Politik : Thierse: Schüler nicht auf Leistung reduzieren

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Berlin (dpa). Zehn Wochen nach dem Erfurter Amoklauf ließ das Drama die Wahlkämpfer im Bundestag am Mittwoch nochmals für fast drei Stunden innehalten. Keine hitzige Debatte, keine Polemik – trotz des näher rückenden Wahltermins. Stattdessen einte alle Parteien die Sorge um wachsende Gewaltbereitschaft sowie den Konsum von Killerspielen und Gewaltvideos. Übereinstimmend mahnten die Politiker zur Besinnung auf gemeinsame Werte und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

„Es stimmt etwas nicht in einer Gesellschaft, die Gewalt zum wichtigsten Gegenstand ihrer allabendlichen Fernsehunterhaltung macht“, stellte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) gleich zu Beginn fest. Er berichtete von einer großen Flut von Briefen, die er nach der Tat des 19-jährigen Gymnasiasten Robert Steinhäuser von Schülern aus dem ganzen Bundesgebiet erhalten habe – Klagen über wachsenden Leistungs- und Konkurrenzdruck in der Schule, Beschwerden über Lehrer, die aussortierten statt zu fördern und sich zu wenig Zeit für den einzelnen Schüler nähmen. Schule und Gesellschaft benötigten aber „Leistungsorientierung und Wertorientierung“ gleichermaßen. Dabei dürfe der Einzelne nicht auf Arbeitskraft und Konsum reduziert werden. Thierse forderte mehr Freiräume für Kultur, Muße und familiäres Beisammensein.

Auch CDU-Chefin Angela Merkel mahnte, das Fundament der Gesellschaft, die Familie, zu stärken. „Es gibt keine Bildung ohne Erziehung und keine Erziehung ohne Werte.“ Das miserable deutsche Abschneiden bei der Pisa-Schulstudie verdeutliche die Notwendigkeit eines besseren Wissens. Erfurt stehe auch für die Wichtigkeit der Wertevermittlung. Merkel: „Pisa und Erfurt sind unterschiedliche, aber klare Signale, der Schule wieder die Priorität zu geben, die ihr im Leben eines jeden zukommt.“

Wenn auch die Auswirkungen von Gewalt im Fernsehen, Videos und Killerspielen auf den Alltag unterschiedlich beurteilt wurden – alle Parteien eint das Ziel, noch mehr Brutalität in den Medien Einhalt zu gebieten. Merkel forderte die Eltern auf, solchen Sendern „die rote Karte“ zu zeigen. „Die Seelen unserer Kinder sind eine Million Mal mehr wert als Einschaltquoten.“ FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt erinnerte daran, dass jedes Fernsehgerät einen Abschaltknopf besitzt. „Sitzen wir heute wirklich noch im Kreis der Familie oder im Halbkreis vor dem Fernseher?“, fragte die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt. „Ganztagsschulen sind allemal besser als der Babysitter Fernseher“, meinte sie.

Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) forderte mehr Anerkennung für Lehrer. „Es ist ein wichtiger Dienst für unsere ganze Gesellschaft, wenn jemand ein guter Lehrer oder eine gute Lehrerin ist.“ Redner von SPD, Grünen und PDS mahnten, gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie Kinderarmut nicht außer Acht zu lassen. Die Debatte blieb ruhig und sachlich, auch als Göring-Eckardt das „Bejubeln von Schützenvereinen als reine Klientelpolitik“ der Union kritisierte. Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne) sprach bewegt von einem „Qualitätsmerkmal für das Parlament“, weil hitzige Wahlkampftöne draußen blieben.

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