Thüringen : Zeca Schall: ''Auf alles gefasst sein''

Nach der Attack auf Zeca Schall: Viele Thüringer sind um ihren guten Ruf besorgt. Eine Debatte über die Ursachen der in Ostdeutschland weit verbreitete Fremdenfeindlichkeit hat aber nicht eingesetzt.

Dagmar Dehmer
Zeca
Mitten im Wahlkampf. Zeca Schall will sich von der NPD nicht verbieten lassen, für die CDU zu werben. Auf der CDU-Homepage bekam...

Berlin - Die Angriffe der NPD auf den deutsch-angolanischen CDU-Politiker Zeca Schall haben eine neue Diskussion über ein mögliches Parteiverbot gegen die rechtsradikale Partei ausgelöst. Der bayerische Innenminister Joachim Hermann kündigte für das kommende Jahr einen neuen Anlauf für ein Verbotsverfahren an. Der „Thüringer Allgemeinen Zeitung“ sagte der CSU-Politiker: „Unser Ziel ist weiterhin, die NPD zu verbieten.“ Zu der Hasskampagne gegen Schall sagte Hermann: „Dieser Vorfall ist ein ganz gravierendes Beispiel für die Verfassungsfeindlichkeit und den Rassismus der NPD.“ 2003 war der Versuch, die NPD zu verbieten, vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gescheitert, weil Mitarbeiter des Verfassungsschutzes in der Parteispitze tätig waren. Hermann will auch vor einem zweiten Verbotsantrag die Spitzel des Verfassungsschutzes nicht aus der NPD abziehen.

Am Wochenende berichtete die „New York Times“ über den Mord an der kopftuchtragenden Ägypterin Marwa El-Sherbini und die NPD-Kampagne gegen Zeca Schall und stellte die Frage, was denn eigentlich in Ostdeutschland los ist. In Deutschland ging die Debatte dagegen ganz anders weiter. Die CDU in Thüringen hat Schall zwar dabei unterstützt, Polizeischutz zu bekommen, und will ihn auch weiter mit Auftritten für Ministerpräsident Dieter Althaus werben lassen. Doch die Großflächenplakate mit seinem Gesicht werden derzeit überklebt. Nach Angaben des CDU-Pressesprechers Heiko Senebald würden die Plakate schon seit dem 10. August, also schon vor den Drohungen der NPD gegen Schall, ausgetauscht. Das entspreche dem Wahlkampfplan seiner Partei und „hat nichts mit der NPD zu tun“.

In Schalls Heimatstadt Hildburghausen fürchtet man indes vor allem „das negative Licht“, das durch die Berichterstattung über den Vorfall auf die Stadt fallen könnte. „Wir sind weder fremdenfeindlich noch rechtsextremistisch“, sagte Bürgermeister Steffen Harzer (Linke) der Nachrichtenagentur ddp. Eine Debatte über die Ursachen für die in Ostdeutschland weit verbreitete Fremdenfeindlichkeit und den Rassismus in der Mitte der Gesellschaft hat indes nicht eingesetzt.

Peggy Piesche wundert das nicht. Sie ist in Arnstadt in Thüringen aufgewachsen. Dass die 41-Jährige heute in New York am Vassar College Germanistik lehrt, hat auch damit zu tun, dass sie schwarz ist. „Es gibt einen Grund, warum ich nicht mehr in Thüringen bin“, sagt sie. Wenn sie ihre Eltern dort besucht, „tue ich das nie, ohne alles ganz genau abgesprochen zu haben“. Sie wird am Bahnhof mit dem Auto abgeholt, „und nachts würde ich dort nie das Haus verlassen“. Peggy Piesche fühlt sich in ihrer Heimat eingeschränkt, weil sie „auf alles gefasst sein zu muss“. Bevor Piesche nach New York ging, arbeitete die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin im europäischen Forschungsprojekt mit, Black European Studies (Best), über schwarze Geschichte in Europa. Schon zu DDR-Zeiten wurden Schwarze diskriminiert. Da Vertragsarbeiter aus Mosambik, Angola oder Sambia in zentralen Gemeinschaftsunterkünften leben mussten, hatten die jungen Männer kaum eine Chance, die Mütter ihrer Kinder in der DDR zu heiraten. Eine Eheschließung wurde ihnen in der Regel verweigert, gemeinsamer Wohnraum auch. Positive Vorbilder habe es in der DDR für Schwarze nicht gegeben.

Anna Klein, die an der Universität Bielefeld zum Thema „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ forscht, führt die „rassistischen, fremdenfeindlichen und islamophoben Einstellungen“ in Ostdeutschland darauf zurück, dass sich Ostdeutsche subjektiv Westdeutschen gegenüber benachteiligt fühlten. „Personen, die sich selbst nicht anerkannt und benachteiligt fühlen, sind eher bereit, andere abzuwerten.“

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