Politik : Thanks, Jacques

George W. Bush verlässt Evian hochzufrieden – er hat Frankreichs Präsident Chirac die Themen gestohlen

Sabine Heimgärtner[Evian]

Das mit Spannung erwartete Vier-Augen-Gespräch zwischen US-Präsident George W. Bush und Frankreichs Staatschef Jacques Chirac brachte am zweiten G-8-Gipfeltag im französischen Evian zumindest dies: Freundlichkeiten. Die beiden Spitzenpolitiker hatten sich vor malerischer Kulisse mit Blick auf den Genfer See zum ersten Mal seit ihrem Zerwürfnis über den Irak-Krieg zu einem Einzelgespräch getroffen . Wie erwartet, ging es um den Wiederaufbau im Irak und die Friedensinitiativen im Nahen Osten – die Bush zum Anlass nahm, den Gipfel wegen geplanter Gespräche mit arabischen Politikern in Ägypten vorzeitig zu verlassen (siehe Bericht unten).

Über Einzelheiten der halbstündigen Unterredung zwischen Bush und Chirac wurde nichts bekannt. Natürlich wurden die üblichen Floskeln ausgetauscht, der „gemeinsame Wunsch“ nach einem weltweit besseren Wirtschaftswachstum, die „herzliche Atmosphäre“ und der „positive Austausch im Hinblick auf die Lösung brennender Probleme“. Nur welche? Und wie?

Das bündige „Thanks, Jacques“ erwiderte Chirac zum Abschied mit einem verlegenen, etwas schiefen Händedruck, die Sprachregeln eines französischen Spitzenpolitikers sind eben andere als die eines Texaners. Alles deutete daraufhin, dass Bush den von allen Beteiligten eher gefürchteten „Nachkriegs“-Gipfel äußerst zufrieden verließ – so zufrieden immerhin, das er Chirac für den Herbst zu einem Zweiergipfel in die USA einlud. Die internationale Presse rechnete es seiner „Kompromissfähigkeit“ und partnerschaftlichen Haltung zu Europa an, dass in Evian ein erster Schritt zu einer „Normalisierung“ der amerikanisch-europäischen Beziehungen getan wurde. Lediglich die französischen Medien befanden die erste Begegnung der beiden Präsidenten, bei strahlendem Sonnenschein auf der Terrasse des Royal-Hotels, als „kalt“, „scheinheilig“ oder, etwas diskreter, „untertemperiert“.

Möglicherweise wollen sich die Franzosen nicht damit abfinden, dass die Amerikaner ihnen erneut die Schau gestohlen haben: mit Dritte-Welt-Themen, die bislang Chirac für sich beanspruchte. Und dass Bush offenbar weiterhin das Heft in der Hand hält, auch soweit es das künftige Verhalten der „alten europäischen Freunde“ betrifft. Hinter verschlossenen Türen soll Bush zum Beispiel Missfallen an den europäischen Agrarsubventionen geäußert und die Länder der Europäischen Union aufgefordert haben, die eigenen Bauern weniger zu päppeln. Stattdessen sollten sie mehr Finanzmittel an Länder der Dritten Welt geben. Auch in Sachen europäischer Widerstand gegen genmanipulierte Lebensmittel wurde Bush deutlich – nur sie könnten armen Ländern langfristig helfen, ihre Bevölkerung zu ernähren. Schließlich forderte Bush Europa auf, sich im Kampf gegen Aids stärker zu engagieren, und kündigte einen US-Etat von 15 Milliarden Dollar für die nächsten fünf Jahre an.

Vor allem Chirac war überrascht und fühlte sich offenbar überfahren. Kleinlaut kündigte er an, Frankreich werde seine Aidshilfe verdreifachen, auf 150 Millionen Dollar. Hunger, Trinkwasser, Epidemien und Entwicklungshilfe – bislang alles andere als typische Themen für Bush, der damit in Konkurrenz zu Chirac und in Anwesenheit von zwölf geladenen Staats- und Regierungschefs Asiens, Lateinamerikas und Afrikas bestens reüssierte.

Auch bei seinem wichtigsten Anliegen, dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus, gelang es Bush, den G-8-Mitgliedern seinen Stempel aufzudrücken. „Die G-8-Länder müssen sich bei unseren Initiativen engagieren, es gibt eine Fülle von extrem wichtigen Aufgaben“, hatte schon beim Anflug der US-Delegation ein Spitzenmann aus dem Weißen Haus leicht drohend angekündigt. Bundeskanzler Gerhard Schröders sicherheitspolitischer Berater, Bernd Mützelburg, enthüllte am zweiten Gipfeltag, was Bush meint: Millionenbeträge sollen von den G-8-Ländern bereitgestellt werden, um ärmeren Ländern beim Aufbau so genannter Aktionsgruppen im Kampf gegen den Terrorismus zu helfen. Gedacht ist an die Ausbildung von Polizisten und Soldaten sowie logistische, technische und materielle Hilfe.

Über Zurückliegendes, die Legitimation des Irak-Kriegs oder den Kriegsvorwand, nämlich die irakischen Massenvernichtungswaffen, wurde nicht geredet. Mit den Worten des kanadischen Premiers Jean Chretien: „Über die Vergangenheit wurde kein Wort verloren, alle konzentrierten sich darauf, eine solidarische Stimmung zu schaffen“.

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