Politik : Teufelspakt im Maghreb

Nach dem Treueschwur der algerischen Salafisten für Al Qaida befürchtet die Bevölkerung weitere Selbstmordattentate

Martin Gehlen

Berlin - „Die Anschläge von Algier haben die Dämonen der Gewalt wieder geweckt, die wir glaubten, eingedämmt zu haben", kommentierte am Tag nach den Bombenexplosionen die algerische Zeitung „Liberté“. Seit den beiden Angriffen auf den Regierungssitz und eine Polizeizentrale mit 33 Opfern geht in der Bevölkerung die Angst um, die „schwarzen Jahre“ des Bürgerkriegs könnten wieder zurückkehren. Mindestens 150 000 Menschen haben in dem Jahrzehnt nach der annullierten Parlamentswahl 1992 bei Kämpfen zwischen Militär und Islamisten ihr Leben verloren, die meisten von ihnen normale Bürger.

Die algerischen Terroristen haben zwei Feinde, erläutert die Expertin Hamida Layachi in der französischen Zeitung „Le Monde“. „Das sind die algerischen Machthaber und der Westen, vor allem Frankreich“. Die neue Führung der in „Al Qaida des Islamischen Maghreb“ (AQMI) umbenannten „Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf“ (GSPC) sei in Afghanistan ideologisch geschult und spezialisiert im Bombenbau. Ihr Vorbild sei der Kampf im Irak.

Und der wird dort überwiegend ausgetragen mit Selbstmordattentaten – eine in Algerien bisher unbekannte Terrorpraxis. Während des gesamten Bürgerkriegs in den 90er Jahren hat es nur eine einzige Kamikaze-Tat gegeben, als sich ein 17-Jähriger vor einem Polizeikommissariat in Algier in die Luft sprengte. Das aber ist seit dem feierlichen Anschluss der algerischen Salafisten an das Al-Qaida-Netz im November 2006 anders geworden – und lässt für die Zukunft Schlimmes befürchten. Jetzt gelten auch in Algerien Osama bin Ladens Kampfstrategie und Propagandamethoden. So wählten die Täter diesmal den symbolträchtigen 11. eines Monats als Datum, rekrutierten für die Anschläge drei Selbstmordattentäter und stellten deren Fotos ins Internet. Der Angriff auf den Regierungssitz „wurde ausgeführt von Muaz Bin Jabal, der einen Lastwagen mit 700 Kilogramm Sprengstoff in das Gebäude fuhr“, hieß es in einem dazugehörigen Text.

Beide Seiten profitieren von diesem neuen Teufelspakt: Al Qaida kann seinen Aktionsradius auf den Maghreb ausweiten und so international neue Handlungsfähigkeit demonstrieren. Dafür bietet sie den regionalen Terrorzellen die mediale „Vermarktung“ unter ihrem weltbekannten Terrorlogo.

Für Algerien ist dies eine gefährliche Entwicklung. Denn sie kann bedeuten, dass der unter Präsident Abdelaziz Bouteflika seit vier Jahren mühsam vorangebrachte Prozess der inneren Versöhnung und Befriedung in dem nordafrikanischen Ölstaat am Ende zerstört wird.

Zwar ist es dem Präsidenten gelungen, durch sein Amnestieangebot etwa 4000 GSPC-Kämpfer zur Aufgabe zu bewegen und damit die radikalen Islamisten erheblich zu schwächen. Aber 500 bis 1000 Männer sind ihren Terrorzellen treu geblieben. Die meisten operieren in den Wäldern der Kabylei – eine Region östlich von Algier, die teilweise so unzugänglich ist wie die afghanischen Berge. Noch Ende März hatten Militär und Polizei mit großangelegten Razzien begonnen, um die verbliebenen Höhlenverstecke auszuheben – begleitet von der optimistischen Ansage des Innenministers, der Terror in Algerien sei so gut wie zerstört. Seit dem 11. April wurden er und die Bevölkerung eines anderen belehrt.

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