Thüringen : Althaus: Auf Vergebung angewiesen

Dieter Althaus präsentiert sich fit für sein Amt. Auch vom Unfall spricht er, von Schuld und Verantwortung. Thüringens Landeschef redet, als sei er nie weg gewesen.

Matthias Schlegel[Erfurt]
Kinderdienst: Ministerpraesident Dieter Althaus arbeitet wieder
Zurück auf der Bühne. Dieter Althaus.Foto: ddp

Den Triumph der Wahrheit stellt es dar, das Deckengemälde eines unbekannten Künstlers, das auf mehr als 200 Quadratmetern den barocken Festsaal in der Erfurter Staatskanzlei überwölbt. Die in himmlischer Eintracht auf Wolken lümmelnden Figuren versinnbildlichen die positiven und negativen Eigenschaften der Menschen, den Glauben und das Entkommen aus der Verdammnis. Um 10 Uhr 02 tritt Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus aus einer Seitentür unter die Allegorie. Er lächelt freundlich, ohne zu lachen. Das wird er auch in den kommenden sechzig Minuten kein einziges Mal tun. Zielstrebig tritt er an das Rednerpult. Die Pressekonferenz ist eröffnet.

Fast vier Monate nach seinem Skiunfall am Neujahrstag, bei dem die 41-jährige Beata Christandl, Mutter eines einjährigen Kindes, ums Leben kam und Althaus ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt, ist Thüringens Regierungschef in sein Amt zurückgekehrt. Erwartet wird er von rund hundert Journalisten, Kameraleuten und Fotografen. Althaus hat eine gesunde Gesichtsfarbe, doch keine Urlaubsbräune. Zwei Minuten wird er über den Unfall und seinen Umgang damit sprechen. Danach 25 Minuten darüber, wie er dem Freistaat in der gegenwärtigen Krise die Zukunftsfähigkeit sichern will. Anschließend, in der Fragerunde, muss er das Verhältnis umkehren.

Seine ersten Worte sind: „Herzlich willkommen.“ Er sei sehr froh, dass er nach der „Zwangspause“ wieder in die Verantwortung als Ministerpräsident einsteigen könne. Der Neujahrstag habe sein eigenes, aber vor allem das Leben der Familie Christandl verändert. „Das belastet mich, ich trage schwer daran“, sagt er. Es habe ihm gezeigt, „wie zerbrechlich unser Leben ist“ und wie sehr der Mensch auf Vergebung angewiesen sei. Es ist der einzige Moment, in dem ein Hauch von Emotionalität durch den Raum geht.

Die Journalisten werden später nachfragen, warum er nicht einfach sage: „Ich bin schuld.“ Er habe keine Erinnerung an den Unfall und an die ersten zwei Wochen danach, antwortet Althaus. Und dann kommen Formulierungen, die auf wohlüberlegte Wortwahl schließen lassen: Die Schuld sei auf der Basis des Unfallgutachtens durch das Gericht „deutlich ausgedrückt worden“. Er habe dieses Urteil anerkannt und die Verantwortung für das Geschehene übernommen. Wegen fahrlässiger Tötung war Althaus von einem österreichischen Gericht Anfang März zu einer Geldstrafe verurteilt worden.

Ob er je daran gedacht habe, sein Amt ruhen zu lassen oder gar aufzugeben, wird er gefragt. „Nein“, antwortet Althaus. Er habe immer darum gekämpft, „wieder auf den Stand zu kommen, den ich jetzt habe“, in die Verantwortung für Thüringen zurückzukehren. Seine Frau, seine Familie, die Ärzte hätten ihm dabei geholfen. Und er dankt, auf Nachfrage, der Bundeskanzlerin dafür, „dass sie zu mir gestanden hat“. Ihm sei klar, dass der Unfall auch im Wahlkampf immer mal wieder eine Rolle spielen werde. Er sei „vorbereitet, dass all die, die Antworten wollen, sie auch bekommen“.

Bestens vorbereitet wirkt der Regierungschef auf dieser Pressekonferenz. Er spricht fließend, kein einziger Versprecher, keine Erinnerungslücke, keine Schwäche. Er wirkt vital. Sein Regierungsprogramm rattert er – größtenteils ohne aufs Blatt zu schauen – herunter, als wolle er sagen: Schaut her, hier ist einer, der keinen Zweifel daran lässt, wer in Thüringen das Sagen hat und wer die Landtagswahl am 30. August gewinnen wird. Deshalb zögert er auch nicht mit der Antwort auf die Frage, ob er zunächst noch Abstriche beim Arbeitspensum machen müsse: „Ich bin heute da, und ich werde hundertprozentig für die Aufgaben arbeiten, die sich ergeben haben.“

Seit Wochen hat er sich mit seinen engsten Mitstreitern intensiv beraten. Als wäre er nie weg gewesen, spricht er deshalb jetzt über das geplante Liquiditätsprogramm für die gewerbliche Wirtschaft, über das zu 80 Prozent vom Land geförderte Ausbildungsprogramm für dringend benötigten Berufsnachwuchs oder die Stützungsvorhaben für Opel, die derzeit beim Unternehmensvorstand liegen. Nach 60 Minuten gehen im Festsaal die Scheinwerfer aus. Althaus verlässt den Raum durch die Seitentür, zügig und lächelnd, wie er gekommen ist. Hoch oben sinken die Allegorien auf die menschlichen Eigenschaften wieder ins Dunkel.

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