Thailand : Bangkok brennt

Die Spitze der roten Bewegung gibt auf, um Blutvergießen zu verhindern – doch der Untergrund ruft zur Fortsetzung des Kampfs auf.

Daniel Kestenholz[Bangkok]
Dichte Rauchwolken liegen am Mittwoch über dem Geschäftsviertel der thailändischen Hauptstadt.
Dichte Rauchwolken liegen am Mittwoch über dem Geschäftsviertel der thailändischen Hauptstadt.Foto: AFP

Nach einem neunwöchigen Protest, der als Volksfest begann und am Mittwoch mit einer gewaltsamen Armeeoffensive niedergeschlagen wurde, haben sich die Führer der oppositionellen Rothemden in Bangkok ergeben und ihren Protest für beendet erklärt. Nicht aber ihren Kampf.

Während die Spitze der Roten aufgab, weil sie kein weiteres Blutvergießen wollte, setzten Kräfte aus dem Hintergrund einen Verwüstungszug durch Bangkok ins Werk. Rote Radiostationen und ihr Untergrundnetz hatten dazu aufgerufen. Die relativ niedrige Opferzahl scheint daher erstaunlich: Nach Behördenangaben starben bei der achtstündigen Offensive gegen die rote Zone mindestens sechs Menschen, darunter ein italienischer Fotojournalist, 58 wurden verletzt. Ein internes Papier der regierenden Demokraten hatte mit bis zu 500 Toten durch eine Militäroffensive gerechnet.

Kaum waren die Führungsleute der Roten in Handschellen abgeführt, gingen die Börse, das riesige Einkaufszentrum Central World, das Siam-Square-Kino, Geschäfte und Regierungsgebäude in Flammen auf. Central World, Thailands größtes Einkaufszentrum, war bei Einbruch der Nacht fast völlig zerstört. Der riesige, eben renovierte Komplex, Sinnbild für Bangkoks Offenheit und Modernität, drohte in sich zusammenzustürzen. Der Fernsehsender TV3 bat darum, Soldaten zu seinem Schutz zu schicken. Mehr als 100 Menschen mussten per Hubschrauber vor einem Brand gerettet werden – der Mob hatte ihnen den Weg versperrt.

Alle paar Minuten meldeten Bangkoker auf dem sozialen Netzwerk Twitter neue Sabotageakte und Feuer. Mindestens zwölf Gebäude gingen in Flammen auf, und die Truppen schienen überfordert. Radikale schossen selbst Feuerwehrleute bei Rettungsarbeiten nieder. Nach Ausrufung der nächtlichen Ausgangssperre, die das Aufräumen in der Stadt erleichtern sollte, waren den Menschen noch vier Stunden verblieben, nach Hause zu gelangen. Es kam zu chaotischen Szenen auf Bangkoks Straßen, Autos blieben in langen Staus stecken. Supermärkte schlossen vorzeitig, Menschen legten lange Wege nach Hause zu Fuß zurück, weil die Behörden Busse aus dem Verkehr zogen. Über weitere Provinzen, wo zornige Rote Stadthallen niederbrannten, wurde das Kriegsrecht verhängt, von dem die Generäle allerdings nicht Gebrauch machten.

Nach Dutzenden von ultimativen Aufrufen, das rote Protestviertel im Zentrum von Bangkok zu räumen, hatten thailändische Sicherheitskräfte gestern vor Sonnenaufgang zur lange angedrohten Aufräumoperation angesetzt. Hubschrauber kreisten über der Stadt, im Schutz von Panzerwagen näherten sich Truppen kauernd mit Gewehren im Anschlag den Frontbarrikaden der Roten. Lautsprecher gaben letzte Warnungen durch, sich zu ergeben, dann begann der Vorwärtskampf, gleich neben dem malerischen Lumpini-Park, der grünen Lunge Bangkoks, die den Roten in diesen Wochen als Waffenarsenal diente. Schwarz gekleidete Paramilitärs der Roten mit automatischen Gewehren leisteten erbitterten Widerstand. Die Militanten ließen mit Autoreifen verstärkte Barrikaden in Flammen aufgehen und platzierten Gaskanister als Bomben. Eliteeinheiten entschärften mit Sprengfallen versehene Bunker der Roten, nahmen Dutzende der „Schwarzen“ fest und hatten Befehl, Plünderer und Aufrührer ohne Vorwarnung zu erschießen. Über der Stadt lagen dicke, schwarze Rauchschwaden.

Der ideologische Kopf der Rothemden Dr. Weng Tojirakarn und der militante Heißporn Arisman Pongruangrong waren vor dem Anrücken der Truppen geflohen. Arisman wurde Stunden später gefasst. Aus dem Exil meldete sich der De-facto-Führer der Roten, der abgesetzte frühere Premierminister Thaksin Shinawatra, mit der Niederschlagung des Protests werde der Aufstand nicht beendet. Thaksin prophezeite „Banden von Guerillas“. Postwendend konterte Regierungssprecher Panitan, wenn eine „äußere Kraft“ eingreife – womit Thaksin gemeint war –, seien die Bemühungen um Versöhnung gescheitert. Der frühere thailändische Außenminister Surin Pitsuwan, Generalsekretär der Gemeinschaft der Länder Südostasiens Asean, sprach dagegen, auf Thaksin anspielend, von der „Stimme der Landbevölkerung“, die sich klar und deutlich gemeldet habe. Der Regierung bleibe wenig Zeit, Hilfsprogramme für die armen Provinzen anzupacken.

Regierungssprecher Panitan rief am Mittwoch zu Frieden und Versöhnung auf, die Roadmap zu vorgezogenen Wahlen und Reformen bleibe auf dem Tisch. Doch erst brauche es eine „Säuberungsaktion“, um die um sich greifende Anarchie unter Kontrolle zu bringen. Das lange Zögern mit den vielen Ultimaten hatte wohl weniger mit Unentschlossenheit der Regierung als damit zu tun, dass man den Roten die Chance für einen Kompromiss und Abzug geben wollte. Eine Kalkulation, die den Grad der Organisiertheit der Militanten unterschätzte. Kaum war die rote Führung in Polizeigewalt, erklärte die Armee die Operation für beendet. In manchen Gebieten lieferten sich Truppen und Banden gleichwohl bis in die Nacht einen Häuserkampf.

Die verhaftete Spitze der Rothemden wird derzeit in der Polizeikaserne Naresuan in Hua Hin in Südthailand verhört. Es steht zu befürchten, dass ihre Menschenrechte dabei kaum eine Rolle spielen.

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