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Terrorwarnung zu Silvester aus Ankara? : Deutsche Sicherheitskreise dementieren türkische Berichte

Türkischen Medienberichten zufolge plante der IS in der Silvesternacht Simultan-Anschläge in München und fünf weiteren europäischen Städten, der türkische Geheimdienst habe davor gewarnt. Deutsche Sicherheitskreise dementieren diese Angaben.

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In München waren zu Silvester der Hauptbahnhof und der Bahnhof in Pasing wegen Hinweisen auf bevorstehende Anschläge vorübergehend geschlossen worden.
In München waren zu Silvester der Hauptbahnhof und der Bahnhof in Pasing wegen Hinweisen auf bevorstehende Anschläge vorübergehend...Foto: dpa

Warnungen des türkischen Geheimdienstes sollen türkischen Medienberichten zufolge in der Silvesternacht zeitgleiche Selbstmordanschläge der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Deutschland, Österreich, Belgien, Frankreich und Großbritannien vereitelt haben. Dazu gehörten türkischen Medienberichten zufolge auch die mutmaßlich geplanten Gewaltaktionen in München. Deutsche Stellen sollen sich bei den türkischen Kollegen bedankt haben. Deutsche Sicherheitskreise betonen allerdings, der Terroralarm in der Silvesternacht in München gehe vor allem auf die Angaben eines Irakers zurück.

Der Mann hatte sich am 23. Dezember bei der Polizei in Karlsruhe gemeldet und berichtet, sein Bruder im Irak kenne Terroristen, die bis zum 6. Januar Anschläge in München verüben wollten. Silvester ging dann bei den deutschen Behörden zudem eine teilweise ähnliche Warnung eines ausländischen Nachrichtendienstes ein. Dabei habe es sich jedoch nicht um den türkischen Geheimdienst gehandelt, sagte ein Sicherheitsexperte dem Tagesspiegel. Auch Österreich dementierte, von der Türkei gewarnt worden zu sein.

Details von Medienberichten über die angeblich verhinderten Anschläge könnten die Debatte über den massenweisen Zuzug von syrischen Flüchtlingen in Europa weiter anheizen.

Dem Bericht zufolge mischten sich die IS-Selbstmordattentäter unter Flüchtlinge

Zeitungsmeldungen zufolge mischten sich die IS-Todeskandidaten aus Syrien unter die Flüchtlinge, die zu hunderttausenden nach Europa strömen. Teilweise sollen sie dabei mit Menschenschmugglern zusammengearbeitet haben. Türkische Regierungsvertreter äußerten sich am Donnerstag zunächst nicht zu den Berichten.

Unter Berufung auf Regierungskreise meldete die englischsprachige "Hürriyet Daily News", der türkische Geheimdienst MIT sei nach der Verhaftung von zwei türkischen Staatsbürgern, die im Auftrag des IS in Ankara einen Silvester-Anschlag planten, auf die Vorbereitungen für die europaweiten Gewaltaktionen gestoßen. Musa Canöz (28) und Adnan Yildirim (40) waren am 30. Dezember in der Hauptstadt festgenommen worden und sitzen inzwischen in Untersuchungshaft.

Bei der Durchsuchung des Verstecks von Canöz und Yildirim fanden die Ermittler der Zeitung zufolge in den E-Mails eines Computers die Hinweise auf die geplante Terrorwelle in der Türkei und der EU. Demnach sollten IS-Mitglieder in der Silvesternacht zeitgleich in Ankara, München, Österreich, Belgien, Großbritannien und Frankreich zuschlagen. Abu Mohammed al-Adnani, IS-Chefpropagandist und hochrangiger Anführer der Terrormiliz, habe die Selbstmordattentate in den insgesamt sechs Ländern angeordnet. Dazu seien 13 IS-Selbstmordkandidaten aus dem nordsyrischen Rakka, der Hauptstadt des IS-"Kalifates" in die Türkei und nach Europa geschickt worden.

In München waren zu Silvester der Hauptbahnhof und der Bahnhof in Pasing wegen Hinweisen auf bevorstehende Anschläge vorübergehend geschlossen worden. Auch in der belgischen Hauptstadt Brüssel wurden Silvesterfeiern abgesagt. Schon vor den Festnahmen in Ankara hatten türkische Medien unter Berufung auf Sicherheitskreise von Plänen des IS für groß angelegte Anschläge in Europa zu Neujahr berichtet.

Unklar ist, ob die Warnungen wirklich vom türkischen Geheimdienst kamen

Kurz nach dem Jahreswechsel tauchten in türkischen Medien erste Berichte über Warnungen aus Ankara an europäische Länder auf. Darin hieß es, die syrischen IS-Mitglieder Hasan al-Talab und Muhammed al Suri seien mit anderen Extremisten bereits im Oktober nach Europa gereist, um zum Jahreswechsel spektakuläre Anschläge zu begehen. Wegen der erhöhten Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden an den Flughäfen hätten sich die Dschihadisten unter die Flüchtlinge gemischt, die über die Ägäis und das Mittelmeer in die EU gelangen.

Ob und wieweit der türkische Geheimdienst MIT tatsächlich an der Vereitelung von Anschlägen in Europa beteiligt war, blieb am Donnerstag aber offen. Der nationalistische Oppositionspolitiker Ümit Özdag sagte in einem Zeitungsinterview, der Hinweis auf eine geplante Gewalttat in München sei aus dem Irak gekommen und sei vom MIT aufgenommen worden.

Ankara wird vorgeworfen, nur zögernd gegen die Dschihadisten vorzugehen

Die Regierung in Ankara und der MIT stehen bei Kritikern innerhalb und außerhalb der Türkei im Verdacht, nur sehr zögernd gegen den IS vorzugehen. So sollen im Vorfeld des IS-Selbstmordanschlags von Ankara im Oktober, bei dem mehr als 100 Menschen starben, zahlreiche Hinweise auf die Täter ignoriert worden sein. Nach Angaben westlicher Diplomaten arbeitete die Türkei zu Beginn des Syrien-Konfliktes mit radikalen Gruppen dort zusammen, weil sie sich von den Extremisten einen Beitrag zu einem raschen Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al Assad versprach. Ankara weist die Vorwürfe zurück und unterstreicht immer wieder den Willen der Türkei zu einer stärkeren Zusammenarbeit mit europäischen Geheimdiensten. Die Berichte über eine Rolle des MIT bei der Verhinderung von Anschlägen in Europa könnten dazu beitragen, das Image der Türkei aufzupolieren.

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