Politik : Terrorist Virus

SARS UND WIR

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Von Bas Kast

Es ist ein Erreger, der vor allem eins erregt: Angst. Weltweit haben sich mehr als 4000 Menschen mit Sars angesteckt – binnen eines Monats. Über 200 sind an der Lungenkrankheit gestorben. Die Zahlen und noch mehr die Bilder aus Peking und Toronto flößen Furcht ein.

Aber es ist vor allem das Unberechenbare des Erregers, das wir fürchten. Viren bedrohen uns nach Art der Terroristen. Beide, das Virus und der Terrorist, sind unsichtbar. Beide operieren global. Niemand weiß genau, ob sie sich schon unter uns befinden. Sogar das Transportmittel, mit dem die Gefahren uns erreichen, ist das gleiche: das Flugzeug. Wir selbst sind es, die dem Virus wie dem Terroristen den Verbreitungsweg zur Verfügung stellen, der ihnen erst ihre ganze tödliche Macht verleiht.

Wir sind es aber auch, die gegen die Gefahr und die Angst etwas tun können. Im Falle des Virus heißt das: Aufklärung. Es war fatal, dass die chinesischen Behörden genau die umgekehrte Strategie verfolgt haben. Ein verzweifelter, verhängnisvoller Versuch, das Virus mit Verschweigen und Vertuschen zu bekämpfen! Noch als in den Hospitälern von Hongkong die Ärzte und Schwestern reihenweise an Sars erkrankten, zeigten die Funktionsträger, die Verantwortlichen nur Ignoranz. Gerade ihre Geheimnistuerei nährte die Angst. Nichtwissen macht ein Virus erst richtig gefährlich.

Dabei sind die Tatsachen zwar erschreckend, aber nicht entmutigend. Von 100 Menschen, die sich mit dem SarsVirus anstecken, sterben fünf. Die Bilanz in Deutschland: sieben Erkrankte, kein einziger Todesfall. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Wir sind hierzulande bisher nicht deshalb verschont geblieben, weil unsere Behörden besonders effektiv gehandelt hätten. Wir haben auch ganz einfach Glück gehabt. Zu uns kam der erste Infizierte erst, als wir schon viel über Sars wussten. In Kanada hat Sars viel früher zugeschlagen.

Von Vertuschen oder Verschweigen kann in Deutschland keine Rede sein, ganz im Gegenteil. Jede Woche landen bei uns rund 30000 Passagiere aus Asien – die Zahl sinkt, weil immer mehr Flüge storniert werden. Bei der Passkontrolle liegen für die Einreisenden neonleuchtende Blätter in vier Sprachen bereit, die über die Symptome der Krankheit und Schutzmaßnahmen informieren. Das ist gut, aber es ist nicht gut genug. Niemand muss sich diese Blätter, die über Tod und Leben entscheiden können, auch nur ansehen. Es bleibt dem Zufall überlassen, wer sich informiert.

Zwei Maßnahmen könnten die Sicherheit enorm erhöhen. Die erste: Es müsste sichergestellt werden, dass Reisenden aus Risikogebieten das Informationsblatt wirklich in die Hand gedrückt wird. Zweitens: Ein Gesundheitscheck noch am Flughafen ist nicht nur denkbar, sondern möglich. Schon ein kurzes Gespräch mit einem Arzt, in dem das Risiko des Passagiers abgeklopft wird, würde die Gefahr, dass Sars sich auch in Deutschland verbreitet, stark verringern. Das wäre gewiss aufwändig und natürlich kein lückenloser Schutz. Aber das Netz, durch das der Erreger schlüpfen kann, wäre sehr viel enger geknüpft.

Wir werden in Zukunft solche Netze schaffen müssen, auch wenn wir Sars in den Griff bekommen sollten. Das nächste Virus ist nur eine Frage der Zeit. Viren gehören zu unserem Alltag. Sie können vom Tier auf den Menschen springen, so wie der Sars-Erreger, der zu den CoronaViren gehört, bisher vor allem bekannt als harmlose Schnupfenviren. Immer dort, wo Mensch und Tier gedrängt zusammenleben, wie in Asien, wo Sars seinen Anfang nahm, wird das Risiko groß sein, dass sich ein neuer Erreger schnell verbreitet. Verhältnisse, von denen wir glaubten, sie gehörten in unserer Gesellschaft der Vergangenheit an, kehren zu uns zurück. Das Problem eines chinesischen Bauerndorfs kann schon Tage später eine kanadische Großstadt in Panik versetzen. Mit unseren Techniken, mit dem Flugzeug, holen uns Zustände ein, die uns lange nicht kümmern mussten. Auch für die Viren ist die Welt zum Dorf geworden.

Diese Gefahr werden wir nie ganz kontrollieren können, so wenig wie den Terrorismus. Krankheiten zu besiegen ist ein ständiger Kampf: um Aufklärung, Wissen, wirksamen Schutz – und um die Bewältigung unserer Angst.

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