Thronjubiläum : Wer braucht die Queen?

05.02.2012 00:00 Uhrvon

Elizabeth II. ist der Superstar der Monarchie. Vor 60 Jahren trat sie die Thronfolge an, als ihr Vater Georg VI. starb. Ihre Untertanen verehren ihre Königin – trotz mancher Skandale.

Was immer die Berufsgeheimnisse der Queen sein mögen – Fleiß, Ausdauer und Stoizismus trugen mit dazu bei, dass sie zu den erfolgreichsten der 40 britischen Monarchen gehört, die es seit Wilhelm dem Eroberer vor 1000 Jahren gab. Sogar Prinz Harry sorgt sich um das Arbeitspensum seiner 85-jährigen Großmutter. „Das dürfte sie eigentlich in ihrem Alter nicht mehr leisten“, sagt er in einem in dieser Woche ausgestrahlten BBC-Interview.

Seit 60 Jahren zeigt sich Elizabeth II. unermüdlich ihren Untertanen, immer in weithin sichtbaren Leuchtfarben und großen Hüten, nimmt Blumen entgegen, reicht Hunderten die behandschuhte Hand und lächelt.

Nie soll sie ins Schwitzen kommen, behauptet ihre neueste Biografin, Sally Bedell Smith. 23-mal war sie in Kanada, 15-mal in Australien, auch viermal in Berlin. 23 Schiffe hat sie getauft, sechs Erzbischöfe von Canterbury und bisher zwölf Premierminister überdauert. 60 Jahre – die zweifache Durchschnitts-Lebensarbeitszeit ihrer Untertanen. Aber an Rente oder Abdanken denkt sie nicht. Das verrät die Fürbitte, die beim offiziellen „Diamantenen Thronjubiläum“ im Juni in den Kirchen verlesen wird, „für ihren hingebungsvollen Dienst an ihren Ländern und Völkern, den sie fortsetzt, jetzt und alle Tage ihres Lebens“. So viel ist klar: Queen bleibt Queen, bis zum letzten Atemzug.

Niemand, der die Monarchie versteht, würde etwas anderes erwarten. Was ein Monarch ist, und wie lange, definiert sich durch seine Lebensspanne. Manchmal hat ein Monarch das Glück Generationen überspannender Langlebigkeit. Bei Elizabeth II. kommt unerschütterliche Beliebtheit dazu. Aber das alles ist nichts im Vergleich zur Kontinuität des Amtes, von Eltern zu Kindern, die über die Person hinausgeht.

Eine Queen ist keine „Landesmutter“, kein Promi höherer Art, was ihr an Loyalität und Treue entgegengebracht wird, hat nichts mit der privaten Person zu tun, die Cornflakes aus Tuppertöpfen frühstückt, sich mit bissigen Corgis umgibt, Rennpferde züchtet und gerne Kriminalromane liest. Republikaner sehen in einem Monarchen nur die durch Geburt und ohne Verdienst über andere herausgehobene Person. Sie verstehen schlecht, warum die Silhouette der Queen jede Briefmarke ziert, ihr Name auf Hydranten und Briefkästen steht und sogar das Finanzamt „Her Majesty“ gehört. Wenn die Briten ihre Nationalhymne singen, preisen sie nicht die Schönheit ihres Landes oder die Kühnheit ihrer Segelflotten, sondern wünschen einfach nur der Königin ein gesundes Leben.

Man hat Großbritanniens Resistenz gegen Faschismus und heute seine multikulturelle Offenheit damit erklärt, dass nationalistische Selbstbestimmung durch die Loyalität zum Monarchen ersetzt wird. „Untertanen“ der Queen haben kein Problem damit, den Symbolismus von Kontinuität und geschichtlicher Herkunft zu verstehen, weil sie mit ihrem eigenen Leben in Gemeinsamkeit und Erinnerung mit dem Leben und Sterben der Monarchen verwoben sind. „Sie erkennen hinter den kleinen Ritualen der Blumensträuße und Krankenhauseröffnungen die alte, vertragliche Beziehung zwischen Volk und Monarch“, schrieb der Essayist Ferdinand Mount. „Auch im 21. Jahrhundert rührt die Monarchie an verborgene Seiten, die quasi religiöse Bedeutung haben.“

Dieser sakrale Sinn der Monarchie enthüllt sich in ihrem emotionalsten und gefährlichsten Moment: dem Tod des Monarchen, dem Beginn des neuen Zyklus. Bei Königin Elizabeth II. war dies der 6. Februar 1952. König Georg VI., so teilte der Buckingham-Palast morgens um 10.45 Uhr mit, war in der Nacht in Sandringham House friedlich entschlafen. Georg, Elizabeths Vater, 56 Jahre alt, hatte Lungenkrebs. Mit Zigaretten hatte er Nervosität, Schüchternheit und das Stottern bekämpft, von dem der Kinofilm „The King’s Speech“ erzählt. Der hagere, leidend aussehende König war ein Symbol für den Überlebenskampf der Briten gegen Hitler-Deutschland geworden. Noch am Abend, als Premier Winston Churchill eine Radioansprache hielt, standen Tausende Menschen in dunkler Kälte vor dem Buckingham-Palast und weinten. Kinos und Theater waren geschlossen. Im ganzen Land waren Flaggen auf Halbmast gesetzt.

Churchill sprach von den Kriegstagen, der solidarischen Selbstverleugnung des Königs, der „Loyalität, die über die normale Beziehung zwischen König und Untertanen weit hinausgeht“. Dann erinnerte er sich an seine Kindheit unter Queen Victoria und schloss: „Ich spüre echte Begeisterung, wenn ich jetzt wie damals das Gebet und die Hymne anstimme: God Save the Queen – Gott schütze die Königin.“

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