Terrorist vor Gericht in Paris : Showtime für Carlos

Terrorist Carlos steht wegen eines Anschlages vor über 40 Jahren in Paris vor Gericht - und genießt den Auftritt. Er sitzt schon seit 20 Jahren in Frankreich im Gefängnis.

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Fotos von Carlos vor Gericht gibt es nicht, nur diese Gerichtszeichnung.
Fotos von Carlos vor Gericht gibt es nicht, nur diese Gerichtszeichnung.Foto: Benoit PEYRUCQ/AFP

Nonchalant betritt Carlos den Gerichtsraum. Für seine 67 Jahre wirkt er bestens in Form. In seinen schwarzen Blazer hat der berüchtigte Terrorist ein rotes Tuch gesteckt. Er wirft lächelnd wie ein Hollywood-Star eine Kusshand in den Saal. Carlos, der einst auch „der Schakal“ genannt wurde, steht mal wieder vor Gericht in Paris. Aus dem jungen Revolutionär, der früher eine Baskenmütze wie Che Guevara trug, Zigarre im Mund und dunkle Sonnenbrille, ist ein eleganter Rentner mit kurzen weißen Haaren und einer Drahtgestellbrille geworden. Von sich eingenommen ist er allerdings immer noch, wie er in dem Prozess in Paris unter Beweis stellte. In dem Prozess, der bis zum 31. März laufen soll, werden 17 Zeugen und zwei Experten zu Wort kommen.

Der Venezolaner, der mit richtigem Namen Ilich Ramirez Sanchez heißt, muss sich in Paris vor einem Sondergericht verantworten. Vorgeworfen wird ihm, am 15. September 1974 einen Granaten-Angriff auf das Luxuskaufhaus „Drugstore Publicis“ auf dem bekannten Boulevard Saint-Germain verübt zu haben, bei dem zwei Menschen ums Leben kamen und 34 Menschen verletzt wurden.

Carlos bestreitet, damals die Granate geworfen zu haben. In einem Interview 1979, das auch in „Le Figaro“ veröffentlicht wurde, hatte er allerdings damit geprahlt, die Granate geworfen zu haben, leugnete aber später, das Interview wirklich gegeben zu haben. Fest steht: Die Granate wurde von einem Balkon über dem Geschäftsgebäude geworfen. Ein ehemaliger Mitstreiter von Carlos, der Deutsche Hans-Joachim Klein, verwies schon 1998 auf Carlos als Täter.

Von Beruf „professioneller Revolutionär“

In Begleitung von drei Polizisten wird Carlos am Montag in den Gerichtsraum geführt und zieht eine Show ab. Er stellt sich vor und verwendet eine eigentümliche Variante, um sein Alter anzugeben.  „Ich bin 17 Jahre plus oder minus 50 Jahre“, sagt er lächelnd. Geboren wurde Carlos am 12. Oktober 1949 als Sohn eines politisch sehr linksstehenden Anwaltes, der seine Söhne Ilich, Lenin und Wladimir nannte und Marxismus predigte. Gefragt nach seinem Beruf gibt er „professioneller Revolutionär“ vor der Jury an, erklärt aber gleichzeitig, dass er für das ihm jetzt vorgeworfene Attentat in Paris nicht verantwortlich sei. Er redet lange und ausführlich immer wieder darüber, dass es keine Zeugen und Beweise gebe und man ihn nicht verurteilen könne

Isabelle Coutant-Peyre ist die Anwältin und Ehefrau von Ilich Ramirez Sanchez, genannt Carlos.
Isabelle Coutant-Peyre ist die Anwältin und Ehefrau von Ilich Ramirez Sanchez, genannt Carlos.Foto: Benoit Tessier/AFP

Dabei hat er sich mit seinen Attacken vor Gericht 2011 einmal gebrüstet: „Ich bin kein Terrorist, sondern ein Kämpfer“, und stolz seine Bilanz mitgeteilt: Verantwortlich mit seiner Terrororganisation sei er für 1500 Tote, von eigener Hand umgebracht habe er 80 Menschen. Wie viele Personen er insgesamt weltweit auf dem Gewissen hat, ist aber nicht wirklich klar. Zu unklar sind die Verflechtungen mit internationalen Terrornetzwerken.

1994 im Sudan festgenommen

Zwischendurch lässt er auch mal seine Anwälte zu Wort kommen. In dem Prozess wird sich das Spezialgericht mit den Jahren des linken Terrorismus in den 1970 und 1980er Jahren beschäftigen, in der die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) besonders aktiv war. Carlos präsentiert sich der Jury als ehemaliger „verantwortlicher Militär“.

Zwei Jahrzehnte wurde nach ihm international gefahndet, 1994 konnte er schließlich im Sudan festgenommen werden. Carlos galt in der Zeit des Kalten Krieges als der gefährlichste Terrorist der Welt und gab an, ein „Held des palästinensischen Widerstandes“ zu sein. Unter anderem war er 1975 an einer Geiselnahme von Opec-Ministern in Wien beteiligt, bei der 60 Personen als Geiseln genommen wurden. Carlos wurde darüber fast zu Terrorismus-Legende. Sogar ein Film wurde 2010 über ihn gedreht: „Carlos, der Schakal“ von dem französischen Regisseur Olivier Assayas, mit dem Carlos selbst aber sehr unzufrieden war.

Zweimal lebenslänglich

Im aktuellen Prozess dauerten die Ermittlungen lang. Im Jahr 1983 wurde dieser einmal sogar eingestellt, weil man Carlos schwer eine Beteiligung nachweisen konnte. Bereits in zwei Prozessen in Frankreich wurde er wegen Anschlägen, bei denen elf Menschen ums Leben kamen und 150 verletzt wurden, zu lebenslanger Haft verurteilt. Immer wieder hatte er die Attentate in Frankreich allerdings in den Prozessen abgestritten. Mehr als lebenslänglich kann er ohnehin nicht absitzen, viel kann ihm also nicht mehr passieren. Vermutlich wirkt er deshalb vor Gericht in Paris so gelassen.

 

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