Politik : „Teuflische Pläne gegen die Araber“

Iraks Nachbarn vergleichen die Kämpfe in Falludscha mit Israels Vergeltungsaktionen in der Palästinenserstadt Dschenin

Andrea Nüsse[Amman]

Gesellschaften haben unterschiedliche kollektive Erinnerungen. Die eigene Geschichte und Kultur bestimmen ihre Wahrnehmung von Ereignissen. Sie sind auch die Quelle historischer Vergleiche, die zum Verständnis aktueller Vorgänge herangezogen werden – auch wenn sie meist hinken. Während in den USA darüber debattiert wird, ob der Vergleich mit dem Krieg in Vietnam stimmt, wird in der arabischen Welt eine andere Parallele gezogen: Die Umzingelung und Bombardierung der irakischen Stadt Falludscha wird mit der israelischen Offensive gegen die palästinensische Stadt Dschenin im April 2002 gleichgesetzt. Diese ging in das kollektive Gedächnis der arabischen Welt als „Massaker“ ein, auch wenn dieser Darstellung heftig widersprochen worden ist. Nach palästinensischen Angaben wurden damals hunderte Zivilisten getötet, nach israelischen Angaben kamen dagegen etwa 50 palästinensische Kämpfer ums Leben.

Die Fernsehbilder von US-Hubschrauberangriffen auf eine Moschee sowie die unbestätigten Berichte aus Falludscha, wo nach Krankenhausangaben über 600 Iraker getötet worden sein sollen, verankern die Gleichsetzung von amerikanischer und israelischer Besatzung in Irak und Palästina in den Köpfen und Herzen vieler Araber. Damit ist das „worst case scenario“ eingetreten. Der jordanische Kommentator Mussa Keilani veröffentlichte seine Analyse unter dem Titel „Die USA haben Irak bereits verloren.“ Am Wochenende zogen zahlreiche Medien in der Region den Vergleich mit Palästina. „In der ersten Aprilwoche 2002 begingen israelische Besatzungstruppen ein furchtbares Massaker in Dschenin. In der ersten Aprilwoche 2004 begingen amerikanische Besatzungssoldaten ein menschliches Massaker in Faludscha", schrieb die saudische Tageszeitung „Al Dschasira“ . In beiden Fällen seien Kampfflugzeuge vom Typ F-16 und Apache-Hubschrauber eingesetzt worden. Die Tageszeitung der Vereinigten Arabischen Emirate, „Al Khaleej“, schreibt, dass in Falludscha und in Dschenin die „Zerstörer“ die „gleichen teuflischen Pläne gegen die Araber“ hätten.

Bestimmte Gruppen, die der US-Besatzung von Anfang an kritisch gegenüberstanden, bemühen sich seit langem darum, eine Parallele zwischen dem Irak und Palästina herzustellen. Diese Botschaft fiel bei einer Mehrheit der Iraker lange Zeit nicht auf fruchtbaren Boden. Anders als die öffentliche Meinung in der arabischen Welt, welche den US-Angriff auf den Irak strikt ablehnte, haben viele Iraker auf eine Intervention gehofft, um Saddam Husseins Regime zu stürzen. Von der in der Region vorherrschenden panarabischen Ideologie, die sich mit dem irakischen Diktator arrangierte und seine Verbrechen verschwieg, hatten sie genug. Doch die Fehler der Amerikaner im Irak nach Kriegsende, von der Zulassung der Plünderungen bis zur Auflösung der Armee, haben das Vertrauen in die USA erschüttert. Das harte militärische Vorgehen in Falludscha hat viele Iraker schockiert und spontane Hilfsaktionen von Sunniten und Schiiten ausgelöst.

Arabische Regime geraten nun unter Druck: So haben kuwaitische Parlamentarier und Aktivisten ein Komitee zur „Unterstützung der Iraker gegen die amerikanische Besatzung“ gegründet. Eine lokale islamistische Gruppe forderte von der Regierung, die 25 000 US-Soldaten im Lande beherbergt, sich „auf die Seite der Iraker“ zu stellen.

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