Thailand : Die Unruhe nach dem Sturm

Von einer Bauernrevolution war die Rede: Arm gegen Reich. Doch der Protest eskalierte, als die Rothemden ihre Forderungen nach Neuwahlen nicht durchsetzen konnten. Die Regierung walzte den Aufstand nieder. Der Kampf ist beendet, doch der Konflikt in Thailand kommt nicht zur Ruhe.

Daniel Kestenholz
Der Tag danach. Feuerwehrleute löschen die letzten Flammen im zerstörten Bangkoker Einkaufszentrum Central World.
Der Tag danach. Feuerwehrleute löschen die letzten Flammen im zerstörten Bangkoker Einkaufszentrum Central World.Foto: AFP

Schweigend marschieren die Männer, in ihren Händen halten sie Fotos. Bhumibol ist darauf zu sehen, der König Thailands. Oder Sirikit, seine Frau. Es sind Soldaten, rund 150, die durch das Zentrum Bangkoks laufen. Und ihr schweigender Aufzug ist gleichzeitig ein Siegesmarsch – durch Straßenzüge, die nach heftigen Gefechten zerstört sind wie nach einem Krieg, gesäumt von ausgebrannten Ruinen, übersät von Glassplittern.

Es ist der Tag nach der thailändischen Militäroffensive gegen die oppositionellen Rothemden. Tag eins nach der Randale frustrierter Demonstranten, die das Zentrum Bangkoks in ein lebensgefährliches Gebiet verwandelten. Eine Sperrzone, in der scharf geschossen wurde. Die Proteste wurden niedergeschlagen – und die schweigenden Soldaten, die thailändische Regierung, sie fühlen sich als Sieger.

Doch auch wenn die Barrikaden der Demonstranten niedergewalzt sind und die Anführer der Bewegung kapituliert haben, ist der Konflikt im Land noch lange nicht beendet, das Chaos nicht beseitigt. Das Volk ist nach wie vor zornig – und wartet auf eine Versöhnung. Möglicherweise vergeblich. Dabei schienen sich Demonstranten und Regierung noch vor rund einer Woche näher zu kommen. Der wichtigsten Forderung der Rothemden, einer sofortigen Auflösung des Parlaments und vorgezogenen Neuwahlen, stimmte die Regierung da zu, beraumte sie allerdings erst für November an. Das reichte den Rothemden nicht, sie kämpften weiter – und das Militär schlug zurück.

Straßen können sofort repariert werden, sagt der Gouverneur von Bangkok, Sukhumbhand Paribatra. „Aber wir wissen nicht, wie lange es dauert, die verletzten Herzen der Menschen zu heilen.“

Was Anfang März als Demonstration für Neuwahlen und eine Rückkehr zur Demokratie begann, endete nun, Wochen später, blutig. Seit 2006 schwelt der Konflikt in Thailand schon. Damals hatte das Militär den Regierungschef Thaksin Shinawatra, der sich besonders für die verarmte Landbevölkerung stark gemacht hatte, aus dem Amt geputscht. Immer wieder flammten seitdem die Auseinandersetzungen zwischen den oppositionellen Rothemden und den bürgerlichen Gelbhemden auf, die die derzeitige Regierung unterstützen. Geblieben davon ist diesmal – viel Schwarz: Asche und Ruß.

Am Donnerstag liegt der Geruch von Rauch noch immer über der Stadt, Feuerwehrleute löschen das letzte Glimmen in Ruinen, Mitarbeiter der Stadt rollen Stacheldraht ein, entsorgen die Reste der Straßensperren und Barrikaden der Roten. 35 Gebäude waren nach dem Ende der Militäraktion in Flammen aufgegangen, darunter das mehrstöckige CentralWorld-Einkaufszentrum, das völlig ausbrannte.

Noch immer liegt der Geruch von Rauch über der Stadt

Nun beginnt das große Aufräumen. Obwohl die Polizei im Ratchaprasong-Viertel, dem Kerngebiet der Demonstranten, noch immer nicht die volle Kontrolle hat. Vereinzelt sind Schüsse zu hören, einige Rothemden wollen sich, so sagt die Polizei, nicht mit dem Ende der Proteste abfinden. Bis Sonntag haben die Behörden eine nächtliche Ausgangssperre verhängt, zu groß ist die Gefahr. Am Donnerstagmittag eilen Menschen durch die Stadt, um Essen zu kaufen – und sich wieder in ihre Häuser zurückzuziehen.

Wochenlang hatten die Demonstranten die „Rote Zone“ inmitten der Stadt nach Ablauf eines Ultimatums besetzt gehalten, zwischen Nobelhotels und Einkaufszentren ein großes Zeltlabyrinth errichtet, in dem angereiste Bauern, Unterstützer der Opposition, lebten, ihre Anführer die Strategien diskutierten. Am Mittwoch schließlich, im frühen Morgengrauen, waren gepanzerte Fahrzeuge durch die Straßen gewalzt, hatte die Armee Barrikaden unter Beschuss genommen. Schnell wurden die ersten Todesopfer gemeldet. Allein in den vergangenen sechs Tagen starben mindestens 52 Menschen bei den Protesten. Seit deren Beginn sind nun mehr als 60 Tote und 400 Verletzte gezählt.

„Vereinigte Front für Demokratie gegen Diktatur“ (UDD) heißt die Bewegung der Rothemden offiziell, die die Proteste gegen die Regierung seit Mitte März koordiniert hatte. Und deren Anführer einer nach dem anderen kapitulierten. Nattawud Saikua, Chef der UDD und sein Mitstreiter Jatuporn Promphan gaben am Mittwoch auf. Am Donnerstag stellten sich auch die Oppositionspolitiker Veera Musigkapong und Weng Tojirakarn, die die Demonstranten noch bis zum Schluss mit Durchhalteparolen angefeuert hatten. Und nun appellierte auch der UDD-Sprecher Kokaew Pikulthong an die Anhänger der Rothemden, den gewalttätigen Widerstand aufzugeben: „Meine Botschaft ist: Unser Kampf ist gerecht und geht weiter, wir sollten unserem Ärger nicht durch Randalieren Luft machen“, sagte er der Zeitung „Nation“.

Von einer Bauernrevolution war in diesen Wochen die Rede gewesen. Arm habe gegen Reich aufbegehrt. So hatte der Protest auch begonnen, als 100 000 Menschen Bangkoks Straßen in ein rotes Meer verwandelten. Viele Menschen im armen Norden spendeten der Bewegung ihr hart erarbeitetes Geld, ließen Felder und Arbeit zurück und zogen euphorisch nach Bangkok. Die meisten der Regierungsgegner leben im bevölkerungsreichen Nordosten des Landes. In den letzten Tagen, als nur noch Hassreden von der roten Bühne abgefeuert wurden, harrten jedoch nur noch ein paar hundert Getreue aus. Die nicht wieder weg konnten. Weil ihr Geld nicht ausreichte für die Reise zurück in die heimatlichen Orte weit außerhalb Bangkoks. Oder weil Rothemden ihre Ausweise einkassiert hatten.

Ihr Lager hatten die roten Demonstranten bewusst im Finanzzentrum der Millionenstadt aufgeschlagen, Brandsätze trafen ausgewählte Gebäude: die Börse, Banken, einen Fernsehsender, das moderne Einkaufszentrum. Dessen Besitzer ist auch Inhaber der Zeitung „Thai Post“, die Bauern aus dem armen nordöstlichen Isaan gewöhnlich „kwai“ nennt, Büffel. Auch Geldautomaten der Bangkok-Bank wurden von Vandalen systematisch zerstört. Alles, was die Macht und den Einfluss des alten Systems symbolisierte, es gehörte verwüstet.

„Wir sind überzeugt, dass in den nächsten paar Tagen Frieden und Anstand nach Thailand zurückkehren“, versicherte der Regierungssprecher Panitan Wattanayagorn am Donnerstag. Er sagte, er verstehe den Frust der Demonstranten. „Aber die Gewalt von gestern Abend war mehr als Frust“, sagte er. „Das war organisierte Kriminalität.“

Auf die Flüchtlinge warten Busse für die Fahrt in den Norden

Gebannt sind Gefahren und Anarchie mit Worten nicht. Noch am selben Tag zogen Rothemden durch Stadtviertel und verlangten von Anwohnern „Schutzgelder“. Ein paar tausend Baht, rund 100 Euro, und ihnen werde nichts geschehen.

In der jüngeren Geschichte gibt es nur ein Ereignis, das Gegenstück zu den Protesten in Bangkok ist: die Unruhen vor zwölf Jahren in Jakarta, als Diktator Suharto gestürzt worden war. Damals brannte Indonesien, dieser Tage rückt Thailand an den Rand eines Bürgerkriegs. Doch jetzt rebellieren nicht die Massen gegen einen Despoten. Die Revolution, auf die die Rothemden hofften, sie findet nicht statt. Stattdessen leidet die gesamte Bevölkerung unter einer radikalen Gruppe mit militärischer Struktur und zahlungskräftigen Unterstützern.

„Ich war rot“, sagt eine Frau, die sich nach Tagen wieder auf die Straße wagt. „Aber doch nicht diese Art von Rot.“

Doch Zeit für eine Abrechnung mit der Opposition bleibt nicht. Will Regierungschef Abhisit Vejjajiva nun seinen Willen zur Versöhnung glaubwürdig und aufrichtig zeigen, so wird er den Wahltermin vorziehen müssen. Seit Monaten fordern die Rothemden seinen Rücktritt.

Am Tag nach der Niederschlagung der Proteste meldete sich Thaksin Shinawatra aus dem Exil zu Wort. Der ehemalige Premierminister gilt als Symbolfigur der Oppositionellen. Auch er rief nun zu gewaltfreiem Widerstand auf. Weil die Regierung seiner Familie nachweisen kann, dass sie viel Geld an die Rothemden überwies, könnte Thaksin wegen Terrorismus angeklagt werden. Den Anführern der Roten droht der Tod durch die Giftspritze.

Die Aufmerksamkeit des Auslands scheint ungleich verteilt. Die thailändische Regierung, von den Rothemden als Mörder- und Hitler-Regime verdammt, wurde von keiner einzigen ausländischen Nation verurteilt. Gordon Duguid, Außenamtssprecher der USA, zeigte sich im Gegenteil tief besorgt, dass Rothemden Brände legten, die Strominfrastruktur und Journalisten attackierten. Anerkennung erhielt Premier Abhisit auch vom australischen Außenminister Stephen Smith. Seine Truppen hätten sich zurückgehalten bei der Lösung der Krise.

Und die „Bangkok Post“ schrieb, wohl keine zweite Regierung der Welt hätte dermaßen Geduld bewiesen im Umgang mit Demonstranten, die über Kommandos mit schweren Waffen verfügten, die Straßensperren errichteten und Passanten kontrollierten, die ein Hospital und Ärzte bedrohten und eine Zehn-Millionen-Stadt als Geisel nahmen und schließlich gar ihre eigenen Anhänger als Schutzschilde missbrauchten.

700 von ihnen verstecken sich noch am frühen Donnerstagmorgen in der von Dschungeldickicht zugewachsenen Tempelanlage Wat Pathum Wanaram, alte Männer, Frauen, Kinder. Es wird doch niemand in einem Tempel schießen, hatten sie gedacht. Doch es wurde geschossen.

Neun Tote sind aufgebahrt, als Sicherheitskräfte die Eingeschlossenen erreichen. Die meisten starben auf der Straße, sagt ein Mönch. Am Boden, zwischen Buddhas und Gebetsschreinen, klebt überall Blut. Als Soldaten kommen, bricht Panik aus. Doch sie tun nichts, unterbreiten den Menschen ein Angebot der Regierung – die jene doch bis aufs Blut hassen. Es warten Busse, die Menschen werden nach Hause gefahren. Zurück in den Norden, von wo sie vor Wochen von den Rothemden angekarrt worden waren.

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