Politik : Teure Rente

Immer mehr Berufstätige gehen vorzeitig in den Ruhestand, weil sie keine Jobs mehr bekommen – und müssen auf viel Geld verzichten

Rainer Woratschka

Berlin - Es ist offenbar keine Frage des Wollens, sondern eine der Alternativen. Immer mehr Berufstätige, so hat der Verband deutscher Rentenversicherungsträger (VDR) ermittelt, verabschieden sich vorzeitig in den Ruhestand. Im vergangenen Jahr war es schon fast die Hälfte der so genannten Neurentner – 45 Prozent, das sind 435 000 Menschen. Ihre Zahl steige von Jahr zu Jahr, sagt VDR-Geschäftsführer Franz Ruland, trotz „gravierender finanzieller Folgen“ für die Betroffenen.

Ruland spricht von den Abschlägen, mit denen die Versicherer den vorzeitigen Renteneintritt vergällen. Bestraft werden die jüngeren Rentner lebenslang und doppelt. Zum einen fehlen ihnen die Beiträge bis zum 65. Lebensjahr, zum andern wird ihnen die Rente für jeden vorgezogenen Monat nochmals um 0,3 Prozent gemindert. Im Schnitt gingen ihnen allein durch diesen Abschlag, so hat der VDR berechnet, 14,3 Prozent der ohnehin knapp gewordenen Rente flöten. Das sind, wieder auf alle Renten hochgerechnet, 173 Euro im Monat.

Freiwillig tue sich das kaum einer an, meint Walter Hirrlinger, der Präsident des Sozialverbands VdK. „Vielen bleibt aber nichts anderes übrig.“ Denn was tun, wenn man mit Ende 50 gekündigt wird, keine Arbeit mehr findet – und nicht sein jahrzehntelang fürs Alter zurückgelegtes Vermögen aufbrauchen will, um danach die neue Arbeitslosenhilfe zu erhalten? Die Arbeitsmarktreformen – verkürzter Anspruch auf Arbeitslosengeld und ein Arbeitslosengeld II, bei dem alle Ersparnisse auf den Tisch müssen – verschärften das Problem, prognostiziert auch Ruland. Da helfe auch nicht, dass inzwischen immer mehr Teilzeitarbeiter und arbeitslos Gewordene durchaus gewillt seien, ihren Renteneintritt wegen der „beträchtlichen Einbußen“ hinauszuzögern.

Wer sich im vergangenen Jahr wegen Arbeitslosigkeit mit 60 in die Rente verabschiedete, bekam den maximalen Abschlagsatz von 18 Prozent aufgebrummt. Das war nicht immer so. In den ersten Jahren nach 1972, als man langjährig Versicherten die vorzeitige Rente ermöglichte, gab es zunächst gar keine Abzüge. Wer früher Rentner wurde, dem fehlten nur Beitragsjahre. Doch das war nicht durchzuhalten. Die Dauer des Rentenbezugs hat sich von 1960 bis 2003 bei Männern in Westdeutschland im Schnitt um 54, bei Frauen sogar um 77 Prozent erhöht. Und bis 2030 werde die Lebenserwartung nochmals steigen, sagt Ruland. Männer bezögen ihre Rente dann 18,4 Jahre lang statt bisher 16 Jahre. Bei Frauen steige die Bezugsdauer von 20 auf 22,6 Jahre.

Das bedeutet zweierlei: zum einen, dass es noch knapper wird für die Rentenkassen. Zum anderen aber auch, dass die Versicherer mit den Abschlägen – relativ gesehen – ein immer besseres Geschäft machen. Lebenslange Abschläge rechnen sich für sie desto mehr, je älter die Rentner werden.

Und so wachsen die Begehrlichkeiten. Mit noch höheren Abschlägen ließen sich die Rentenkassen wunderbar auffüllen – ohne große Debatten über Nullrunden vom Zaun zu brechen. Selber schuld , wer früher geht, wäre dann das billige Argument – ungeachtet der Tatsache, dass die Hälfte der deutschen Firmen keine Menschen mehr beschäftigt, die älter als 55 sind. Während der VDR darauf beharrt, dass die derzeitigen Abschläge von 3,6 Prozent pro Jahr den früheren Renteneintritt mathematisch korrekt ausgleichen, fordern andere Experten deutlich höhere Abzüge. Bis zu fünf Prozent müssten es sein, meint der Freiburger Professor Bernd Raffelhüschen. Sein Kollege Axel Börsch-Supan und Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sind sogar für 6,5 Prozent.

Vereint drängen sie auch auf eine längere Lebensarbeitszeit. Doch hinter dieser Forderung könnte, wie Sozialpolitiker mutmaßen, auch etwas ganz anderes stecken: die Hoffnung, die Renten mit noch mehr und noch höheren Abschlägen mindern zu können

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