THAILAND : Der König schweigt

Seit 63 Jahren sitzt Bhumibol Adulyadej auf dem thailändischen Thron. Das Militär sichert seine Macht. Doch das Land kommt nicht zur Ruhe: Immer wieder gibt es Putschversuche, Straßenschlachten, Forderungen nach mehr Demokratie. Und der König? Schweigt.

Peter Saale

Er hat den Thron seit 1946 inne, das Volk ist mit ihm aufgewachsen. Er war immer schon da, unangefochten an der Staatsspitze, solange die Menschen denken können. War er nicht immer gut zu ihnen gewesen? Seine Majestät Bhumibol Adulyadej von Thailand, dienstältester Regent der Welt, muss mit anschauen, wie Demonstranten in roten Hemden durch Bangkok ziehen. Dabei ist die Farbe des Königs doch Gelb.

In Thailand gehört zu jedem Wochentag eine Farbe, der Montag ist Gelb, und weil Bhumibol an einem Montag geboren wurde, ist Gelb die Farbe der Krone. 63 Thronjahre lang badete Thailand ausschließlich im Bhumibol-Gelb. Jede Frau, jeder Mann und jedes Kind haben etwas Gelbes: ein Polohemd, ein Armband, eine Fahne oder ein T-Shirt. Viele tragen es jeden Montag, an Feiertagen trägt das ganze Volk diese Farbe. Und nun forderten plötzlich 100.000 Menschen in Bangkok den Rücktritt einer gelben Regierung. Die Roten versichern, auch königstreu zu sein. Warum tragen sie dann Rot? Was ist geschehen?

König Bhumibol - 81, Jurist, Politologe, Fotograf, Jazzsaxophonist - ist ein eleganter, schmächtiger Mann. Er hat ein schmales Gesicht und Segelohren. Seine Majestät spricht stets bedacht und tritt grundsätzlich ernst, also würdevoll auf. 1927 war Bhumibol in den USA geboren worden, als Abkömmling von Thailands königlicher Mahidol-Familie. Die Eltern brachten ihn für sechs Jahre nach Thailand und dann in die Schweiz, wo er Schule und Universität absolvierte. Bruder Ananada war als Kind zum König ernannt worden, doch er starb kurz vor seiner Krönung im Königspalast durch einen Pistolenschuss. Es wurde nie geklärt, wer schoss. "Als ich kam, war er tot", sagte Bhumibol, der an dem Tag auch im Palast war. Stunden später trat er, 18 Jahre jung, als König an die Stelle seines Bruders. Bhumibol, auch Rama IX genannt, ist neunter Regent der Chakri-Dynastie, die den Thron seit dem 18. Jahrhundert besetzt.

In den Kinos läuft Königs-Propaganda

Als Bhumibol in den 50er Jahren als junger König auftrat, war Thailands einst allmächtiges Königshaus am Boden. 1932 war die absolute Monarchie per Revolution durch eine konstitutionelle ersetzt worden. Das Militär hatte das Sagen, die Krone nur noch zeremonielle Bedeutung. Doch Bhumibol konnte sich bei Machtkämpfen als Zünglein an der Waage etablieren, und er konnte die Krone wieder an vielen Staatsfirmen beteiligen. Durch regelmäßige Inlandsreisen gewann er die Gunst des Volkes, meist arme Bauern. Als erster König Thailands stapfte Bhumibol in Gummistiefeln und mit hoch gekrempelten Ärmeln durch schlammige Reisfelder und über Hühnerfarmen. Er fotografierte, machte Notizen, entwarf 400 Bewässerungssysteme, gab Saatgut und Futter.

Bhumibol arbeitete hart dafür, dass es den Menschen besser geht. Dabei profilierte er sich enorm. Das Volk sah einen engagierten Mann, dem offenbar vor allem eines am Herzen lag: das Wohl Thailands. Mit dem Volk im Rücken gelang es Bhumibol, die wieder gestiegene Bedeutung der Krone zu formalisieren. Immer neue Verfassungen gaben dem Königshaus immer mehr Gewicht. Bald kam niemand in Wirtschaft, Politik und Militär mehr an dem Monarchen vorbei. Die ersten 25 Verfassungs-Artikel garantieren bis heute Unantastbarkeit. "Niemand soll den König jeglicher Kritik oder jeglicher Anschuldigung aussetzen", steht da. Der König ist Hüter des Buddhismus, "verehrende Anbetung" ist Pflicht. Auf Majestätsbeleidigung steht Gefängnis.

Rituale sind Pflicht. Alle Thais müssen jeden Morgen und jeden Abend stillstehen, wenn überall im Land die Hymne des Königreiches erschallt. Täglich laufen im Fernsehen kurze Filme oder Fotos, die den König zeigen. Jeder Kinostreifen beginnt erst nach einem Kurzfilm, der Bhumibol glorifiziert. Derweil müssen sich alle Saalgäste erheben. Bhumibols Geburtstag sowie sein Hochzeitstag sind nationale Feiertage, monatelange Festivitäten begleiten runde Thronjubiläen. Alle Untertanen werfen sich vor Mitgliedern der Königsfamilie auf den Boden, küssen Füße und wagen keinen direkten Blick. Bhumibol soll ein Mal fast ertrunken sein, weil niemand sich traute, ihn zu retten, da man den König dabei hätte berühren müssen. Am Ende kam wohl ein Ausländer zur Hilfe.

Ein kritischer Blogger muss für zwei Jahre ins Gefängnis

Thailand ist laut Verfassung eine "Demokratie mit dem König als Staatsoberhaupt". Öffentlich, demonstrativ bescheiden wie immer, sagt Bhumibol: "Sollten die Leute mich nicht wollen, können sie mich herausschmeißen." Und: "Wenn ich etwas tue, möchte ich wissen, ob die Menschen zustimmen oder es ablehnen. Der König ist fehlbar." Dabei hat er abgesegnet, dass Kritik an ihm mit Gefängnis bestraft wird.

Ausländer, die wegen Majestätsbeleidigung zu Gefängnis verurteilt wurden, hat Bhumibol öfter begnadigt. Thailändern ergeht es schlechter. Vergangene Woche wurde der Blogger Suwicha Thakhor zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Er stellte ein Bild ins Internet, das den König beleidigt haben soll. Vor zwei Monaten flüchtete Professor Giles Ji Ungpakorn aus Thailand, weil er wegen Majestätsbeleidigung angeklagte worden war. "Ich glaube nicht, dass ich ein faires Verfahren bekomme", sagte Ungpakorn. Er hatte sich mit der Nähe des Königshauses zum Militär auseinandergesetzt.

Bhumibol umgab sich früh mit Generälen, mit seinem Segen stürzt das Militär regelmäßig  demokratisch gewählte Regierungen. Seit Einführung der konstitutionellen Monarchie 1932 herrscht in Thailand ein erbitterter Machtkampf, seitdem gab es 19 Staatsstreiche, 18 Verfassungen und 27 Premiers. Unter Bhumibol vergingen nie mehr als fünf Jahre ohne Putschversuch. Zuletzt beseitigte 2006 ein Staatsstreich einen demokratisch gewählten Premier: Thaksin Shinawatra. Dessen Popularität hatte der Achse Monarchie-Militär unverschämte Bedeutungskonkurrenz gemachtw. Thaksins Wähler fühlen sich betrogen, es sind die Roten, die nun auf die Straße gingen. "Zeit für Revolution", rief Thaksin den Demonstranten zu.

Die Achse Monarchie-Militär verhindert die Demokratie

Das Militär setzt seinen Anspruch, Einfluss auf die Politik zu nehmen, mit Waffengewalt durch. König Bhumibol Adulyadej scheint das zu akzeptieren. Im Gegenzug schützen die Generäle offenbar den unantastbaren Status der Krone. "Wir bleiben in der Mitte, neutral, im friedlichen Nebeneinander mit allen", sagt Bhumibol zwar. Aber niemand glaubt an seine Neutralität.

Der Autor Paul Handley denkt, dass im Schatten der mächtigen Monarchie-Militär-Achse keine Demokratie wachsen kann. "Als Bhumibol seine Überlegenheit gegenüber rivalisierenden Menschen demonstriert hatte musste er das gleiche gegenüber der Demokratie tun, einer autonomen Kraft, die nicht in sein Konzept passt", schreibt Handley, ein Amerikaner, der 13 Jahre lang in Thailand lebte. Handley beschreibt Bhumibol auf 450 Seiten als berechnenden Machtmenschen, der in erster Linie um sich selbst und seine Monarchie besorgt sei. "Der König lächelt nie" heißt das Buch, das in Thailand natürlich verboten ist. Der Autor darf nicht mehr ins Land.

König Bhumibol Adulyadej von Thailand: ein vom Volk geliebter Monarch, die einzige Konstante in einem Land, das politisch einfach nicht zur Ruhe kommt. So sehen ihn all jene, die davon überzeugt sind, dass Bhumibol den Menschen Halt gibt und Thailand regelmäßig vor noch schlimmerem Unheil bewahrt. So in den 70er und 90er Jahren, als Soldaten auf Demonstranten schossen, die Demokratie forderten. König Bhumibol - sein Wort ist stärker als jedes Gesetz - mahnte Zurückhaltung an. Und sofort wurde es ruhig. Es war Bhumibol, der 1992 den Übergang von militärischen zu zivilen Regierungen unterstützte.

Bhumibol ist 81 Jahre alt. Haben längst die Generäle das Sagen?

König Bhumibol von Thailand: ein Herrscher, der im Hintergrund die Fäden immer so zieht, dass er über den Dingen und die Monarchie unumstritten bleibt. So sehen ihn all jene, die davon überzeugt sind, dass Bhumibol und seine Generäle Thailands Entwicklung zu einer modernen Demokratie absichtlich verhindern. Jüngst hätte der König vieles stoppen können, was Thailand gerade in den Ruin treibt. Bhumibol musste den Staatsstreich von 2006 nicht akzeptieren, von dem sich das Land bis heute nicht erholt hat. Doch der König empfing die Putschisten. Seine Majestät hätte Ende vergangenen Jahres Besonnenheit anmahnen können, als in Bangkok bei Straßenschlachten zwei Menschen starben, 430 verletzt wurden und Hunderttausende festsaßen, weil Demonstranten Flughäfen blockierten. Doch der König schwieg.

Bhumibol hätte auch in dieser Woche einschreiten können, als bei Straßenschlachten wieder zwei Menschen starben und mehr als 100 verletzt wurden. Aber auch dieses Mal schwieg der König. 81 Jahre ist er jetzt alt, und manche glauben, er sei nicht bei guter Gesundheit. Vergangenes Jahr sagte Bhumibol die Ansprache ab, die er traditionell an seinem Geburtstag hält. Sind längst die Generäle, die den königlichen Rat dominieren, Wortführer im Palast?

Bhumibol-Verehrer und Bhumibol-Kritiker haben eines gemein: Sie sehen das Vakuum, das der Monarch einmal hinterlassen wird, als möglichen Wendepunkt in Thailands Geschichte. Ein Thailand ohne Bhumibol wird sich sowohl der Gefahr eines Tumults als auch einer neuen Chance auf Demokratie gegenüber sehen. Wird Bhumibols einziger Sohn, Kronprinz Vajiralongkorn, übernehmen? Oder kommt die Monarchie dann endgültig auf den Prüfstand? Der Kronprinz war lange Playboy, ist zwei Mal geschieden und fiel auch sonst durch Eskapaden auf. Ihn wird das Volk nicht respektieren. Da sind sich die Gelben und die Roten einig.

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