheitsmaßnahmen

Derweil wird der Streit von Experten über Sinn oder Unsinn der Vorschriften für die Mitnahme von Flüssigkeiten im Handgepäck weitergehen. Aufschluss darüber, wie gefährlich Mengen oberhalb der inzwischen in durchsichtigen Plastiktüten maximal erlaubten 100 Milliliter wirklich sein könnten, erhoffen sie sich auch von den Darlegungen der Sachverständigen im Prozess vor dem Woolwich Crown Court.

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