Politik : Terrorschule im Kinderzimmer

Animationen, Spiele, Angebote: Extremisten sprechen mit ihren Internetseiten gezielt junge Leute an

Michael Schmidt

Wiesbaden - Das gehört zu den dunklen Seiten des Internets: Der Terror dringt in die Kinderzimmer vor. Der Extremismus wartet mit immer ausgefeilteren Spartenprogrammen auf. Mit bunten, fröhlich animierten Webseiten zielen Cyberterroristen jeglicher Couleur auf die Köpfe der Kleinsten. Und zunehmend stoßen Sicherheitsexperten auch auf spezielle Angebote für weibliche Kämpfer und Selbstmordattentäterinnen, die auf rosa eingefärbten Seiten moralisch und theoretisch aufgerüstet werden. Das Internet ist längst nicht mehr nur Einkaufsmeile, Kontaktbahnhof und Bibliothek. Es ist – und war vielleicht immer schon – auch Tatort und Tatwerkzeug.

Nach Angaben des Internet-Experten Gabriel Weimann von der Universität Haifa, der in einem Langzeitprojekt die Kommunikation islamistischer Gruppen beobachtet, ist allein die Zahl radikal islamistischer Seiten von zwölf im Jahr 1998 auf mehr als 5860 Seiten im Herbst 2007 gestiegen. Die Angebote dienen zur Radikalisierung junger Muslime, zur Anschlagsvorbereitung und als virtuelle Trainingscamps, wie im Falle der späteren Kofferbomber von Köln. Inzwischen aber, das zeigte Weimann jüngst bei der Herbsttagung des Bundeskriminalamts in Wiesbaden auf, versuchen mehr und mehr Terrororganisationen auch gezielt Kinder und Frauen vor allem in westlichen Ländern anzusprechen.

Weimann nennt diesen aktuellen Trend bei der Nutzung des Internets „Narrowcasting“ und meint die gezielte Verbreitung gruppenspezifischer Angebote wie zum Beispiel des Hamas-Webs speziell für Kinder und die Verteilung von Computerspielen durch die Hisbollah. Die niedlich daherkommenden Internetauftritte, in denen die Terrororganisationen schon bei den Jüngsten für die Unterstützung ihrer mörderischen Brüder werben, zeigen Comicfiguren und präsentieren sich als multimediale Spieleplattform – zielen aber schlussendlich doch auf die Vorbereitung des Heiligen Krieges gegen „Juden und Kreuzfahrer“. So lockt die libanesische Hisbollah mit einem „Räuber und Gendarm“-Spiel, das damit endet, dass die jungen Mitspieler lernen, wie man Panzer angreift und Menschen in Hinterhalte lockt.

Auch die „Mudschahedina“ wird mit einem eigenen Angebot bedacht: Pink unterlegt werden ihr im Internet Hinweise und Ratschläge gegeben, wie sie sich als Frau am Heiligen Krieg beteiligen, ihre Männer zu Märtyrern und ihre Söhne zu Dschihadisten machen kann. Die Erziehung zum Dschihad, heißt es da, beginne bereits im Bauch der Mutter. Und sie endet, so legt es die Instruktion nahe, damit, dass die Mutter ihrem Sohn den Sprengstoffgürtel packt.

Wie Stefan Glaser zeigte, sind solch gezielte multimediale Angebote für Jugendliche keine Spezialität islamistischer Radikaler. Der stellvertretende Leiter des von den Ländern betriebenen jugendschutz.net berichtete von ganz ähnlichen Entwicklungen im rechtsextremistischen Bereich. So sei die Zahl der Websites, die der NPD oder ihrem Umfeld zugeordnet werden könnten, in den vergangenen zwölf Monaten um 250 auf 1450 gestiegen. Und auch die Rechtsextremisten bemühten sich um eine moderne Gestaltung ihrer Angebote. Vor allem über Computerspiele, aber auch über Handy-Angebote und Musik und Filme zum Runterladen sollen Jugendliche für rechtsextreme Inhalte gewonnen werden.

Hoch im Kurs stehen Glaser zufolge erlebnisorientierte Angebote wie Ausflüge, Konzerte, Fußballturniere, statt textlastiger vordergründiger Propaganda, wie noch vor wenigen Jahren. Eine herausragende Rolle bei der Verbreitung rechtsextremer Inhalte spielen unabhängige Videoplattformen wie Youtube und soziale Netzwerke wie SchülerVZ – Plattformen also, deren Inhalte vornehmlich die Internet-Nutzer selbst beisteuern. Im Jahre 2006 konnte jugendschutz.net 320 solcher Angebote mit „unzulässigen Inhalten“ aus dem Netz entdecken und 276 von ihnen blockieren. Doch immer häufiger weichen die Neonazis auf ausländische Provider aus.

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