Politik : Testen, testen, testen

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Von Dagmar Dehmer

So etwas wie den Hormonskandal hat sich Christian Grugel einfach nicht vorstellen können. Der Leiter der neuen Bundesanstalt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit findet es „schrecklich“, dass das Geschlechtshormon MPA zwei Jahre lang in Viehfutter verbreitet werden konnte. Denn „auf so eine Idee ist bisher wirklich niemand gekommen“, sagt er. Auch wenn seit Donnerstagabend die gesperrten Bauernhöfe nach und nach freigegeben werden, ist der Skandal für ihn noch nicht ausgestanden. Denn auch wenn in den 140 Fleischproben, die bisher untersucht sind, keine Hormone nachgewiesen wurden, gibt es keine Garantie, dass das Hormon bereits aus der Nahrungskette verschwunden sei.

Trotzdem lässt sich aus dem MPA-Skandal etwas lernen, sagt Grugel. „Es reicht nicht, Lebens- und Futtermittel nur auf einzelne unerwünschte Stoffe zu prüfen“, sagt er. Bevor nach diesen Einzelstoffen gesucht werde, müsse zunehmend nach unerwünschten Wirkungen geforscht werden. Das könnte solche Überraschungen verhindern, meint Grugel. Es gehe also darum, Testverfahren zu finden, mit denen etwa nach hormonellen Wirkungen gesucht werden könnte. Denn dann wäre MPA, obwohl der Einsatz schon lange verboten ist, aufgefallen.

Doch schon vor dem Hormonskandal haben Bund und Länder die Zahl der Futtermittelproben mehr als verdoppelt. Seit zwei Jahren gibt es zudem einen verbindlichen nationalen Kontrollplan, berichtet Toni Roth, der im Stuttgarter Landwirtschaftsministerium für die Futtermittelkontrolle zuständig ist. Allerdings sagt Roth auch: „Es ist nicht möglich, eine Rundumkontrolle zu garantieren.“ Und gegen kriminelle Energie, wie im Fall des Hormonskandals, bei dem Abfälle aus der Pharmaindustrie in Futtermittel gemischt worden waren, komme man mit den Kontrollen auch nicht an.

Allerdings wollen Bund und Länder künftig enger zusammenarbeiten, damit die Daten aus den Kontrollen nicht versanden. Sie sollen nun gemeinsam ausgewertet werden. Damit könnte Deutschland auch der Dauerkritik des EU-Verbraucherkommissars David Byrne begegnen, der immer wieder die chaotische Organisation in den förderalen Staaten angeprangert hatte.

Ob künftige Skandale durch eine Positivliste verhindert werden könnten, in der vermerkt wird, welche Stoffe zu Futtermitteln verarbeitet werden dürfen, ist allerdings umstritten. Verbraucherministerin Renate Künast (Grüne) fordert sie vehement. Auch der Unions-Agrarexperte Peter Harry Carstensen hält die Positivliste für „völlig richtig“. Die Zahl von 10 000 Stoffen, die laut Byrnes Sprecherin Beate Gminder überprüft werden müssten, halten deutsche Experten für viel zu hoch. Gerade mal 330 Rohstoffe stehen auf der Positivliste, auf die sich die Futtermittelindustrie gemeinsam mit dem Deutschen Bauernverband und dem Verbraucherministerium geeinigt hat. Deshalb sagt auch der Bauernverband: „In dieser Frage sind wir mit Renate Künast einig.“

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