Terroristen in Deutschland : Spuren des Erkennens

Drei deutsche Viertel, ein Gefühl: insgeheim einen Verdacht gehabt zu haben. Wer waren die drei Terrorverdächtigen?

Sarah Kramer[Ulm],Christian Tretbar[Saarbrücken],Langen[Saarbrücken],Volker Hildisch[Saarbrücken]

Der Riss ist nicht zu sehen. Die Mittagssonne scheint auf zitronengelb getünchte, schmucke Reihen- und Mehrfamilienhäuser. In den Vorgärten blühen Rosen und Zinnien neben schwer behangenen Apfelbäumen. Wenige Meter entfernt gibt es einen Kindergarten, eine Apotheke, ein kleines Einkaufszentrum und die katholische Kirche. Am Gemeindehaus bläst ein Mann mit einem kleinen Staubsauger knatternd Laub aus dem Weg. Alles wie immer im Böfinger Weg, in einer Wohnsiedlung am östlichen Stadtrand Ulms. Ärzte, Rechtsanwälte und Lehrer leben dort mit ihren Familien. Terroristen nicht, dachten sie.

Bis am Mittwoch bekannt wurde, dass in einem Ferienhaus im Hochsauerland drei junge Männer verhaftet wurden, die Deutschland mit Terroranschlägen überziehen wollten. Und bis die Polizei hier anrückte. Und bis bekannt wurde, dass der Rädelsführer einer sein soll, der seit Anfang des Jahres hier unter ihnen wohnt. Fritz G. 28 Jahre alt, aus gutem Elternhaus, konvertiert zum Islam.

Böfinger Weg 20, ein Mehrfamilienhaus, sechs Parteien, mit Garten. Die Fensterläden der Erdgeschosswohnung sind seit Tagen heruntergelassen, keiner öffnet die Tür.

Anfang des Jahres sei Fritz G. mit seiner Frau in die Erdgeschosswohnung in das Mehrfamilienhaus mit der Nummer 20 eingezogen, sagt die Tochter des Hausmeisters. Sie öffnet die Wohnungstür nur einen Spalt. Und wenn sie die Wohnung verlassen will, nimmt das Mädchen jetzt den Hintereingang durch den Garten. Zu viele Neugierige.

Und diese Frage, die sich die Nachbarn selbst stellen. Hätten sie etwas wissen können? Es ist eine kleine Welt am Böfinger Weg. Und es gab ja diese Momente, in denen ein Gefühl aufblitzte, das sie verunsichert hat, wenn vielleicht auch nur für einen Augenblick. Zumindest kommt es ihnen im Nachhinein so vor.

Petra P. zum Beispiel. In den vergangenen Monaten hat sie häufiger gesehen, wie zwei dunkel gekleidete, verschleierte Frauen das Haus Nummer 20 über den Kellereingang betraten. „Die waren höchstens Anfang 20. Wir haben noch herumgefrotzelt, was da wohl vor sich geht.“ Aber ist das schon genug, um Menschen seltsam zu finden? Wenn man nichts von ihnen weiß, sie kaum sieht?

Einer, der etwas von der Nummer 20 entfernt wohnt, glaubt nun eine Erklärung für die Autos zu haben, die über Monate hinweg immer wieder vor seiner Tür parkten und die ihm seltsam vorkamen. Zwei, drei Männer, sagt er, saßen darin, die den Wagen stundenlang nicht verließen. „Ich hatte mir schon überlegt, ob ich die Polizei rufen soll“, sagt er. Als er innerlich soweit war, kamen die Autos nicht wieder. Vor gut zwei Monaten war das.

Fritz G. ist jetzt bekannt, weit über diese Straße hinaus. Die Eltern auch. Ein wenig zumindest. Sie sind geschieden. Die Mutter ist Ärztin und soll in einem Ulmer Krankenhaus arbeiten. Der Vater, Manfred G., ist Ingenieur. Er betreibt in Neu-Ulm, Stadtteil Burlafingen, eine Solartechnik GmbH. Ein rundumverglaste Haus in einem Industriegebiet. Die Firma konzipiert und vertreibt Sonnenkollektoren und Heizungsanlagen. Fritz G. und sein Bruder Max, 27 Jahre alt, und nach Tagesspiegel-Informationen auch zum Islam konvertiert, haben im Betrieb des Vaters gejobbt. Wie früher auch schon Tolga D., 29. Der wurde im Juni festgenommen, er hatte ein Satellitentelefon und viele tausend Euro bei sich. An der pakistanischen Grenze. Die pakistanische Polizei wirft ihm deshalb vor, er habe sich in einem Terrorcamp der al Quida ausbilden lassen. Die deutschen Sicherheitsbehörden sorgen sich, er könnte vorhaben, sein Wissen in der Heimat anzuwenden. In Deutschland.

In einem Eiscafé, ein paar hundert Kilometer von Ulm entfernt, steht eine junge Frau, die nun ein eigenartiges Gefühl hat. „Bisher war alles so weit weg, selbst der Flughafen erschien weit weg, aber jetzt weiß ich, dass der Terror bei mir Kaffee getrunken hat.“

Langen, Südhessen, 36 000 Einwohner. An der Bahnstraße, in der Einkaufszone liegt das Eiscafé Oasi, das beliebteste Eislokal im Ort. Daneben die Post, gegenüber eine Bank. Die Autos fahren im Schritttempo. Es ist einer der wenigen Orte, an dem Adem Y. öffentlich auffiel, bevor er verhaftet wurde. Ein Mann mit einem Vollbart. Er war dort Stammgast, er kam mindestens einmal in der Woche mit seinen Freunden, die meisten trugen lange Kaftas, jene weißen Umhänge.

Die junge Frau J., die hier bedient, deutet durch die Fensterfront des Cafés nach draußen. „Sie saßen an den silbernen Metalltischen, die auf dem Gehweg aufgestellt sind. Mal zu viert, mal zu sechst.“ Adem Y. trank meistens zwei schwarze Kaffee. Und ihr, der jungen Bedienung war aufgefallen, dass Adem Y. nicht sonderlich schüchtern und zurückhaltend war, wie sie es gerade irgendwo gelesen hat. Im Gegenteil. Wenigstens nicht in diesen anderthalb Stunden.

J. hat die Gruppe nicht so gerne bedient. Gut, die jungen Männer haben immer Trinkgeld gegeben, aber sie waren bestimmt und fordernd. Wenn ihnen einen Bestellung zu lange dauerte, wurden sie schnell laut. Adem sei so anders als sein Bruder, Burhan. Ruhig. In diesem Jahr hat er sein Abitur gemacht. Seither ist er aber verschwunden.

„Der macht längeren Urlaub in der Türkei“, sagt ein 18-Jähriger, der mit ihm Fußball gespielt hat. Er ist zusammen mit zwei Freunden in der Spielothek im Stadtzentrum. Nebenan sind Dönerbuden und noch ein Spielcasino. Die Gegend gilt als „Bermuda-Dreieck“ Langens. Treffpunkt der Jugend. Die Älteren sagen, dort sei die Kriminalität zuhause.

Seine Schwester, sagt einer der Jungen, sei mit Adem Y. in einer Klasse gewesen, hier in der Hauptschule, in der es bis vor ein paar Jahren ziemlich rauh zugegangen sein soll. Dort und unter den Türken gebe es zurzeit kein anderes Thema, sagt einer der Jungen.

Ein paar Autominuten nur von hier. Südliche Ringstraße, ein großer grauer Wohnblock. Seit Dienstagabend ist es das bekannteste Haus in der ganzen Stadt. Manche Autos bremsen. Fahrer und Beifahrer schauen dann verstohlen nach oben. Dort also. Im dritten Stock links. Dort wohnen seit 1993 Adem Y.s Eltern. Adem Y. wohnte hier mit seinen drei Geschwistern. Seine älteste Schwester ist mittlerweile verheiratet und mit Kind und Mann in die Türkei zurückgekehrt.

Auch Erich Rang wohnt seit Jahren mit seiner Frau in diesem Haus. Rang war es, der am vergangenen Dienstagabend der Polizei die Tür öffnete. Die stürmte hoch in die Wohnung, und Rang musste als Zeuge mit. Bis halb zwölf durchsuchte die Polizei die Wohnung.

Es kam ihm komisch vor. Er, in der Wohnung von Menschen, die ihm so nahe sind und doch so fern. Sie hatten keinen Kontakt. Der Nachbar, sagt Rang, habe „nicht gegrüßt und auch sonst sich nicht mit uns unterhalten“. Das war außergewöhnlich in dieser Gegend. Es war auch so ganz anders als mit den Vormietern, der netten italienischen Familie. Die kamen zum Schwatzen oder um sich Formulare übersetzen zu lassen.

Lange Zeit, sagt Rang, sei Adem Y. ihm vorgekommen, wie ein „normaler junger Mann“. Dann war er längere Zeit weg, es hieß, er sei beim Militär in der Türkei. Als er zurückkam, kam er mit Vollbart, weißem Umhang und dem gestickten Käppi, mit dem ihm die Nachbarn auch beim Joggen gesehen haben.

„Natürlich“, sagt Herr Rang, „war mein erster Gedanke: Der sieht ja aus wie ein Taliban.“ Einen ernsthaften Verdacht hatte er nicht, seine Frau nicht. Gesprochen haben sie auch nicht weiter. Und wenn man den Erzählungen anderer Nachbarn glauben darf, dann ist es vielen von ihnen ähnlich ergangen. Als sie die Nachricht von der Festnahme im Fernsehen hörten, mussten sie sofort an ihn denken. An Adem Y. Man merkt, es kommt denen, die davon erzählen, selbst komisch vor. Hinterher lässt sich so etwas leicht sagen. Und doch. Und jetzt ist das Misstrauen nach Langen gekommen. Vielleicht ist es auch nur so, dass es jetzt an die Oberfläche gelangt. Denn bisher lebten sie hier gut miteinander, gleich welcher Religion jemand angehört.

Direkt am Bahnhof ist die türkische Moschee „Ulu Camii“. Eine deutsche und eine türkische Fahne und weisen darauf hin, dass sich in diesem Einfamilienhaus keine normale Wohnung befindet. Es ist Tag der offenen Tür, den gibt es jedes Jahr, und sogar Kindergärten sind hier zu Besuch. Aber Hassan Özdemirs Freude ist gedämpft. „Wir sind schockiert und enttäuscht“, sagt der Imam. Er kennt Adems Vater, der ist regelmäßig hier. Adem selbst, sagt der Imam, sei letztmals vor über zehn Jahren hier gewesen, mit seinem Vater. „Wir kennen den Sohn hier gar nicht“, sagt Murat Coskun, der vom Gebet aus der Moschee kommt.

Im Keller des Hauses ist eine kleine Teestube mit einer Küche und einem Fernseher. Dorthin kam der Vater, nachdem die Polizei seine Wohnung durchsuchte. Er sei niedergeschlagen gewesen, sagen die, die dabei gewesen sein wollen. Der Vater spreche kaum noch. Die Mutter stehe nicht mehr aus dem Bett auf. Adem, der Sohn, habe schon lange nicht mehr auf sie gehört. Er habe mit der Familie nicht mehr viel zu tun gehabt.

Sollte stimmen, dass Adem Y. einen Anschlag geplant hat, kenne auch der Vater keine Gnade, sagt Coskun. „Er hat uns gesagt, wenn sein Sohn so etwas im Kopf hatte, verdient er eine harte und gerechte Strafe.

Die Männer in der Moschee haben viel zu diskutieren, eine Erklärung haben sie nicht. Versuche. Der Junge sei unter den Einfluss falscher Leute geraten. Radikale Muslime, die sich vor allem im nahen Dietzenbach aufhielten, vermuten sie. Sie fürchten, dass, was passiert ist, Folgen für sie hat.

Solche Sorgen hat Horst Bönig nicht. Aber auch ihm geht nahe, dass ein Mann, der regelmäßig zu ihm kam, nun ein Terrorist sein soll. Bönig lehnt am Tresen eines Raumes, der aussieht wie eine umgebaute Lagerhalle. Stahlträger, hohe Wände. Bönig gibt dort Schlüssel für die Spints aus, verkauft Powerriegel und Getränke. Böhnig ist Vorsitzender des KSV Langen. Adem Y. hat eine Weile bei ihm trainiert, Abteilung Kraftsport. Das war, bevor er nach Pakistan reiste, vermutlich, um sich in einem Terrorcamp ausbilden zu lassen.

„Die meisten hier wollen ihre Oberarme stärken, für die Beine trainieren die wenigsten“, sagt Bönig. Adem hat alles trainiert. 15 Monate war er Mitglied. „Ein ganz normaler, netter Junge“, sagt Böhnig. War dreimal die Woche da, zahlte regelmäßig. Ende 2003 hat er seinen Vertrag gekündigt. Danach hat Bönig ihn nie wieder gesehen. Dass der junge Mann „so abgerutscht“ ist, kann er sich nur mit Arbeitslosigkeit erklären.

Saarbrücken, Petrusstraße im Stadtteil Herrensohr, einer ehemaligen Bergbaugemeinde. Zwischen einer Fahrschule und dem städtischen Kindergarten steht, mit Eternit verkleidet, das etwas herunter gekommene Haus Nummer 32. Den Namen des dritten mutmaßlichen Terroristen, Daniel S., sucht man vergeblich. Die Haustür steht offen, alles wirkt verlassen. Ungehindert geht man durch den Hausflur, kommt durch eine Treppe auf einen kleinen Hinterhof. Linker Hand die Wohnung, in der der konvertierte Muslim gewohnt hat, rechts, in einem Hofgebäude mit Resopalvordach, die „Omar Moschee“. Im Vorraum eine abgewetzte Ledergarnitur, ein Couchtisch aus Eiche und eine Regal mit 12 Paar Pantoffeln und Gummilatschen. Der Gebetsraum selbst ist verschlossen. Beim Blick durch ein Fenster erkennt man einen großen, kahlen Raum mit Teppichen an der Wand. Hier also hat Daniel S. gelebt.

Daniel S., 1985 geboren im saarländischen Neunkirchen, das Gymnasium dort, verlässt die Schule aber vor dem Abitur. 2003 tritt er in der Neunkircher Moschee zum Islam über, da ist er 19 Jahre alt. Zwei Jahre später absolviert er seinen Grundwehrdienst, dann zieht es ihn offenbar zu Koran-Studien nach Pakistan, möglicherweise in ein Ausbildungscamp. Im Februar 2007 kehrt er nach Deutschland zurück, zieht in die Petrusstraße in Herrensohr. Wann und wie er zu der Terrorgruppe der Islamischen Dschihad-Union gestoßen ist und welche Rolle er dort spielte, ist bisher unklar. Klar ist, dass er einer Gruppe angehörte, deren professionelles Vorgehen den Fahndern Respekt abgerungen hat.

Der Friseurmeister Ingolf Bungert hat eher unangenehme Erinnerungen an diesen Nachbarn. Er hat beobachtet, wie der mehrere Male CD’s im Innenhof verbrannte. Einmal habe er ihn darauf angesprochen. Eine Antwort bekam er nicht. Die Polizei hat Bunge nicht informiert. Er konnte davon ausgehen, dass die Moschee den Sicherheitsbehörden bekannt war. Vor Jahren hatte der Verfassungsschutz von Bunges Hinterhofbalkon fotografiert. Angeblich suchte man damals einen Terrorverdächtigen aus Frankreich.

Nun gilt der junge Nachbar als Terrorist. Gegen zwei seiner Freunde aus Neunkirchen ermitteln die Behörden . Der Deutsch-Türke Zafer S., hat zusammen mit S. in der Petrusstraße gewohnt, sich aber offenbar kürzlich abgesetzt. Vermutlich nach Pakistan. Einen anderen Freund, Houssein A., nahm die deutsche Polizei am Mittwoch in Empfang, nachdem er an der iranisch-pakistanischen Grenze mit gefälschten Pässen im Gepäck festgenommen worden war. Inzwischen ist er wieder auf freiem Fuß.

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