Thailand : Misstrauen in Bangkok

Nach den blutigen Gefechten in Thailands Metropole könnte es Verhandlungen geben – aber keiner will den ersten Schritt machen.

Daniel Kestenholz

BangkokKnapp eine Woche nach Beginn der Militärblockade zeigen Bangkoks Rothemden deutliche Spuren der Zermürbung. Mehrere tausend Regierungsgegner hielten sich auch am Dienstag weiter in ihrem Protestcamp in der Hauptstadt verschanzt, allerdings wirkte ihr äußerer Verteidigungsring – verstärkt durch Abfallberge – am Morgen einsam und verlassen. In der Nacht zuvor war es im Gegensatz zu den blutigen Gefechten an den Vortagen weitgehend ruhig geblieben. Nach Tagesanbruch kam es zu sporadischen Gewaltausbrüchen. Die Regierungstruppen zögerten weiter, die rote Zone mit Gewalt zu stürmen.

Die strategische und logistische Abschottung der Roten beginne zu greifen, sagte Regierungssprecher Panitan Wattanyagorn. In zwei bis drei Tagen sei man am Ziel. Die Regierung verlängerte die Feiertage für Bangkok bis zum Ende der Woche. Gleichzeitig brachte der Chefunterhändler der Regierung, Korbsak Sabhavasu, das Angebot vorgezogener Wahlen wieder auf den Tisch. „Wir sind bereit, Wahlen neu auszuhandeln, und arbeiten hart an einer Lösung. Wir wollen nicht, dass Unschuldige sterben. Wir klammern uns nicht an die Macht“, sagte er. Allerdings wischte Vizepremier Suthep Thaugsuban den Vorschlag der Rothemden, im Gegenzug für einen Truppenabzug eine Waffenruhe zu vereinbaren, vom Tisch: Das sei „Unsinn“. Zunächst müssten die Proteste beendet werden.

Auf Forderungen der Vereinten Nationen, sofort Friedensgespräche aufzunehmen, reagierte die thailändische Führung derweil gereizt. Der Rechtsstaat müsse gegen Terrorelemente verteidigt werden, lautet die Regierungslinie. Offen bleibt allerdings, wer vor möglichen Verhandlungen zwischen der Regierung und den Demonstranten den ersten Schritt wagt. Die Rothemden trauen der Regierung nicht, die aus einer gestärkten Position heraus verhandelt. Der Regierung von Ministerpräsident Abhisit Vejjajiva war es gelungen, das finanzielle Netzwerk der Rothemden zu zerreißen. 106 Konten wurden eingefroren, darunter die Geldquelle der Familie des früheren Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra. Die demonstrierenden Rothemden sind überwiegend Thaksin-Anhänger.

Den Hintermännern der Rothemden scheint neuerdings das Geld zu fehlen, ihren bezahlten Mob und die schwarz gekleideten Paramilitärs in den Stellungen zu halten. Und allein aus ideologischen Gründen gehen in Thailand nur wenige auf die Straßen.

Zudem nahmen die Behörden am Dienstag den Anführer Nattawut Saikua fest, die rechte Hand des zu den Rothemden übergelaufenen Generals Khattiya Sawasdipol, der am Vortag nach einem Attentat seinen Verletzungen erlegen war. Den Vorwürfen der Regierung zufolge hatten sich konkrete Terrorvorwürfe gegen Saikua erhärtet.

Das größte Hindernis für einen Abzug der Rothemden scheint allerdings deren Führungsfigur Thaksin zu bleiben, der seinen neuen Anwalt Robert Amsterdam für einen Verhandlungstag nach Bangkok schickte. Nach Angaben von Personen, die mit den Gesprächen vertraut sind, besteht Thaksin auf einer Amnestie. Erst dann würden die Rothemden abziehen, lautet die Forderung. Ein Gericht hatte den 2006 gestürzten Premierminister wegen Korruptionsvorwürfen zu zwei Jahren Haft verurteilt. Ende Februar ordnete das Oberste Gericht überdies die Beschlagnahmung eines großen Teil des Vermögens Thaksins – 1,4 Milliarden US-Dollar – an. Weitere Verfahren laufen. Um der Haftstrafe zu entgehen, floh Thaksin 2008 außer Landes.

In diesen Tagen richtete Thaksin einen Aufruf an die Vereinten Nationen, dass alles getan werden müsse, um das Blutbad in Bangkok zu stoppen. Damit wurde auch die von den Rothemden aufgebaute Illusion zerstört, dass Thaksin nichts mehr mit ihrem Protest zu tun habe.

0 Kommentare

Neuester Kommentar