Terrorverdächtige : Was ist über die Festgenommenen bekannt?

Sicherheitsexperten liefern erste Informationen über die festgenommenen Tatverdächtigen: Zentrale Anlaufstelle der Islamisten soll der 2005 verbotene Verein „Multi-Kultur-Haus Ulm“ gewesen sein. Der Kopf der terroristischen Zelle, Fritz G., lernte den Umgang mit Sprengstoff in Pakistan.

Frank Jansen

Nur zögerlich äußern sich Sicherheitsexperten über die zwei deutschen Konvertiten und den Türken, die am Dienstag festgenommen wurden. Der Grund: Die weiteren Tatverdächtigen, die alle noch auf freiem Fuß sind, sollen nicht allzuviel über den Wissensstand der Behörden erfahren. Dennoch werden Details über die festgenommenen Islamisten Fritz G., Adem Y. und Daniel S. bekannt. Fritz G., der mutmaßliche Kopf der Zelle, wurde im September 1979 in München geboren und konvertierte schon mit 16 Jahren zum Islam. Er kam in Kontakt mit der islamistischen Szene in den Nachbarstädten Ulm (Baden-Württemberg) und Neu-Ulm (Bayern). Zentrale Anlaufstelle war der 1996 gegründete Verein „Multi-Kultur-Haus Ulm“, in dessen gleichnamigem Gebäude in Neu-Ulm viele Islamisten verkehrten.

Bei Durchsuchungen fand die Polizei im Jahr 2005 Audiokassetten, auf denen zum Dschihad aufgerufen wurde. „Oh Würdiger, oh Liebesfreundlicher, schicke uns Bomben, die Juden umzubringen“, war eine der zu hörenden Parolen. Im Dezember 2005 verbot das bayerische Innenministerium den Verein. Fritz G. war aber schon derart radikalisiert, dass er sich im März 2006 nach Pakistan in ein Ausbildungslager der Islamischen Dschihad Union begab. Dort wurde G. der Umgang mit Waffen und Sprengstoff beigebracht. Vermutlich sei der Aufenthalt in Pakistan über Islamisten aus dem Multi-Kultur-Haus vermittelt worden, heißt es in Sicherheitskreisen.

In einem Verfahren gegen einen ägyptischen Islamisten in Ulm wurde auch gegen G. ermittelt, aber erfolglos. Der Konvertit soll in dem Wagen gesessen haben, der in der Silvesternacht 2006 im Hanauer Stadtteil Lamboy um die von der US-Armee genutzte Hutier-Kaserne herumfuhr - und als verdächtig auffiel. Obwohl der Fall im April auch öffentlich bekannt wurde, plante G. weiter die Anschläge mit Autobomben. Der im November 1978 im türkischen Bayburt geborene Adem Y. reiste vor 21 Jahren das erste Mal in die Bundesrepublik ein. Er lebte bei seinen Eltern in Langen, etwa 30 Kilometer von Hanau entfernt. Möglicherweise gab Adem Y. seiner Gruppe den Tipp, die Hutier-Kaserne auszuspionieren. Adem Y. hat nach den Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden ebenfalls 2006 ein Terrortraining in Pakistan absolviert. Der zweite Konvertit in der Gruppe ist Daniel S., im September 1985 im saarländischen Neunkirchen geboren. Daniel S. ist schon vor der Planung der Anschläge kriminell aufgefallen: Drogendelikte, illegaler Waffenbesitz. Zuletzt lebte er im Saarbrücker Stadtteil Dudweiler. Daniel S. reiste auch 2006 nach Pakistan, wo er in einem Camp der Islamischen Dschihad Union gedrillt wurde.

Wo befinden sich die weiteren Terrorverdächtigen?

Die Zahl der Personen, die in den Fall verstrickt sein sollen, schwankt in den Angaben von Sicherheitsexperten zwischen sieben und zehn. Die Bundesanwaltschaft sagt, sie ermittle gegen insgesamt zehn Personen, andere Experten erwähnen „weitere Kontaktleute“ der Terrorzelle. Zwei Männer, ein gebürtiger Iraner und ein aus dem Libanon stammender, staatenloser Kurde, halten sich in Süddeutschland auf. Der Tatverdacht reichte nicht für einen Haftbefehl, die beiden werden jedoch überwacht. Die anderen mutmaßlichen Mitglieder der Zelle befinden sich im Ausland, die meisten vermutlich in Pakistan. Bei den Verdächtigen im Ausland handelt es sich um Türken und DeutschTürken, sagen Sicherheitsexperten. Und sie betonen: Es sei besorgniserregend, dass Türken aus Deutschland in die Terrorszene abrutschen, auch wenn es nur Einzelfälle gebe. Bisher galten die Türken in der Bundesrepublik als immun gegen die Ideologie der Dschihadisten. Vereinigungen türkischer Islamisten wie Milli Görüs lehnen den bewaffneten Kampf ab.

Wurde bei den Ermittlungen auch auf Online-Durchsuchungen zurückgegriffen?

In der Debatte um die vom BKA geforderten Online-Durchsuchungen mit „Trojanern“ könnte jetzt ein neues Argument auftauchen: Man könne nicht den Bundesämtern die Online-Durchsuchung verweigern und gleichzeitig von Erkenntnissen profitieren, die ausländische Sicherheitsbehörden mit dieser Ermittlungsmethode gewinnen. Tatsächlich vermuten Experten, dass CIA und andere US-Dienste, die im aktuellen Fall Hinweise geliefert haben, auch Trojaner eingesetzt haben - vermutlich in Pakistan. Nur: Beweisen lasse es sich nicht, sagen Fachleute, da die Amerikaner keines ihrer „Werkzeuge“ zeigen, sondern nur selektiv Meldungen weitergeben würden. Belegt ist indes im aktuellen Fall der Nutzen einer hessischen Ermittlungsmethode, die ohne das heimliche Eindringen in fremde Computer auskommt. Der Präsident des hessischen Landeskriminalamts, Peter Raisch, verweist auf das Projekt FuBiS (Früherkennung und Bekämpfung islamistischer Strukturen in Hessen). Koordiniert vom LKA fließen Erkenntnisse der Polizei, der Ausländer- und Sozialbehörden, der Justiz sowie der Gefängnisleitungen zusammen. Die systematische Arbeit mit FuBiS habe auch diesmal wertvolle Erkenntnisse gebracht, sagt Raisch.

Was ist mit den Deutschen, die im Sommer in Pakistan festgenommen wurden?

Sechs Deutsche oder Personen mit deutschem Aufenthaltstitel wurden in diesem Jahr in Pakistan festgenommen. Das Interesse der Sicherheitsbehörden konzentriert sich vor allem auf den Deutsch-Türken Tolga D., der in Pakistan mit einem gefälschten afghanischen Pass aufgegriffen wurde. Tolga D. war in der Szene des verbotenen Multi-Kultur-Haus-Vereins in Ulm und Neu-Ulm aktiv und gilt als fanatischer Islamist. Sicherheitsexperten äußern sich unterschiedlich über seine Rolle im aktuellen Fall: Einer ordnet den Deutsch-Türken dem Umfeld der Terrorzelle zu, andere Fachleute sprechen nur von Kontakten zwischen D. und dem Tatverdächtigen Fritz G. Gegen den inzwischen in Deutschland inhaftierten Tolga D. ermittelt die Staatsanwaltschaft München, allerdings ohne Bezug zu den geplanten Anschlägen.

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