Thailand : Kriegszone Bangkok

Brennende Reifen, Explosionen und zehn Tote: Einen Tag nachdem ein Oppositionsführer erschossen wurde, eskaliert die Gewalt in Thailands Hauptstadt. Steht das Land vor dem Absturz in einen Bürgerkrieg?

Daniel Kestenholz
Ein einsamer Demonstrant in Bangkok beobachtet den Aufmarsch von Polizeieinheiten.
Ein einsamer Demonstrant in Bangkok beobachtet den Aufmarsch von Polizeieinheiten.Foto: dpa

Nach einer mehr als zwei Monate dauernden Belagerung und erfolglosen Gesprächen greift Thailands Regierung hart durch: Eine rund zwei Quadratkilometer große Zone im Herzen der Zehn-Millionen-Metropole Bangkok gleicht seit Freitag einem Schlachtfeld mit offenen Feuergefechten, brennenden Reifen, Explosionen und einer wachsenden Zahl von Opfern. Mindestens zehn Tote und 125 Verletzte wurden gezählt. Die Eskalation der Konfrontation zwischen Sicherheitskräften und Regierungsgegnern erfolgte am Tag nachdem der militanteste Führer der oppositionellen Rothemden, Majorgeneral Khattiya Sawasdipol, von einem Scharfschützen erschossen wurde. Die Regierung will die Operation erst abbrechen, wenn die Roten ihren Widerstand bedingungslos beenden und sich die Führung ergibt.

In einer am späten Abend von allen Fernsehstationen übertragenen Erklärung teilte die Regierung mit, vorangegangene Versöhnungsversuche seien an der Einmischung von Altpremier Thaksin Shinawatra gescheitert, der die Rothemden aus dem Exil dirigiere. Ein Ameesprecher drohte den Protestierenden, wer sich den Truppen nähere, werde beschossen, der beste Weg, weitere Verluste zu verhindern, sei es, den Protest zu beenden. Ziel der Truppen war es am Freitag, das Protestgebiet hermetisch abzuriegeln. Die Truppenpräsenz stieg deutlich an, Soldaten hatten Meter um Meter zu erobern und stießen vielfach auf erbitterten Widerstand. Junge Aufrührer brachten Armeefahrzeuge in ihre Gewalt, darunter einen mit Tränengas beladenen Transporter, dessen Ladung man der Armee zurückgeben werde, wenn diese angreife, so ein roter Sprecher höhnisch. „Der Ruf Thailands nimmt ungeheuren Schaden“, sagte der britische Botschafter in Bangkok, Quinton Quayle. „Diese Krise trifft einfach alle“, befand der Schweizer Robert Järmann, Manager des Dream-Hotels unweit der Kampfzone. Er mache sich Sorgen um das Geschäft und die Angestellten. „Der Tourismus ist total am Boden. Der Einbruch ist katastrophal.“ Er hätte nie gedacht, dass die Krise so lange andauere, doch „wenn man verfolgt, was alles dahintersteckt und um wie viel Geld es geht, dann ist das nicht überraschend“.

Regierungschef Abhisit scheint abwarten zu wollen, bis die Armee die Lage in den Griff bekommt. Das kann dauern. Man wolle die rote Zone nicht überrennen, sagte Regierungssprecher Panitan Wattanayagorn, sondern die „Lage stabilisieren“. Dabei steigt mit jeder Stunde das Risiko, dass Generäle das Militärrecht ausrufen und sich über die Regierung stellen. Vom Regierungschef war gestern kein Wort zu vernehmen, dafür von seinem Finanzminister Korn Chatikavanij. Dieser rechtfertigte die Militäroperation damit, dass die Regierung von der eigenen Bevölkerung hart kritisiert worden sei für die Geduld im Umgang mit den Roten. Deshalb habe die Regierung das Notrecht über Bangkok auf weitere 15 Provinzen ausgeweitet. Denn die Lage könnte sich weiter zuspitzen, wenn sich Massen von Roten auf Kommando der Führung aus den Provinzen nach Bangkok aufmachten.

Unterdessen wurde die tiefe Spaltung innerhalb der roten Führung offenbar. Ein gemäßigter Flügel unter dem früheren Chef der Roten Veera Musikapong hat sich gänzlich von einem militanten Flügel losgesagt. Es ist unklar, wer derzeit in Kontrolle der Roten ist, doch der am Donnerstag angeschossene Seh Daeng hatte noch am Vortag gesagt, der exilierte Führer der Roten, Altpremier Thaksin Shinawatra, „will nicht, dass der Protest zu Ende geht. Wenn es vorüber ist, kann er nicht nach Hause zurückkehren“. Thaksin seinerseits, der mutmaßliche Drahtzieher hinter der ganzen Protestbewegung, rief aus dem Exil zu einem Rückzug der Truppen und zu Friedensgesprächen auf.

Der Konflikt zeige eine „tief gespaltene Gesellschaft auf“, sagt der „New York Times“-Journalist Thomas Fuller, der Seh Daeng interviewte, als dieser durch einen Kopfschuss zusammenbrach. „Die Institutionen sind gespalten, die Armee scheint gespalten, die Polizei scheint Sympathien für die Demonstranten zu haben. Und die Bevölkerung ist geografisch gespalten.“

Deutsche Reiseveranstalter reagierten auf die Eskalation am Freitag und erklärten, vorerst keine Touristen mehr nach Bangkok bringen zu wollen. Nach der erneuten Eskalation der Gewalt in der thailändischen Hauptstadt haben die Tui, der Thomas-Cook-Konzern sowie Dertour und Meiers Weltreisen alle Reisen dorthin bis zum 31. Mai abgesagt. Dertour und Meiers bieten außerdem kostenlose Umbuchungen und Stornierungen für Touren nach Nordthailand an. Zuvor hatte das Auswärtige Amt seine Reisehinweise verschärft: Von Reisen nach Bangkok werde „derzeit dringend abgeraten“.

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