Tibet : Tote und Verletzte bei Protesten gegen China

Die Lage in Tibet spitzt sich zu: Am Freitag ist es in Lhasa zu den schwersten Ausschreitungen seit fast 20 Jahren gekommen. Autos und Geschäfte in der Altstadt brannten, Restaurants und Läden bleiben geschlossen. Die Proteste richten sich gegen die chinesische Einmischung in die religiösen Angelegenheiten der Tibeter.

Tibet
Dramatische Lage in der Hauptstadt Lhasa. -Foto: AFP

PekingDie größten antichinesischen Proteste in Tibet seit fast zwei Jahrzehnten sind am Freitag in Gewalt eskaliert: Nach Angaben der städtischen Notfallrettung wurden mehrere Menschen getötet. Wütende Tibeter steckten in der Altstadt von Lhasa eine Reihe von Geschäften sowie Polizei- und Feuerwehrwagen in Brand, verprügelten Polizisten und Feuerwehrleute. Augenzeugen wollten Schüsse sowie eine Explosion gehört haben. Demonstranten sollen die chinesische Flagge auf dem Platz vor dem Tempel eingeholt und mit Füßen auf ihr herumgetrampelt haben. Die Ausschreitungen sind der vorläufige Höhepunkt der Proteste anlässlich des Jahrestages des 1959 niedergeschlagenen Aufstandes gegen die chinesischen Besatzer.

"Es herrscht Chaos", sagte eine Augenzeugin. "Die Menschen hatten Stöcke und Steine in den Händen." Die Polizisten hätten vor der aufgebrachten Menge zurückweichen müssen. Ein Großaufgebot von Sicherheitskräften sei mobilisiert worden, darunter auch Polizisten, die spezielle Ausrüstung gegen gewalttätige Demonstranten trugen. Zu Ausschreitungen sei es auch auf dem Platz vor dem Potalla-Palast gekommen.

Alltag in Lhasa ist zum Erliegen gekommen

Ein französischer Tourist sagte, er habe auf dem zentralen Platz von Lhasa gestanden, als "jede Menge Polizisten eintrafen". "Wir haben in der Menge der Demonstranten weiße Fahnen gesehen", sagte der Franzose. Bei den Demonstranten handele es sich im wesentlichen nicht um Mönche. Die Protestierenden seien von Polizisten vom Platz vertrieben worden. "Als die Lastwagen mit den Polizisten ankamen, gab es eine gewisse Panik", sagte der Franzose. "Wir sind mit allen anderen weggelaufen, die Händler schlossen ihre Läden."

Durch den Einsatz starker Einheiten der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten in Lhasa ist das Leben in der tibetischen Hauptstadt am Freitag zum Erliegen gekommen. "In Lhasa ist alles geschlossen - Restaurants, Cafés und Geschäfte", sagte ein deutscher Tourist. "Man sieht nur noch Soldaten und Polizisten, nichts weiter", fügte der Tourist hinzu. "Man hat uns gesagt, wir sollen das Hotel nicht verlassen."

Die Demonstranten protestierten gegen chinesische Einmischung in ihre religiösen Angelegenheiten, die "patriotische Erziehungskampagne" der Kommunisten in den Klöstern oder sprachen sich bei einer Aktion in Lhasa auch direkt für eine Unabhängigkeit Tibets aus. Erstmals seit 20 Jahren wurde dabei wieder eine tibetische Flagge geschwenkt. Zahlreiche Mönche traten aus Protest in einen Hungerstreik. Soldaten der chinesischen Volksbefreiungsarmee umstellten und riegelten Klöster ab, berichteten Exiltibeter.

Atmosphäre der Angst und Anspannung

Aus Protest gegen die chinesische Fremdherrschaft in ihrem Hochland unternahmen zwei Mönche einen Selbstmordversuch, indem sie sich die Pulsadern aufschnitten, berichtete der US-Radiosender Radio Free Asia (RFA). Ihr Zustand gilt als "kritisch".

"Es herrscht derzeit eine sich verschärfende Atmosphäre der Angst und Anspannung in Lhasa", erklärte die Sprecherin der Internationalen Kampagne für Tibet, Kate Saunders, die zuvor mit Menschen in der Stadt gesprochen hatte. Tibet-Gruppen und die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hatten am Donnerstag berichtet, die Polizei habe bei den Protesten am Montag und Dienstag Tränengas und Elektroschocker eingesetzt und 50 Mönche festgenommen.

Die chinesische Zensur blockiert derweil alle Fernsehberichte über die Unruhen, die der amerikanische Nachrichtensender CNN und die britische BBC über Satellit nach China ausstrahlen. Sobald der Bericht anfängt, wird der Bildschirm schwarz und ist der Ton weg. Danach geht das Programm normal weiter.

Der Flughafen von Lhasa wurde nach Angaben von Reisenden unter Militärkontrolle gestellt. Es könnten keine Flugtickets gekauft werden, um Tibet zu verlassen, obwohl nicht alle Sitze in Maschinen ausgebucht seien, berichtete eine Reisende.

Proteste auch in anderen Regionen

Auch in der Stadt Sangchu, in der von China besetzten Provinz Gansu, sind Tausende Menschen auf die Straße gegangen. Das Tibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie (TCHRD) mit Sitz im nordindischen Dharamsala teilte mit, zunächst hätten in Sangchu rund 50 buddhistische Mönche vom Labrang-Tashikyil-Kloster demonstriert. Sie hätten die verbotene tibetische Flagge gezeigt und Unabhängigkeit für Tibet gefordert. Tausende Demonstranten hätten sich mit der Zeit den Protesten angeschlossen. Die Polizei habe mit scharfer Munition in die Luft geschossen, als sich Demonstranten einem Hauptquartier der Sicherheitskräfte genähert hätten.

In der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu wurden bereits am Montag rund 130 Demonstranten bei dem Versuch festgenommen, vor die chinesische Botschaft zu marschieren. In Indien wurde ein Protestmarsch von Exiltibetern von der Polizei gestoppt. Anlässlich des 49. Jahrestages seiner Flucht nach Indien warf der Dalai Lama China schwere Menschenrechtsverletzungen vor. Diese erreichten "gewaltige und unvorstellbare Ausmaße", sagte das geistliche Oberhaupt der Tibeter am Montag. (nim/sba/AFP/dpa)

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