Tibet und China : Ein letzter Kampf

Die Tibeter sehen nur noch das Olympiajahr als Chance, ihr Land wieder zurückzubekommen. Die Studenten fordern Freiheit und die Rückkehr des Dalai Lama.

Nina Ritter[Lanzhou]

Einige Dutzend Studenten treffen sich auf dem Fußballplatz der Nordwestlichen Universität für ethnische Minderheiten in Lanzhou. Es ist Sonntagnachmittag. Die Studenten sind Tibeter. Sie tragen weiße T-Shirts mit aufgemalten Blutflecken und Spruchbänder auf Tibetisch. Sie solidarisieren sich mit den Demonstranten in Lhasa und fordern ein Ende der Gewalt. Die ganze Nacht hindurch halten sie ein Sit-in auf dem Fußballplatz. Ein scheinbar kleiner Vorfall, der ungeheuerlich ist. Denn über Repression, Benachteiligung und Freiheit sprechen die Tibeter normalerweise nur hinter vorgehaltener Hand.

Lanzhou, in der sich die Universität befindet, ist die Hauptstadt der Provinz Gansu im Nordwesten Chinas. Die Tibeter allerdings zählen weite Teile dieser Provinz, ebenso wie die Nachbarprovinz Qinghai und Teile von Sichuan zum alten Tibet. Und sie fühlen sich genauso wie ihre Landsleute in der autonomen Region Tibet (TAR), in der Lhasa liegt, von China besetzt. Bis heute sind diese Gegenden außerhalb der TAR hauptsächlich von Tibetern bewohnt. Sie nennen sie bei ihren tibetischen Namen Amdo im Norden und Kham im Süden. Auch hier gehen die Tibeter überall auf die Straße.

„Es ist unglaublich“, sagt eine Bewohnerin von Golog, einer Nomadenregion in Qinghai. „Normalerweise haben die Leute Angst, irgendetwas zu sagen. Aber jetzt reden sie ganz offen.“ Dort gab es allerdings keine Demonstrationen – wahrscheinlich wegen der dort stationierten Militärgarnison. Zentrum der Proteste war die Stadt Xiahe in Gansu, in der das berühmte Kloster Labrang Tashikyil liegt. Dort zogen vergangene Woche hunderte Demonstranten friedlich durch die Stadt. Sie forderten Freiheit für Tibet und die Rückkehr des Dalai Lama. Einige zeigten die tibetische Nationalflagge: eine Sonne mit roten und blauen Strahlen, die über einem Berg mit zwei Schneelöwen aufgeht. Am Samstag gab es erneut Proteste. Die Demonstranten zogen zum Gebäude der örtlichen PSB, der chinesischen Staatssicherheit, um die Freilassung jener zu fordern, die bei der ersten Demonstration festgenommen worden waren. Dabei kam es zu Ausschreitungen. Demonstranten warfen Fensterscheiben von Geschäften ein. Tags darauf liegt eine gespenstige Stille über dem Ort. Eine französische Journalistin, berichtet: „Fast alle Läden hatten die Rollläden heruntergelassen. Auf der Straße waren kaum Leute zu sehen.“ Dafür gab es umso mehr Militär.

Auch in den Gegenden südlich von Labrang hat es Unruhen gegeben. Ein Mönch aus Machu (chinesisch Maqu) im Süden von Gansu sagte: „Auch bei uns sind die Leute aufgestanden.“ Mönche waren dort wenige beteiligt. „Die meisten waren ganz normale Tibeter“, sagt der Mönch. Der Zeitpunkt ist gewählt, wenige Monate vor den Olympischen Spielen, in denen sich die Augen der Welt auf China und auf die Menschenrechtssituation dort richten. „Überall in Tibet sind die Leute bereit“, sagt ein Tibeter, der ungenannt bleiben will. „Sie sagen, wenn wir jetzt nicht unser Land zurückbekommen, dann bekommen wir es nie zurück.“

Doch die chinesischen Behörden setzen alles daran, die Unruhen zu vertuschen. Mittlerweile sind auch außerhalb der TAR alle tibetischen Gebiete systematisch für Ausländer gesperrt worden. Am Busbahnhof in Lanzhou heißt es schlicht, die Tickets seien ausverkauft. In Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sichuan, die viele ausländische Besucher hat, wurde das Tibeterviertel abgeriegelt.

Zwei deutsche Touristen, die am Samstag nichtsahnend im Klosterort Taktsang Lhamo (chinesisch Langmusi) in Gansu angekommen sind, berichten: „Als wir abends in unser Hotel zurückkamen stand plötzlich Polizei vor der Tür. Sie ließen uns nicht mehr hinausgehen. Am nächsten Morgen wurden wir von Militärs geweckt, die draußen aufmarschierten. Sie hatten Schutzschilde und Schlagstöcke. Dann sind sie in Richtung Kloster gefahren.“ Die beiden Deutschen und ein Amerikaner wurden im Polizeiauto die mehr als 300 Kilometer bis nach Lanzhou gefahren. Auf der Straße sei ihnen eine Kollonne mit Polizeifahrzeugen entgegengekommen. Mittlerweile ist für Ausländer, die in die tibetischen Gegenden fahren wollen, kein Durchkommen mehr. Privatleute, die versuchen Ausländer im Auto in die tibetischen Orte zu bringen, riskieren Gefängnis. Die Straßen südlich von Lanzhou sind fast unbefahren. An vielen Stellen hat die Polizei Kontrollposten errichtet. Gleich hinter der Mautstelle außerhalb von Lanzhou reihen sich Busse auf dem Seitenstreifen. Polizisten kontrollieren jeden von ihnen.

Die chinesischen Behörden sind nicht an ausländischen Zeugen interessiert, falls es zu Demonstrationen kommt, und die Polizei Tibeter verhaftet, verprügelt oder Schlimmeres. Drei Tage nach dem Sit-in ist alles wie gewohnt an der Minderheiten-Uni von Lanzhou. Doch sind auffällig viele Polizisten zu sehen. Die tibetischen Studenten haben Angst. Auf die Unruhen angesprochen werden sie einsilbig. „Ja, das habe ich gehört“, sagt einer. „Aber ich weiß nicht, was genau passiert ist.“

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